Mannheim

Frauenhaus Zehn Prozent der Betroffenen suchen wegen drohender Zwangsheirat Schutz im Heckertstift / Flüchtlinge als Herausforderung für die Einrichtung

Gewalt - nach einem Leben voller Lügen

Lügen - die gehörten zur Dilaras Alltag. Von Montag bis Sonntag, von morgens bis abends. Dilara (Name geändert) ist Studentin, kommt aus Persien, lebt hier, fühlt sich wohl. Doch so richtig angekommen ist sie nie. Die Familie möchte nicht, dass sich die junge Frau wie ihre Freundinnen benimmt. Abends mal etwas trinken gehen, das geht nicht. Doch sie macht es trotzdem. Lässt sich immer wieder neue Ausreden einfallen. Kontakt zu Männern hat sie aber nicht, in dem kleinen Dorf in Persien, aus dem Dilara stammt, ist schon jemand für sie ausgesucht worden. Den soll sie bald heiraten. Doch dann lernt die Studentin übers Internet einen Mann kennen. Er wohnt in Dänemark, ist aber auch Perser, versteht die Situation. Dilara erfindet eine Studienreise und fährt zu ihm - drei Tage lang. Ein waghalsiger Plan, der nicht gut endet. Die Notlüge fliegt auf, die Gewalt beginnt.

"Kein Einzelfall"

Ihr Freund erkennt die Gefahr, kommt mit nach Deutschland und will um Dilaras Hand anhalten. Er wird verprügelt. Genauso wie Dilara. Ihre Familie misshandelt sie, schneidet ihr zur Demütigung und Entehrung die langen Haare kurz. Als die junge Frau verletzt am Boden liegt, spuckt ihr Vater auf sie. Die Studenten flieht ins Heckertstift, das Frauenhaus des Caritasverbandes Mannheim. Leiterin Ruth Syren kann sich gut an sie erinnern. "Wir haben viele Gespräche mit ihr geführt. Doch sich von der Familie loszueisen, ist schwer", erklärt sie. Die Familie ist das Zentrum - seit der Geburt. Ein Leben ohne sie - kaum vorstellbar. Während Dilaras Zeit im Frauenhaus nimmt die Familie wieder Kontakt auf. "Deine Mutter liegt im Krankenhaus, Vater ist nicht mehr böse. Komm doch zurück." Dilara gehorcht, auch wenn dieses Mal die Nachricht der Familie eine Lüge war.

"Dieses Schicksal ist kein Einzelfall", sagt Ruth Syren. "Wahrscheinlich wurde sie nun doch zwangsverheiratet. Ich finde es frustrierend, dass das Thema nach wie vor aktuell ist." Mittlerweile sind zehn Prozent der Frauen, die im Heckertstift Schutz suchen, von einer Zwangsehe bedroht, manche sind bereits gegen ihren Willen verheiratet worden. Die Befürchtung, dass es in den vergangenen Jahren mehr geworden sind, bestehe, sagt Syren. Die Sozialpädagogin erinnert sich an einen Fall in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) in Mannheim. Eine Frau aus Afrika lebte dort in einer Zwangsehe. "Auf der Flucht passiert so etwas öfter. Die Familien verbinden sich, Mädchen suchen Schutz und heiraten dann", erzählt Syren. Mädchen und Frauen hätten durch die Erziehung kein Selbstvertrauen, würden sich nach Schutz sehnen. So entstünden Beziehungen auf einem wackligen Fundament, das oft von Dominanz der Männer geprägt sei.

Verständigung schwierig

"Sind die Frauen dann aus diesem Kreis ausgebrochen, kommen sie zu uns", sagt Ruth Syren. "Die Arbeit des Frauenhauses hat sich in den Jahren stark verändert. Es gibt viele Probleme mit der Verständigung - und den Dolmetscher müssen wir selbst finanzieren." 62 Prozent der Bewohnerinnen sind Migrantinnen, bei 42 Prozent davon ist die Verständigung mehr als schwierig. Das geht aus dem Jahresbericht 2016 des Heckertstifts hervor. Die Kosten für Übersetzer werden nicht vom Tagessatz gedeckt, den meistens die Kommunen bezahlen, in denen die Frauen leben, wenn sie Arbeitslosengeld beziehen. Mannheim ist oft nicht die Heimat - schließlich sollen sie von Familie oder Ehemännern nicht gefunden werden. "Die suchen wie eine Krake, überall, jedes Familienmitglied", so Syren. "Würden die Frauen in ihrem Ort bleiben, wäre das gefährlich."

Bei Flüchtlingsfrauen, die nicht anerkannt sind, komme es zur Ausweisung. "Es gibt aber Härtefälle, wenn die Frau von massiver Gewalt bedroht ist - auch in ihrem Heimatland. Dann wird ein Aufenthaltsrecht geprüft", erklärt Syren. Aber die Unterkünfte böten nicht genug Schutz. "Es gibt eine hohe Dunkelziffer an Übergriffen." Da helfe nur Aufklärung, doch die ist - wie die vielen Behördengänge, die mittlerweile zur Arbeit der Sozialpädagogen dazugehören - zeitintensiv. Dennoch kämpfen die Mitarbeiterinnen vom Frauenhaus für jedes einzelne Schicksal - für den Weg in eine Zukunft ohne Gewalt und Lügen.