Nationaltheater

Tanz Stephan Thoss widmet seine dritte Premiere am Mannheimer Nationaltheater den nächtlichen Traumbildern

Getanzte Fragmente

Archivartikel

Da tanzen seltsame Paare - ein Mann mit leerem Blumentopf als Kopf, der in der einen Hand die Pflanze trägt und in der anderen eine Gießkanne. Und von der Decke hängt ein Körper, der sich als äußerst lebendige Lampe entpuppt. "Das ist keine Pfeife" schreibt René Magritte unter die gemalte Pfeife. Damit klärt der belgische Maler und Surrealist zumindest ein Verhältnis: Das Abbild der Pfeife entspricht nicht dem Objekt, das mit Tabak gestopft und geraucht werden kann.

Stephan Thoss lässt sich mit seiner dritten Premiere am Nationaltheater Mannheim auf dieses Verhältnis zwischen Abbild und Wirklichkeit ein. Er hat sich für "Nightbook" direkt von den Werken Magrittes inspirieren lassen. Dazu zählen die seltsam kombinierten Motive wie Hut und Apfel oder eben auch ein leerer Blumentopf als Kopf.

Sie bevölkern bei Thoss die Bühne ebenso wie das vielleicht noch bedeutendere Motiv der Verdoppelung der Körper und ihre Spiegelbilder. Für die Bühne hat sich der Chefchoreograph mehrere Ebenen ausgedacht. Ein Szenario im Vordergrund - eine Schriftstellerin hadert mit ihren Figuren - und einen mit Gaze-Vorhang begrenzten Hintergrund. Hier tauchen die Geschöpfe wie aus der Vorstellung der Autorin auf. Um den Übergang zu kennzeichnen, bespielt Thoss den transparenten Vorhang mit selbstgedrehten Filmbildern. Sie erinnern an die frühen surrealistischen Stummfilm-Experimente eines Luis Buñel und sind auch, wie Thoss im Gespräch erklärt, an sie angelehnt.

Schattenfigur als Gewissen

Dazu erklingt Musik, die sich neben den Streichquartetten von Dimitri Schostakowitsch für Anfang und Ausklang des Stücks auch der Filmmusik bedient. Besonders die Musik von Wojciech Kilar zu Roman Polanskis Mystery-Thriller "Die neun Pforten" sorgt für den geheimnisvollen Effekt, den Thoss für "Nightbook" sucht. So schaut das Publikum auf die Schreiberin, der Thoss eine Schattenfigur als Gewissen zur Seite stellt. Unermüdlich ringen sie mit einander im Vordergrund.

Dazu vermitteln im Zeitraffer abgespulte Filmbilder in Schwarz-Weiß die traumverlorene Welt der schöpferischen Fantasie. Von Thoss' Ensemble wird sie ebenso schnell wie die Filmgestalten aufblitzen in Bewegung gefasst. Männliche Figurenpaare in Anzügen mit und ohne Hut, dazu weibliche Figuren in farbigen Kleidern oder kurzen schwarzen Tricots. In den vielgestaltigen Szenen lässt sich keine Geschichte erkennen. Das ist die Idee von Thoss.

Sie soll Zuschauer in der Weise fordern, wie die Autorin mit ihren unfertigen Figuren hadert. Für Thoss ist dieser Effekt gewollt, denn er ist dem Projekt als Grundstruktur eingeschrieben. Getanzte Szenen werden entweder von folgenden überblendet oder durch harte Schnitte abrupt getrennt. Das ist der Filmsprache abgeschaut, die schon immer ihre Nähe zum Traum beansprucht.

Im Idealfall führe die Überforderung dazu, dass sich Theatergänger "Nightbook" ein zweites Mal anschauen, sagte Thoss im Vorgespräch - vielleicht die einzige Möglichkeit, die eindrucksvollen Tanzsequenzen seines Ensembles genauer wahrzunehmen. Ihre einzelnen Qualitäten beugen sich der Struktur und verlieren sich in der Vielzahl der Motive und medialen Eindrücke. Für den Moment ist das schade, denn es lassen sich viele spannende Fragmente erhaschen.

"Var" von Frank Fannar Pedersen steht dazu im Kontrast. Zur Eröffnung des Tanzabends ist das Stück des isländischen Gastchoreographen gut gewählt. Es folgt einer klaren Struktur von drei Teilen, die sich aufeinander beziehen. Allein das Thema Zeit und Vergänglichkeit ist abstrakt und findet im Schuh als Sinnbild für Schritte und Lebensspuren seine fantasievolle Verbindung zu "Nightbook". Nur lässt sich hier Magrittes Spruch über die Pfeife nicht auf den Schuh übertragen.

Er ist zwar Sinnbild, dennoch real in die Geschichte von "Var", das für "Gewesenes" steht, eingebunden. Bald leuchtet ein sich bewegendes Schuhpaar im Nebel, bald ziehen Tänzer ihre Schuhe nach und nach von den Füßen, bald fallen unzählige Schuhe vom Bühnenhimmel. Dazu tanzt das Ensemble im ersten Teil dynamisch in Paaren oder nutzt in spannenden Raumformationen als Gruppe die gesamte Bühne. Im zweiten Teil ist das "Gesicht der Nacht" am Werk und die Schuhe leuchten an den Händen der Tänzer wie seltsame Nachtgespenster. Den Schluss bildet ein Paar im Vordergrund. Es formt den Weg des Lebens tanzend mit Schuhen nach. Auch das ergibt eine Geschichte.