PSA-Übernahme

Übernahme Den deutschen Standorten steht ein harter Wettbewerb innerhalb des PSA-Konzerns bevor, glaubt Autoexperte Stefan Bratzel

"Opel-Überkapazitäten müssen weg"

Archivartikel

Mannheim.Bei einem Spitzentreffen mit PSA-Chef Carlos Tavares haben Bundesregierung und Ministerpräsidenten die Perspektiven für die deutschen Opel-Standorte nach der Übernahme ausgelotet. Auf weitreichende Zugeständnisse können sie nicht hoffen, glaubt der Autoexperte Stefan Bratzel.

Herr Bratzel, PSA-Chef Tavares hat gestern in Berlin bekräftigt, dass er bei Opel alle geltenden Standort- und Jobgarantien einhalten will. Können sich die 19 000 Mitarbeiter in Deutschland jetzt entspannt zurücklehnen?

Stefan Bratzel: Nein. Es gibt ja über die bestehenden Garantien hinaus keinerlei Zusicherung. Tavares tut aber gut daran, nichts zu versprechen, was er nicht halten kann. Opel darf sich nämlich ohnehin nicht zurücklehnen. Das Unternehmen muss endlich nachhaltig profitabel werden. Sonst sind die Arbeitsplätze - Garantien hin oder her - sowieso nicht sicher.

Haben Bundesregierung und Opel-Länder überhaupt Einfluss darauf, was mit den deutschen Standorten passiert?

Bratzel: Das Einzige, was die Politik machen kann, ist, vernünftige Rahmenbedingungen für die Branche zu schaffen. Darüber kann man auf Treffen wie dem heutigen sprechen. Die Bundes- und Landespolitiker holen aber sicher keine Zusagen für Arbeitsplätze heraus - auch wenn sie mit Blick auf den Wahlkampf zeigen möchten, dass sie sich kümmern. Aber Opel hat Überkapazitäten - und die müssen weg.

Das heißt, PSA-Chef Tavares hat gar keine Spielräume für Zugeständnisse an die deutsche Seite.

Bratzel: PSA hat ja vor drei Jahren selbst eine Nahtod-Erfahrung gemacht und ist nur mit Mühe wieder auf die Beine gekommen - unter anderem mit Hilfe chinesischer Investoren. Der Konzern ist sicher kein High-Performer der Industrie. PSA verdient im Moment zwar wieder gutes Geld, aber nicht genug, um einen Verlustbringer mitzuschleppen. Rote Zahlen kann sich Tavares bei Opel also nicht lange anschauen. Gelingt der Sprung in die Gewinnzone nicht, kann er die aktuell laufenden Jobgarantien in zwei, drei Jahren nicht erneuern.

Manche Experten gehen davon aus, dass durch die Übernahme mehr als 6500 Stellen bei Opel wegfallen. Was glauben Sie?

Bratzel: Wenn man Kosten sparen will - und das ist ja ein Ziel der Fusion -, werden in den nächsten fünf bis sieben Jahren sicher Stellen wegfallen. Allein, weil Doppelstrukturen abgebaut werden. Dazu kommt für die gesamte Branche das Thema Elektromobilität. Auch dadurch sinkt irgendwann die Zahl der Arbeitsplätze in der Produktion.

Jetzt haben Sie aber keine Zahl genannt.

Bratzel: Das wäre auch vermessen. Wie viele Stellen wegfallen, hängt auch davon ab, ob es PSA und Opel schaffen, gemeinsam mehr Autos zu verkaufen und damit Geld zu verdienen. Wenn es gelingt, im Wettbewerb mit VW, Ford, Hyundai und anderen erfolgreich zu sein, muss es keinen großen Jobabbau geben.

Welche deutschen Standorte sind durch die Übernahme am meisten gefährdet?

Bratzel: Bei manchen Standorten fragt man sich ja schon länger, ob sie überhaupt Sinn machen. Zum Beispiel bei vergleichsweise kleinen wie in Kaiserslautern. Da wird man jetzt genau schauen müssen, ob sich das noch lohnt. Klar ist: Die deutschen Werke müssen künftig im Wettbewerb um neue Fahrzeugprojekte gegen das gesamte übrige PSA-Opel-Produktionsnetzwerk antreten.

Und wie stehen die Chancen dabei?

Bratzel: Gerade was die Produktionskosten betrifft, steht ein Standort in Polen natürlich deutlich besser da als ein deutscher. Da müssen die Werke hier noch deutlich nachlegen. Man muss ja sehen, dass der Fahrzeugmarkt im Moment global und auch in Europa brummt - und trotzdem schreibt Opel rote Zahlen. Wie soll es erst werden, wenn die nächste Krise kommt?

Was sind die dringendsten Hausaufgaben?

Bratzel: Ganz zentral ist es, die Kosten weiter zu senken. Da ergeben sich mit der Übernahme durch PSA einfache Schritte: Man kann den Einkauf und weitere Funktionen zusammenlegen. Und man muss weitere gemeinsame Fahrzeugplattformen aufbauen: PSA und Opel haben dann die gleichen Baukästen, können daraus aber möglichst unterschiedlich aussehende Autos unter den jeweiligen Marken herstellen. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Auslastung in den einzelnen Werken. Ob sie bei 70 oder 90 Prozent liegt, macht in der Autoindustrie einen Riesen-Unterschied, wenn es ums Geldverdienen geht. Da stehen die deutschen Opel-Standorte auf dem Prüfstand - und werden liefern müssen.

Unter General Motors (GM) durchlebte Opel teilweise dramatische Zeiten, 2008 bat das Unternehmen sogar um Staatshilfe. Kann es mit PSA nun endlich besser werden?

Bratzel: Auf jeden Fall ist das eine große Chance. Schon allein, weil PSA und Opel in ähnlichen Fahrzeugsegmenten aktiv sind. Deshalb sind zum Beispiel gemeinsame Fahrzeugplattformen möglich. Aber man muss natürlich auch aufpassen, dass man sich nicht kannibalisiert und sich gegenseitig die Kunden wegnimmt. Deshalb ist es wichtig, die Marken-Persönlichkeit von Opel zu erhalten und sie von Peugeot und Citroën abzugrenzen. Die deutsche Ingenieurskunst ist ein Imagefaktor - deshalb braucht es auch künftig mindestens einen Standort in Deutschland. Tavares ist aber schlau genug, um das zu wissen.