Das ist mein Laden um die Ecke (18)

Serie "Das ist mein Laden um die Ecke" (Teil 18): Fahrrad Schmidt

"Mach's mit Herzblut - oder lass' es gleich bleiben!"

Archivartikel

Feinsäuberlich nach Größen und Marken sortiert baumeln Ringschlösser von den Wänden. Auf den Regalen über der Werkbank türmen sich Schachteln mit Ventilen, Speichen und Muttern. Gleich neben dem hydraulischen Reparaturaufzug sitzt Dieter Brucker auf einem Holzschemel. Der ehemalige Chef des Neckarauer Fahrradhauses rückt lächelnd seine Brille zurecht und blättert in einer Mappe mit alten Zeitungsausschnitten. "Bilder von damals sind nicht mehr viele da", räumt er achselzuckend ein. Schließlich hat sein Vater Jean das Fahrradhaus Brucker 1945 gegründet. "Und so kurz nach dem Krieg hatten wir andere Sorgen, als Fotos aufzuheben." Doch der 79-Jährige kramt mit Vergnügen in alten Erinnerungen, erzählt von den Anfängen des Ladens in der Luisenstraße 37, von der engen Freundschaft zu seinem Nachfolger Karl Schmidt, den geliebten Fachsimpeleien mit Kunden - und der großen Leidenschaft für alles, was sich auf zwei Rädern bewegt.

Vom Schweinestall zum Geschäft

"Hier in der Auslage, genau vor dem Schaufenster, das Sie da sehen, standen früher Schweine." Dieter Brucker war damals noch ein Bub von gerade mal neun Jahren, als sein Vater Jean den Stall neben dem Elternhaus vor 72 Jahren zu einem Geschäft umbaute: "Ersatzteile gab es so gut wie gar nicht. Vater stand oft für zwei Reifen stundenlang vor der Weinheimer Gummifabrik in der Schlange." Und der Senior verstand sich noch auf die Kunst, aus drei kaputten Schläuchen einen brauchbaren zusammenzukleben.

Eine Zeit, die auch Marco Meiers Großvater Dieter Großkinsky noch gut in Erinnerung ist - so gut wie der Service des Fahrradhauses, den beide Männer seit jahrzehnten schätzen. "Mein Opa ist jetzt 87", erzählt Marco Meier, "genau wie ich immer noch Stammkunde, und ein Rennradkumpel vom Karl, dem neuen Chef." Denn Hilfsbereitschaft habe hier Tradition: "Denen ist hier nix zu viel, die sind immer freundlich, und man kann wirklich mit jedem noch so kleinen Wehwehchen vorbeikommen." Das Mountainbike des 32-Jährigen sei in der Werkstatt nach und nach komplett zerlegt und aus vielen anderen Rädern wieder zusammengebaut worden: "Dass ein Rad zu alt ist, so was gibt es nicht bei richtigen Radfreaks." Dazu zähle auch schon seine siebenjährige Tochter Leticia. "Ja, die ist schon Kundin", versichert der Papa: "Man hat halt hier das Gefühl, dass nix geraten wird, nur um Geld zu verdienen."

Würste statt Bezahlung

Von Barem konnte auch bei Seniorchef Jean in den 50er-Jahren noch kaum die Rede sein. "Da gab's oft Naturalien als Bezahlung", erzählt Dieter Brucker. Würste und Koteletts? "Genau, denn in unserer Familie konnte keiner schlachten." Aber kaputte Räder auseinanderbauen, entrosten, defekte Teile ersetzen und wieder zusammenmontieren. Manchmal kämen ältere Leute vorbei und sagten: "Bei euch hab ich als Kind öfter einen Tretroller ausleihen dürfen." Für zehn Pfennige pro Stunde. Etwas rasanter waren dann die Fahrzeuge unterwegs, die Dieter Brucker bei seiner Geschäftsübernahme 1968 ins Programm nahm, Mofas - und vor allem Mopeds. Stolz öffnet er die Tür zum Lager und rollt seine geliebte DKW Zündapp aus dem Jahre 1958 auf den Hof: "Die ist aber unverkäuflich."

Fasziniert von der Technik

Dafür hat sein Nachfolger, "der Karl", vollstes Verständnis. Bei ihm sind es zwar eher Rennrad-Raritäten, von denen sich der 66-Jährige niemals trennen würde. Doch schon bevor er 1999 den Laden übernahm, faszinierte den Radrennfahrer und gelernten Kfz-Mechaniker die Technik seiner Sportgeräte.

Und der Kontakt zu seinen Kunden. In einem Büro-Job würde er, "eingehen wie eine Primel", da sei er sicher. Auch jetzt noch, in einem Alter, in dem andere schon längst vom Ruhestand träumen: "Die Fachgespräche mit Radfahrern und Radsportlern, die würde ich wirklich total vermissen. Nur zu Hause? Da verkümmert man ja."

Doch trotz aller Radbegeisterung - das große Geld könne man mit einem Laden wie dem Fahrradhaus nicht scheffeln, da sind sich beide Experten einig. "Dafür habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht", sagt Karl Schmidt, der gerade das pinkfarbene Rad von Leticia unter die Lupe nimmt: "So ein Geschäft mußt du mit vollem Herzblut machen - oder es bleibenlassen."