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Von unserem Redaktionsmitglied Georg Spindler
Hat Aschenputtel etwas mit Jazz tun? In der Metropolregion Rhein-Neckar ziemlich viel - denn hier ist das einstige Kellerkind Jazz zu einem strahlenden Primus der Kulturlandschaft geworden. Jazzexperten in Berlin, Hamburg oder München reiben sich heutzutage verwundert Augen und Ohren: Das vergleichsweise eher kleine Mannheim hat sich und damit auch das Umland in den vergangenen fünf, sechs Jahren in der Spitzengruppe der wichtigsten deutschen Jazz-Zentren etabliert - gleich nach Berlin, Köln und Hamburg.
Musikerpersönlichkeiten wie die Pianistin Anke Helfrich und der Saxofonist Steffen Weber (Weinheim), der Trompeter Thomas Siffling und der Pianist Rainer Böhm (Mannheim), die Saxofonisten Knut Rössler (Heidelberg) und Lömsch Lehmann (Speyer) sowie die Bassistin Lindy Huppertsberg und die Pianistin Regina Litvinova (Frankenthal) haben den hiesigen Kreativraum bundesweit bekannt gemacht. Dazu kommen noch gut zwei, drei Dutzend weitere Musiker, die den Rang der Metropolregion als Brutstätte junger Talente unterstreichen. Die meisten von ihnen sind Absolventen des Jazz-Studiengangs der Mannheimer Musikhochschule, die unter der Ägide von Joerg Reiter und Jürgen Seefelder seit 16 Jahren eine Garde exzellenter Musiker ausgebildet hat.
Daher und weil die Region seit den 1950er Jahren, als Musiker wie Wolfgang Lauth für Furore sorgten, auch über eine große Jazztradition verfügt, ist es kein Zufall, dass hier das größte Jazz-Festival Deutschlands gefeiert wird. Enjoy Jazz lockt mit einer Fülle von Konzerten und einem anspruchsvollen Programm eine große Zuhörerschaft: 2009 besuchten über 20 000 Gäste die 65 Festivalkonzerte. Auch bei den Medien zieht das von Rainer Kern mit Gespür für aktuelle Trends kuratierte Festival immer weitere Kreise - bis hin zur Pariser Tageszeitung "Le Monde" und Zeitungen in Japan und China. Mit Ornette Colemans pulitzerpreis-gekrönter Live-CD "Sound Grammar", die 2005 in Ludwigshafen mitgeschnitten wurde, schrieb Enjoy Jazz sogar Musikgeschichte.
Auf großes Echo (rund 10 000 Besucher bei 17 Konzerten) stößt aber auch das von Yvonne Moissl organisierte Pfälzer Sommerfestival Palatia Jazz . Dass Moissl seit 2003 der deutschen Jazz Föderation e.V. als Präsidentin vorsteht, unterstreicht die Bedeutung der Jazz-Region Rhein-Neckar. Ebenso wird sie ersichtlich an der bundesweiten Medien- und Publikumsresonanz, die der seit 2006 alljährlich in der Alten Feuerwache Mannheim vergebene Neue Deutsche Jazzpreis findet.
Dass sich die regionale Jazzszene dennoch nicht auf ihren Erfolgen ausruhen kann, zeigt sich an den aktuellen Finanzproblemen der Alten Feuerwache in Mannheim, die auch durch einige schlecht besuchte Enjoy-Jazz-Konzerte verursacht wurden. Künftig muss besser kalkuliert, aber auch durch die öffentliche Hand unterstützt werden. Denn trotz seiner medialen Strahlkraft rangiert Enjoy Jazz in der kommunalen und staatlichen Förderung einstweilen weit hinten.
Aber auch in künstlerischer Hinsicht gibt es noch Entwicklungspotenziale. So lässt- trotz des Engagements von Enjoy Jazz - der internationale Austausch zu wünschen übrig (was auch finanzielle Gründe hat). Zu selten kann etwa die Musikhochschule Gastdozenten verpflichten. Das große Interesse, das gerade der kanadische Trompeter Kenny Wheeler als Kurator des Neuen Deutschen Jazzpreises 2010 bei den Medien, aber auch bei Musikern hervorrief, macht deutlich, wie wichtig solche Kontakte sind.
Ein anderes Manko: Die Jazzhochburg Rhein-Neckar macht bislang im Avantgarde-Bereich - bis auf wenige Ausnahmen (Lömsch Lehmann, Erwin Ditzner) - die Schotten dicht. Hier dominiert ein zwar durchaus kreativer Neo-Bop. Wie die Berliner Hauptstadtszene vorexerziert, sorgt künstlerischer Wagemut aber durchaus für künstlerisches Renommee. In einem anderen bislang noch brachliegenden musikalischen Bereich sind erste hoffnungsvolle Ansätze bereits gemacht: An der Orientalischen Musikakademie Mannheim inszeniert das deutsch-türkische Quartett LebiDerya Sound-Synthesen zwischen Jazz und orientalischer Musik. Wo, wenn nicht in Mannheim, wo multikulturelle Begegnungen tagtäglich stattfinden, wäre ein besserer Platz für solche Brückenschläge?
Mannheimer Morgen
14. August 2010
Adresse der Seite: http://www.morgenweb.de/nachrichten/kultur/Serie_Kulturpotenziale/20100814_mmm0000000398116.html