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Von unserem Redaktionsmitglied Ralf-Carl Langhals
"Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich bewirken?", fragte Friedrich Schiller 1784 in seiner vor der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim gehaltenen Rede, die neu überschrieben in der "Rheinischen Thalia" unter dem geläufigen Titel "Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet" erschien. In seiner zweiten frühen Theaterschrift, in der sogenannten zweiten Vorrede zur Erstausgabe der "Räuber" spricht er gar von "Kanzel und Schaubühne", von denen herab die "Freunde der Wahrheit" ihren Mitbürgern "Schule halten". All dies sind letztlich Verteidigungsschriften in einer damals heftig geführte Debatte um Wert oder Unwert der Bühne, die die gesamte europäische Aufklärung durchzog.
Selbst wenn mittlerweile die Lust auf Kanzel und Moral gesunken und der Anspruch auf Unterhaltung seither gestiegen ist: In der darstellenden Kunst finden die aktuellen politischen und ethischen Themen auch heute fast ausschließlich über das Sprechtheater auf die Bühne.
In der Region sind Freunde des gesprochenen und gespielten Wortes in einer recht glücklichen Lage. Ob Gentechnologie, Kindesmissbrauch, Ausländerfeindlichkeit oder Globalisierung: Wir finden die Themen auf den Schauspielbühnen der Region in unterschiedlichen Ästhetiken und Formaten ebenso abgebildet wie historische Erinnerungsarbeit, Nachwuchsförderung und Traditionspflege. Kaum einer Sparte der Region kann man Kulturpotenzial so eindeutig zusprechen wie dem Schauspiel.
Allein das Mannheimer Nationaltheater schultert einen gehörigen Teil dieser Aufgaben. Mit zahlreichen Uraufführungen, einem jährlich mit Hilfe der Theaterfreunde bestellten Hausautor, mit den Internationalen Schillertagen und nicht zuletzt mit einem umfangreichen Repertoirebetrieb. Im benachbarten Pfalzbau gibt es neben Komödiantischem der Marke "leichte Muse" nicht nur während der Festspiele Ludwigshafen anspruchsvolle Gastspiele von nationaler und auch internationaler Bedeutung. Im nahen Heidelberg machen trotz hinderlichem Theaterneubau immer wieder Produktionen überregional von sich reden und der Stückemarkt gilt als eines der wichtigsten Foren für den Dramatikernachwuchs.
Auch die an die Metropolregion angrenzenden und vor allem in deren ländliche Bezirke einstrahlenden Staatstheater Kaiserslautern, Karlsruhe und Darmstadt sollten bei einer Einschätzung des regionalen Schauspiel-Stellenwertes ebenso wenig vergessen werden wie die zahlreichen Angebote im freien Theaterbereich.
Auch hier zeigt sich eine enorme Vielfalt, die von dialektaler Heiterkeit bis zu ambitionierter Avantgarde reicht. Zahlreiche kleinere Institutionen wie etwa (um nur einige zu nennen) das Heidelberger Zimmertheater, Taeter Theater, Theater am Puls, TiG7, Zeitraumexit, Prinzregenten- oder Oststadttheater haben es - bei höchst unterschiedlicher Organisations-, Programm- und Zuschauerstruktur - teils über Jahrzehnte in Knochenarbeit geschafft, sich im kulturellen Bewusstsein der Region zu verankern - meist ohne, mit nur geringem oder spätem Zutun der öffentlichen Hand. Konkret für überregionale Strahlkraft und Kulturhauptstadt-Potenzial taugen manche von ihnen mehr, andere weniger. Doch eine Region, so ist man sich mittlerweile nach langen Debatten einig, lebt nicht von Leuchttürmen allein, kulturelle Lebensqualität misst sich auch in Lebendigkeit und Angebot für jedwede Geschmacks- und Altersgruppe.
Als unbestritten kann gelten, dass die Sprechbühnen der Region nicht zwangsläufig moralische, aber doch höchst kreative Anstalten sind. Von einem Idealzustand ist man bei aller Freude über Vorhandenes freilich immer noch weit entfernt. Es fehlt an Verknüpfungen, an Selbstbewusstsein, an Austausch, ja manchmal auch an Solidarität und starken Partnern. Leider reagiert die Kulturpolitik bisher nur in Mannheim auf diese Bedürfnisse. Wenn eine Region Kulturhauptstadt werden will, müssen über Rhein und Neckar Hände gereicht werden, über den Standort eines Produktionszentrums, über Festivalbeteiligungen, gemeinsame Förderpreise und Spielstätten kommunale und regionale Debatten geführt werden. Auch Verantwortung ist Teil der kulturellen Identität - und nicht zuletzt der Moral.
Mannheimer Morgen
28. August 2010
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