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Von unserem Redaktionsmitglied Annika Wind
Viele haben ihn als einen Ruhelosen beschrieben. Als einen Neugierigen, Reisenden. Wenn es heute in Journalistenkreisen um Egon Erwin Kisch (1885-1948) geht, dann ist er d e r Reporter des 20. Jahrhunderts. D a s Vorbild. D i e Instanz. Als eine solche malt ihn 1928 auch Rudolf Schlichter (1890-1955), selbstbewusst und eigen. Beide gehören in den 1920er Jahren zur Avantgarde von Berlin. Beide sind Kommunisten und Intellektuelle, die sich immer wieder im "Romanischen Café" treffen, vor dessen Fassade nun auch Kisch steht. Hinter ihr verkehren Autoren wie Alfred Döblin oder Erich Maria Remarque - die Schlichter ebenfalls malt. Und die wenige Jahre später um ihr Leben fürchten.
Kaum ist das Porträt fertig, ist Kunsthallen-Direktor Gustav Friedrich Hartlaub begeistert. In einem Brief überredet er Schlichter regelrecht, es gegen ein Porträt von Bert Brecht einzutauschen. Dass er den progressiven Maler schätzt, ist schon länger klar: 1925 hatte er ihn in der wohl bedeutendsten Ausstellung der Mannheimer Museumsgeschichte gezeigt - in der Schau "Neue Sachlichkeit", die einem neuen Malstil ihren Namen gibt. Doch nicht einmal zehn Jahre danach scheint das vergessen. Schlichter wird verfolgt und der visionäre Direktor abgesetzt. Die ungeschönten, oftmals überzeichneten Charakterstudien des Malers passen nicht zum Kunstverständnis der Nazis, die daher 17 seiner Werke aus deutschen Museen entfernen, darunter auch sieben Papierarbeiten aus der Kunsthalle. Das Kisch-Porträt jedoch, und warum ist bis heute unklar, bleibt von der Beschlagnahmeaktion 1937 verschont.
Dabei ereilt die Brüder im Geiste dasselbe Schicksal: Sie gelten in der NS-Zeit als "entartete" Künstler. Kisch wird 1930 als Vertreter der oppositionellen Linken inhaftiert und später aus Deutschland ausgewiesen. Er geht ins Exil nach Paris, dann nach Spanien, in die USA und nach Mexiko. Erst 1946 kehrt er in seine Geburtsstadt Prag zurück, in der er 1948 stirbt. Schlichter wird 1935 unter anderem aus der Reichskammer der bildenden Künstler ausgeschlossen, eines seiner Werke zeigt man 1937 in der Wanderschau "Entartete Kunst". 1939 zieht er nach München - und arbeitet bis Kriegsende nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Kisch hingegen kann und will die NS-Diktatur nicht unkommentiert lassen. 1933 hält er eine Rede im Antifaschistischen Arbeiterkongress Europas in Paris und publiziert seine zeitkritischen Texte europaweit in deutschen Emigrationsverlagen. "Ich glaube, einmal werden die Menschen über die Welt nichts als die Wahrheit lesen wollen", schreibt er hoffnungsvoll in einem seiner Texte über kritischen Journalismus. Und auch Schlichters Darstellungen verweigern sich dem beschönigenden Glanz konventioneller Anschauungen. Wie ähnlich sich ihre Darstellungsweisen sind, zeigt nicht zuletzt dieses Porträt: Kisch recherchiert Fakten, aber er beschreibt die Welt aus seiner Sicht. Auch Schlichter malt Kisch so, wie er ihn empfindet. Für ihn ist er ein lauernder, verlebter, aber auch in sich ruhender Beobachter - das bringen die enorme Präsenz seines massigen Körpers, die Zigarette im Mundwinkel, sein zerknitterter Anzug und seine Mimik zum Ausdruck. Die Wortfetzen auf einer Litfaßsäule in der linken Bildhälfte erinnern an eine Collage, die sich wie ein Tagebuch lesen lässt: Links oben ruft ein Aktionskomitee zur Befreiung des Kommunisten Max Hoelz auf, für die sich 1928 Kisch einsetzt. Darunter verweist ein Plakat auf den "Neuen Deutschen Verlag", für dessen "Arbeiter Illustrierte Zeitung" Kisch und Schlichter arbeiten. Dazwischen hängen Aufrufe der "Roten Hilfe", eine Zigarettenwerbung in Anspielung auf den Kettenraucher und die Ankündigung eines Fußballspiels, bei dem Prager gegen Berliner antreten - also Fußballer aus Kischs alter und neuer Heimat.
Schlichter malt ein schönes Beispiel der Neuen Sachlichkeit, für die er Motive des Gesellschaftslebens in eine "penetrante Gegenständlichkeit" überträgt. Auch Kisch arbeitet mit vorgefundenen Dingen - die er auf seine Art bearbeitet. "Nichts ist verblüffender als die Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist fantasievoller als die Sachlichkeit", schreibt er 1924. "Nur der schmale Steg zwischen Tatsache und Tatsache ist zum Tanz freigegeben."
Mannheimer Morgen
01. September 2010
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