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Giftige Farben, einsame Menschen

Ernst Ludwig Kirchners "Engelsufer"

Von unserem Redaktionsmitglied Annika Wind

Ein Bild wird versteckt. Bis die NS-Zeit vorbei ist, taucht es bei Frankfurter Privatpersonen unter. Denn Ernst-Ludwig Kirchners "Gelbes Engelufer" hat einen Komplizen. Ausgerechnet den damaligen Direktor des Frankfurter Städelmuseums, der in der NS-Zeit eigentlich gegen "entartete Kunst" hätte vorgehen müsste. Doch das Bild wird nicht verkauft oder zerstört, weil es die Nationalsozialisten gar nicht erst finden. Anfang der 1940er Jahre sichert es Ernst Holzinger und mit ihm wichtige Teile der bedeutenden Kunstsammlung von Carl Hagemann. Wo genau, ist bis heute unklar. Fest steht nur: Erst einige Jahre nach dem Krieg wird es von der Kunsthalle Mannheim angekauft: 1950 von Hagemanns Schwester Maria Helsig. Für 2500 Mark.

Kirchner malte gleich zwei Bilder

Ein nicht unerheblicher Preis, wie die Ankaufskommission der Stadt damals stöhnt. Doch den Wert kennt der damalige Kunsthallendirektor Walter Passarge sehr genau - Kirchners Berliner Straßenszene aus dem Jahr 1912/1913 ist ein Musterbeispiel für die Malerei des deutschen Expressionismus und ein wichtiges Werk des damals schon legendären "Brücke"-Künstlers. Zudem ist der Ankauf eine Wiedergutmachung gegenüber der eigenen Sammlung: Bis 1937 hatte die Kunsthalle noch ein ähnliches Gemälde besessen, doch "Rote Häuser" von 1910 war von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und dann an eine Privatperson in New York verkauft worden.

13 Jahre später kauft sich die Stadt Mannheim also einen Kirchner zurück - und ignoriert zunächst, dass sie eigentlich gleich zwei Bilder erwirbt: Auf der Vorderseite die Straßenszene und auf der Rückseite einen Mann, der vornüber gebeugt auf dem Boden sitzt. Einen "Orientalen", den Kirchner wahrscheinlich 1909 malte, ehe er Jahre später das "Engelufer" entwarf. Jahrzehntelang gilt die Rückseite allerdings als uninteressant. Bis Kunsthistoriker auch ihren Wert anerkennen und die Kunsthalle eine Restaurierung anordnet, die der Förderkreis im Rahmen einer "Bild-Patenschaft" schließlich ermöglicht.

Kirchner hält die Widersprüche Berlins auf Leinwand fest

Dass Kirchner (1880-1938) ein "entarteter Künstler" sein soll, kann er zunächst selbst nicht glauben: Er sei ein "deutscher Künstler mit germanischen Wurzeln" in der Nachfolge Dürers, lässt er Kritiker wissen. 1937 schließt ihn jedoch die Akademie der Künste in Berlin aus. Und einer seiner wichtigsten Fürsprecher, der Direktor des Essener Folkwang-Museums, Ernst Gosebruch, wird entlassen. Kirchners zum Teil widernatürliche, giftige Farben und Überzeichnungen sind nicht auf die wirklichkeitsgetreue Abbildung angelegt, sondern auf die Darstellung von Gefühlen und Stimmungen. Damit widersprechen seine Bilder der überidealisierten Volkskunst, wie sie die Nationalsozialisten fördern.

Sein "Engelufer" malt er bei einem Besuch in Berlin, wohin er wenige Monate später zu seinem Künstlerkollegen Max Pechstein zieht. Seine Darstellungen sind überformt, die Figuren überlang, das Ziel ist klar: Kirchner malt die Widersprüche dieser sich rasend schnell verändernden Stadt. Er blickt von Norden nach Süden auf den Luisenkanal und die Melanchthonkirche und malt einen eher peripheren Ort, der in schmutzigem Kolorit von der Vereinzelung in der Großstadt erzählt. 1922 schreibt der Sammler Curt Glaser: "Kein anderer Künstler hat die Großstadt Berlin, wie sie in den letzten Jahren vor dem Kriege sich bot, so mit allen Fibern erlebt wie Kirchner."

Anerkennung findet der in der Weimarer Republik äußerst erfolgreiche Künstler in der NS-Zeit nicht mehr, im Gegenteil. 1933 richtet man ihm in Bern eine letzte Ausstellung aus, danach zieht er sich in seinem Haus bei Davos zurück und nimmt immer öfter Beruhigungsmittel, um seine Angst vor dem Abstieg zu betäuben. Im März 1938 marschiert die deutsche Wehrmacht in Österreich ein, 20 Kilometer von seiner Berghütte entfernt. Kirchner zerstört daraufhin einige seiner Zeichnungen, verbrennt Druckstöcke und Holzskulpturen aus Furcht, sie könnten den Deutschen in die Hände fallen. Am 15. Juni schießt er sich ins Herz. "Hier hat sich seit Monaten eine Tragödie im Stillen abgespielt", schreibt seine Lebensgefährtin Erna später an eine Freundin. "Die Diffamierung hat ihn zerbrochen."

23. Juli 2010

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