» Startseite > Nachrichten > Kultur > Serie Kulturpotenziale > Artikelseite
Von unserem Redaktionsmitglied Jörg-Peter Klotz
Mit Blick auf die Zukunft der Pop- und Rockszene muss Mannheim keinen "Neckarbrückenblues" haben. Nicht nur altgediente Aushängeschilder wie Joy Fleming könnten ihren Beitrag zur Präsenz von Quadratestadt und Metropolregion in einem möglichen Kulturhauptstadtjahr 2020 leisten. Man muss Xavier Naidoo nicht im Prophetengeschäft Konkurrenz machen, um vorherzusagen, dass der Mannheimer Vorzeige-Popstar auch in zehn Jahren noch genug Zugkraft für derlei Projekte haben wird.
Wie anschlussfähig, integrativ und außenwirksam der 38-Jährige agieren kann, hat er nicht nur mit der multikulturellen Mammutband Söhne Mannheims gezeigt. Auf seinen Tourneen und Platten gibt er serienweise Musikern aus der Region ein bundesweites Forum - vom gestandenen Fahrensmann Adax Dörsam über unterbewertete Instrumentalisten wie Gitarrist Alex Auer bis zu jungen Talenten, die er in der Popakademie (Janet Grogan) oder quasi auf der Straße (Daniel Stoyanov) findet. Der Studiokomplex von Naidoo und Michael Herberger bietet auch anderen Produzenten Gelegenheit, einen kreativen Schmelztiegel zu bilden - bisher scheint der enorme Erfolg der Mannheimer Deutsch-Soul-Schule aber nur schwer auf andere Interpreten übertragbar zu sein, wenn Naidoo nicht höchstselbst seinen Stimmstempel mitliefert.
Daran, dass die erste deutsche Popakademie in Mannheim gebaut wurde, ist der sechsfache Echo-Preisträger auch nicht ganz unschuldig. Sie ist im Verbund mit dem erfolgreichen Existenzgründerzentrum Musikpark das zweite große Pfund, mit dem die Region wuchern kann - allein die Findigkeit, mit der Udo Dahmen und Co. ihre Institution immer wieder ins - inzwischen sogar internationale - Rampenlicht stellen, gibt Anlass zum Optimismus, dass aus der Hafenstraße auch Impulse für 2020 kommen werden. Vielleicht läuft bis dahin auch der bisher noch schleppende Ausstoß von Chartstürmern an. Bis auf Konstantin Groppers Band Get Well Soon und assoziierte Bands wie Revolverheld oder Peilomat ist da trotz enormer Talente noch nicht so viel passiert wie erwartet. Wobei allein die Präsenz von Visionären wie den Professoren Tim Renner oder Hubert Wandjo in der Branche kräftige Ausrufezeichen setzt. Wer starke Instrumentalisten vom Kaliber Moritz Müllers sucht, wird an der Akademie ebenfalls zuverlässig fündig.
Aber daran bestand in der Region noch nie ein Mangel. Seit der Zeit der sagenumwobenen Ami-Clubs haben sich Generationen von Musikern hochspielt - die Naidoos, Laith Al-Deens oder Rolf Stahlhofens können davon mehr als ein Lied singen. Ein Großteil der Söhne Mannheims hat sich zum Beispiel bei den Sessions von The Wright Thing Mitte der 90er kennengelernt, die 1997 in Heidelberg Kreise bis in die überregionale Fachpresse zogen.
Amokoma, Soulfinger, Me And The Heat, Lava, Freddy Wonder Combo, Lous Party-Gang - man kann gar nicht alle hochkarätigen Cover- und Partybands aufzählen, die teilweise seit Jahrzehnten auf hohem Niveau agieren. Das setzt die Latte auch beim Publikum hoch, jeder Newcomer muss sich an der Qualität dieser Szene messen lassen - wer trotzdem eine Gefolgschaft aufbauen kann, wie etwa Silke Hauck oder Michael Herzer, kann sich überall hören lassen. Dass ein Herbert Grönemeyer seit über 30 Jahren seine halbe Band um Keyboarder Alfred Kritzer aus der Region rekrutiert, ist kein Zufall.
Dazu gibt es nimmermüde Kreativkräfte wie "Global Strings"-Weltenbummler Claus Boesser-Ferrari, die Mardi Gras.bb, Mannheims Independent-Gewissen Norbert Schwefel, den großen Stilisten Hans Reffert oder den nimmermüden Laurent Leroi. Dessen Projekt Coleümes verkauft in Mannheim auch schon mal genauso viele Platten wie Naidoo oder Robbie Williams. Im Hintergrund wirken immer noch kompetente Macher wie Peter Seiler, Gagey Mrozeck oder Michael Bundt befruchtend.
Diese enorme Vielfalt befördert Konkurrenz - und damit Kreativität. Schließlich muss man als Musiker in der Metropolregion inzwischen auch wieder mit einem enorm weitgefächerten Angebot von SAP-Arena- und Club-Konzerten mithalten, die vor allem der Karlstorbahnhof, das Capitol und die Alte Feuerwache aufbieten.
Die finanzielle Schieflage des Mannheimer Kulturzentrums und das insgesamt relativ mäßige Angebot des Jahres 2010 zeigen aber, dass die Bäume nicht automatisch in den Himmel wachsen. Rosengarten, Maimarktclub und -halle, Heidelbergs Halle 02, Weinheims Café Central, das Haus, gelegentlich noch der Schwimmbad Musik Club, Schatzkistl, Gehrings Kommode und sporadisch viele andere Clubs bieten aber ein Spektrum an Besucherkapazitäten, von der man in anderen Regionen träumt. Die Popszene ist gerüstet, man muss mit der Kreativität nur kreativ umgehen.
Mannheimer Morgen
04. September 2010
Adresse der Seite: http://www.morgenweb.de/nachrichten/kultur/Serie_Kulturpotenziale/20100904_mmm0000000489909.html