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Journal: Die Rolling Stones feiern in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag – was macht das Phänomen dieser Pop-Institution aus?

Gralshüter der Rockmusik

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 25.01.2012

Von unserem Redaktionsmitglied Georg Spindler

Vier gegen den Rest der Welt (v. l.): Charlie Watts, Keith Richards, Mick Jagger und Ron Wood – die Rolling Stones.

Vier gegen den Rest der Welt (v. l.): Charlie Watts, Keith Richards, Mick Jagger und Ron Wood - die Rolling Stones.

© dpa

Als am 12. Juli 1962 im Londoner Marquee Club ein paar bleiche, dürre Bürschchen unter dem Bandnamen "Rollin' Stones" ihr Debütkonzert gaben, konnte niemand ahnen, welche Tragweite die ruppig-rauen Blues-Klänge einmal haben würden, die da aus den Lautsprechern dröhnten. Doch ihr Nachhall hat nicht nur die Musik-, sondern die Kulturgeschichte verändert. Denn was großspurig auf dem Cover ihrer ersten LP 1964 verkündet wurde: "Die Rolling Stones sind keine Musikgruppe, sondern eine Art zu leben" hat in der Tat Gültigkeit. Die Musik, das Image, der Kleidungsstil von Popstars - all das ist durch die Stones gänzlich anders geworden.

Sex, Drogen, Rebellion

Nun wird die selbst ernannte "größte Rock-'n'-Roll-Band der Welt" 50 Jahre alt: Und sie steht für viel mehr als ihre Pioniertat, die afroamerikanische Blues- und Soul-Ästhetik zu adaptieren, aus der ihre Songs bis heute geballte Energie beziehen. Wie keine andere Band verkörpern die Rolling Stones das, was Rockmusik als Mythos ausmacht: Expressivität, Sex, Drogen-Exzesse, Unangepasstheit, Rebellion. Weil Mick Jagger, Keith Richards & Co. dies nicht nur in ihrer Musik propagieren, sondern auch leben, sind sie zu Pop-Ikonen geworden: eine Gang, die sich gegen den Rest der Welt behauptet, und so Projektionsflächen für geheime Fan-Sehnsüchte bietet.

Für junge Leute, die die Stones nur als gealterte, mehr oder minder stilvoll verwitterte und zerfurchte Reptiliengesichter kennen, ist es heute schwer vorstellbar, welche Revolution sie einst als langhaarige, ungekämmte Typen auslösten. Ihre explosiven Gitarren-Riffs und der lüsterne Satyr-Gesang sorgten in den 60ern dafür, dass jede ihrer Tourneen eine Woge von Gewalt, Randale und Polizeieinsätzen entfesselte. Offensichtlich rührte diese Band - auch wenn sie vom Management gezielt so inszeniert wurde - viel stärker als etwa die Beatles an dumpfen Trieben und Obsessionen.

Die Stones sangen mit einer zuvor unerhörten Direktheit von purer Begierde: (I Can't Get No) Satisfaction" (1965) und "Let's Spend The Night Together" (1967) gelten als Lust-Hymnen jener Zeit, ganz zu schweigen von den drastischeren Titeln ihrer Dekadenz-Phase in den 70ern wie "Starfucker" oder "When The Whip Comes Down". Es gibt wohl kaum eine sexuelle Besessenheit, die von der Band bis in die jüngste Zeit nicht thematisiert worden ist. Auch in ihrem Privatleben frönten die Musiker - bis auf Charlie Watts, der seiner Frau wohl immer treu geblieben ist - hemmungsloser Ausschweifung. Der Bassist Bill Wyman listet in seiner Autobiografie "A Stone Alone" allein für sich 278 Gespielinnen von 1963 bis 1965 auf. Und Mick Jagger wird noch als Großvater vom "Sex Drive" (so ein Songtitel) getrieben.

Zum subversiven Gebaren der Band passte lange Zeit ihr rotzfreches Auftreten in der Öffentlichkeit, das keinen Respekt vor Autoritäten kannte und sie zu Leitbildern der antiautoräten Generation machte. "Wir sind keine alten Männer, und wir haben nichts übrig für kleinliche Moralvorstellungen", schleuderte Richards dem Gericht entgegen, als er sich 1967 mit Jagger in einem legendär gewordenen Drogenprozess verantworten musste. Seither kultiviert der Gitarrist sein Image als Desperado ("Ich hatte nie Probleme mit Drogen. Nur mit Polizisten"), der ein wildes Leben außerhalb der Gesellschaft lebt und einige Male haarscharf am Heroin-Tod und an Haftstrafen vorbeischrammte. Ein dunkler Held wie aus einem Hollywoodfilm, der 2007 in "Fluch der Karibik 3" einen Piraten spielte.

Das Bild wildromantischer Outlaws konnte auch die Tatsache nicht trüben, dass die Rolling Stones die Kulturrevolution, die sie einst mit angezettelt hatten, ab den 70er Jahren unter Jaggers Ägide kommerziellen Interessen opferte. Die Band gilt als Vorreiter des modernen Pop-Business, jede ihrer nach allen Regeln kapitalistischer Profitmaximierung konzipierten Tourneen setzte neue Maßstäbe im Hinblick auf Bühnentechnik - und Rendite. Aber darin dürfte sich ein Großteil der Fans von einst wiedererkennen: Die Stones sind nicht die Einzigen, die die Ideale von 1968 verleugnet haben.

Im Lauf der Zeit haben Jagger, Richards, Ron Wood und Charlie Watts aber eine neue Symbolkraft gewonnen - als Überlebende, die allen Krisen und Skandalen zum Trotz durchgehalten haben. Nun zeigen sie, dass man sich auch im Alter nicht den Zwängen der Konformität beugen muss. Vielleicht nicht die schlechteste Rolle, die es zu spielen gilt - und nicht die einfachste.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 25.01.2012
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