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Von unserem Redaktionsmitglied Annika Wind
In der NS-Zeit war die Mannheimer Kunsthalle eines der ersten deutschen Museen, die "entartete Künstler" zur Schau stellte - 1937 wurden von den Nazis hunderte nonkonforme Werke beschlagnahmt, die heute in der ganzen Welt verstreut sind.
Was aus den Werken wurde, erklären wir in der neuen Serie "Verbotene Bilder". Einen Monat lang zeigt die Kunsthalle das Werk eines "entarteten Künstlers" (Di-So 11 bis 18 Uhr, Mi 18 bis 20 Uhr), das wir in der Zeitung vorstellen.
Mannheim. Totenköpfe schweben über der Stadt. Ein Sarg und Körperteile ziehen über Mannheim hinweg, dessen winzige Häuser sich an die Ufer von Rhein und Neckar schmiegen. Aus der Vogelperspektive betrachtet versinkt alles in einem modrigen Farbgemisch. Xaver Fuhr (1898-1973) malt 1932 eine "Mannheimer Vision", ein Bild voll düsterer Zukunftsängste. Im selben Jahr schreit er Gustav Friedrich Hartlaub seinen Frust ins Gesicht. Er beleidigt den Kunsthallen-Direktor in seinem Atelier, attackiert ihn mit Beschuldigungen und verflucht am Ende ganz Mannheim. Er hat Geldsorgen, fühlt sich von der Stadt wenig unterstützt und von anderen Künstlern nicht ausreichend wahrgenommen. Schon Jahre vor den Anfeindungen durch die Nationalsozialisten ist er ein isolierter Künstler - und einer der talentiertesten, die Mannheim in den 1920er Jahren hervorbringt, wie auch seine "Rheinbrücke" zeigt.
Fuhr malt, weil er muss. Zunächst gegen die Widerstände seiner Familie, die in ärmlichen Verhältnissen in Mannheim-Neckarau lebt, wo der Sohn eines Tünchers am 23. September 1898 zur Welt kommt. "Xaver hat Gedanken, die nicht in unsere Kreise passen", sagt die Mutter später über ihren Sohn. 1921 schreibt er in einem Brief an den damaligen Kunsthallen-Direktor Fritz Wichert: "Ich habe keinen Menschen, mit dem ich mich aussprechen könnte. Ich komme mir wie ein Fremdkörper unter diesen Leuten vor". Gemeint sind die Arbeiter bei Daimler Benz, mit denen er am Fließband steht, um seine Malerei zu finanzieren. Nach Schichtende bringt er sich selbst das Malen bei. Die Kunsthalle wird sein Dreh- und Angelpunkt: Hier sieht er Werke der Neuen Sachlichkeit und der Klassischen Moderne. Künstlerisch bleibt er aber ein Einzelgänger.
Fuhr schwankt zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, Malerei und Zeichnung. Schließlich entwickelt er eine eigenwillige, grafische Bildsprache voll spröder Sachlichkeit. Immer wieder malt er Szenen am Hafen in verhaltenem Kolorit, Industrielandschaften rund um Mannheim, wo er bis 1943 lebt. Hier entsteht 1926 seine "Rheinbrücke", ein Bild, das wahrscheinlich von der Stadt in Auftrag gegeben wurde, um es auf der "Internationalen Ausstellung für Binnenschifffahrt" in Basel auszustellen. Es zeigt den Blick von Ludwigshafen aus auf die Mannheimer Stadtkulisse, vor der sich eine eiserne Eisenbahnbrücke in den Vordergrund schiebt. Fuhr fasziniert das Zusammenspiel von Architektur, Technik und gestalteter Natur, das er in ein Liniengerüst überträgt.
Er malt, weil er muss - auch, weil ihn bis zu seiner Berufung 1946 als Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München unentwegt existenzielle Nöte plagen. Obwohl die Kunsthalle immer wieder Bilder von ihm erwirbt und er von den Galerien Tannenbaum in Mannheim und Nierendorf in Berlin vertreten wird. Fuhr malt auch weiterhin, nachdem ihn die Nationalsozialisten diffamieren. Das Kuriose: 1933 hebt man ihn in der Kunsthalle noch als "deutsch" und "vorbildlich" hervor, vier Jahre später wird auch er als "entarteter Künstler" eingestuft. Seine Arbeiten zeichnen ein zeitkritisches Stimmungsbild und zielen nicht auf die wirklichkeitsgetreue Abbildung. Idealisierte Übersteigerungen sind ihm fremd. Wahrscheinlich ist es in erster Linie seine Unangepasstheit im Umgang mit anderen, die ihn für die Nazis auffällig macht. Ab Ende der 30er Jahre lebt er in ständiger Angst, von der Geheimen Staatspolizei verhört zu werden. Mit unangekündigten Kontrollbesuchen versucht man ihn einzuschüchtern. Die Gestapo fahndet nach noch feuchten Pinseln, kontrolliert die Anzahl seiner Bilder im Atelier. 1942 wird ein Verfahren gegen ihn eröffnet. Der Vorwurf: "Heimtückevergehen und Wehrkraftzersetzung". Fortan gilt er als "kulturpolitisch unzuverlässig".
1937 werden 23 seiner Gemälde aus deutschen Museen entfernt - in der Kunsthalle beschlagnahmt man zehn. Auch die "Rheinbrücke", kurioserweise verlässt sie das Museum aber nicht. Es wird weder zerstört noch verkauft, wie viele Bilder anderer "entarteter Künstler". Hans-Jürgen Buderer, der die Beschlagnahmeaktionen in der Kunsthalle aufarbeitete, vermutet, dass sie übersehen wurde. Christoph Zuschlag hält es für möglich, dass es der damalige Kunsthallen-Direktor Walter Passarge gezielt vor den Nazis versteckte. Wo, bleibt unklar. Sicher ist nur, dass fünf weitere Fuhr-Bilder im Depot des Museums bleiben, eines ist heute im Besitz der Bayerischen Staatsgemäldesammlung in München, drei gelten als verschollen. Bis heute.
01. Juni 2010
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