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Auszeichnung: Sprachwissenschaftler Peter Schlobinski erhält im Schloss den mit 12 500 Euro dotierten renommierten Mannheimer Konrad-Duden-Preis

Es gibt viel zu tun – auch für Linguisten

Archiv-Artikel vom Freitag, den 16.03.2012

Von unserem Redaktionsmitglied Thomas Groß

Auszeichnender und Ausgezeichneter: OB Kurz und Peter Schlobinski (re).

© Proßwitz

Auch Chinesen googeln, sogar nahezu gleichlautend wie Deutsche. Das ist nur ein Beleg dafür, dass sich in den Neuen Medien auch Sprachwissenschaftlern ein lohnendes Themenfeld eröffnet. Peter Schlobinski, dem Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz im Rittersaal des Schlosses den von Stadt und Dudenverlag gemeinsam vergebenen Konrad-Duden-Preis überreichte, hat das durch Publikationen über die Kommunikationsformen im Internet belegt, die der Forschung neue Wege wiesen. Der in Hannover lehrende Linguist bestätigte es jetzt ebenfalls durch seine Preisrede.

Die Sprache in Blogs, Tweets und Chats ist Ausdruck einer eigenen Kommunikationsform, die neben andere, lange bestehende tritt. Sich durch sie in der Befürchtung bestätigt zu sehen, das Deutsche sei auf dem Weg zu einer Schrumpf- und Fetzensprache, hält Schlobinski für übereilt. Man muss nur wissen, wo welche Umgangsweise hingehört. Das beherzte "Hallo OB, Hi to everybody", mit dem er spaßeshalber seine Rede eröffnete, wird wohl jeder als dem festlichen Rahmen unangemessen empfinden. Im Übrigen hält der Wissenschaftler ohnehin nicht viel von Kulturpessimismus. Man nutze seine Energie lieber sinnvoller, um die Entwicklung im Blick zu behalten, die sich rasend schnell vollzieht, lautet sein Credo.

Die Schrift erfand man vor 5000 Jahren, vor 500 den Buchdruck, doch allein in den letzten 100 Jahren kamen einige gravierende, mediale Innovationen dazu - Fotografie, Telefon, Radio, Kinematografie. Das Internet bündelt sie alle, macht sie zunehmend auch mobil verfügbar. Die schwellenlose Kombination aus realer und virtueller Wirklichkeit wird noch weitergehen, ist Schlobinski sicher, und er entwarf Szenarien, die teils nur beschreiben, was von Google, Apple oder anderen schon entwickelt wird, und sich teils auch der Science Fiction verdanken. Per Brille, Handschuh oder vielleicht auch Mikrochip im Gehirn wird (oder könnte) Virtuelles allzeit verfügbar werden und uns noch weiter prägen.

Was das für die Sprache bedeutet? In seiner ebenso anregenden wie brisanten Rede skizzierte Schlobinski einige Aspekte: Das Verhältnis von Schrift und Bild wird neu definiert werden, die Kommunikationsformen werden sich noch mehr an der gesprochenen Sprache orientieren, und das sogenannte semantische Netz, das Computer in die Lage versetzt, die Bedeutungen realer Abbildungen und von sprachlichen Äußerungen in Wort und Schrift zu entschlüsseln, wird die Maschine buchstäblich zum Ansprechpartner in allen Lebenslagen machen. Fürwahr, ein weites Feld, nicht zuletzt für Linguisten. "Es gibt viel zu tun", sagte Schlobinski zum Abschluss.

Wer das alles auch bedrohlich fand, konnte sich aufgehoben fühlen in der Wissenschafts- und Lebenshaltung, die der Laudator Ludwig M. Eichinger, Direktor des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache, das zuletzt mit dem Preis geehrt worden war, zu repräsentieren wusste. Witzig und geistreich, wie man es von ihm nicht anders kennt, porträtierte er den Preisträger und widmete sich dabei besonders der Frage nach der Angemessenheit einer Formulierung der Preisjury, der 1954 geborene Peter Schlobinski sei Angehöriger "einer jüngeren Generation von Wissenschaftlern". Dass selbst vermeintliche Kleinigkeiten eine linguistische Analyse lohnen, bestätigten an diesem Abend beide - der Preisträger und sein Laudator.

© Mannheimer Morgen, Freitag, 16.03.2012
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