Politik

Migration Das Bundesamt will mit einer Spracherkennungssoftware die Geburtsländer von Flüchtlingen herausfinden

Dialekt entscheidet über Asyl

Mannheim.Wie jemand einen Buchstaben ausspricht, einen Satz bildet oder welches Wort er benutzt, verrät, woher diese Person stammt. Noch viel mehr als für den deutschen Sprachraum gilt das für die zahlreichen Sprachvarianten im Arabischen. "Dort ist die Dialektfärbung stärker ausgeprägt als hierzulande", sagt die Heidelberger Professorin für Islamwissenschaft, Susanne Enderwitz. Dass beispielsweise ein Marokkaner so gut einen syrischen Dialekt nachahmen kann, dass er für einen Syrer gehalten wird, schließt sie aus. "Das könnten nur Einzelfälle sein", meint sie. Das Aneignen fremder Dialekte aus dem arabischen Sprachraum sei schwer möglich, da diese im Fernsehen oder in der schriftlichen Kommunikation nicht verwendet würden, sagt die Wissenschaftlerin.

Genau das macht sich das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu Nutzen. Denn wenn ein Mensch ohne Ausweispapiere in Deutschland Asyl beantragt, steht die Behörde vor großen Problemen. Rund 60 Prozent aller Asylbewerber in Deutschland haben keine Ausweispapiere. Das berichtet die Wochenzeitung "DIE ZEIT" unter Berufung auf eine Schätzung der Bundesregierung. Von den insgesamt 745 545 Erstantragstellern im vergangenen Jahr beträfe das folglich rund 447 000 Asylsuchende.

Um die Herkunftsangaben dieser Menschen zu überprüfen, will das BAMF künftig auf eine Dialekterkennungssoftware setzen. Diese soll Sprachaufnahmen von Flüchtlingen linguistisch auswerten. Dabei könnte zum Beispiel die Aussprache einzelner Laute oder die Satzbildung analysiert werden.

Analyse verschiedener Ebenen

Die Entwicklung einer solchen Software wäre nach Einschätzung der Linguisten Jeanin Jügler und Denis Arnold vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim mit einem erheblichen Aufwand verbunden. "Damit eine Software einen Dialekt erkennen kann, müsste man zunächst einen Prototypen davon erstellen", meint der Phonetiker (Lautwissenschaftler) Arnold. Dafür müssten verschiedene Sprachebenen analysiert werden, wie die Wortbildung oder auch die Aussprache. "Zudem würde sich die Frage stellen, wie feingliedrig man die Untersuchung durchführt, schließlich kann es schon erhebliche Unterschiede zwischen benachbarten Städten geben", meint Arnold.

"Auch zwischen den Generationen und sozialen Schichten gibt es unterschiedliche Ausdrucksformen, die ebenfalls berücksichtigt werden müssten", meint Jügler. Doch selbst bei ausreichender Datenlage glaubt sie: "Ein Sprachtest kann immer nur ein Hinweis auf die Herkunft sein."

Sprachanalysen sind im BAMF nichts Neues. Linguisten fertigen im Auftrag des Bundesamts schon jetzt Sprachgutachten an - 1405 waren es im vergangenen Jahr bundesweit, gab die Behörde auf Nachfrage an. Die mögliche Digitalanalyse soll diese nicht ersetzen.

"Die Dialektsoftware soll dem Entscheider allein als Assistenzsystem dienen und unterstützend als weiterer Indikator zu Rate gezogen werden. Bei bestehenden Zweifeln wird weiterhin die ,Sprach-Text-Analsye' als finales Mittel zur Einordnung der Herkunftsregionen zu Rate herangezogen werden", sagt Sprecherin Kira Gehrmann. Dazu gehört ein mindestens halbstündiges Gespräch zwischen dem Flüchtling und einem BAMF-Mitarbeiter über Alltagssituationen, Bräuche und geografische Gegebenheiten.

Anonym ausgewertet

Dieses Material wird anonym an einen Sprachwissenschaftler weitergegeben. Dieser untersucht verschiedene grammatikalische Aspekte, wie das Lautsystem (Phonologie), den Satzbau (Syntax) oder auch das Vokabular (Lexik) und wertet aus, ob eine Person aus der von ihr angegebenen Region stammt.

Derzeit ist das digitale Verfahren nach Angaben des BAMF in einer "frühen Konzeptionsphase". Ob es überhaupt eingesetzt wird, ist derzeit noch unklar. "Die Entwicklung einer Software steht noch nicht an", teilte die Sprecherin mit.

Zum Thema