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Journal: Was die Europäer in der aktuellen Krise aus der amerikanischen Geschichte lernen können

Handeln oder Zerbrechen

Von unserem Mitarbeiter Andreas Geldner

Hüterin des deutschen Tors - damit der Kasten sauber, will sagen die fremde Staatsschuld draußen bleibt: die deutsche Kanzlerin als Playmobil-Figur.

© dpa

Die Hütte brennt, aber die Ränge im Zirkus sind voll. Für Amerikaner, die die Fußballeuropameisterschaft zwar am Rande, aber interessiert verfolgen, könnte das Bild, das der Alte Kontinent zurzeit bietet, nicht befremdlicher sein. In Europa steht nicht nur der Euro, sondern mit ihm die europäische Nachkriegsordnung auf dem Spiel. Und was machen diese Europäer? Sie schauen fern.

Dieselben Nationen, die mit düsteren Schlagzeilen im Wirtschaftsteil auftauchen, beharken sich, als sei nichts gewesen, auf dem grünen Rasen. Selbst Griechenland konnte im EM-Viertelfinale hoffen, dem Oberlehrer Deutschland eins auszuwischen. Ahnen die Europäer, dass sie an einem historischen Wendepunkt stehen? Während "Wall Street Journal" und "New York Times" am Wahlabend beständig mit dem griechischen Wahlergebnis aufmachten, waren die deutschen Online-Portale schon wieder mit dem Fußballsieg Deutschlands gegen Dänemark beschäftigt.

Die Amerikaner verstehen aus ihrer vom persönlichen Aktiendepot geprägten Lebenserfahrung heraus vielleicht etwas besser, wie gnadenlos Finanzmärkte sein können. Doch es gibt noch eine historische Erfahrung, die ihren Blick auf die Eurokrise schärft. Auch die USA haben in ihren Anfangsjahren, bis zum Inkrafttreten ihrer Verfassung 1789, sozusagen Europäische Union gespielt. Stolz wahrten die gerade unabhängig gewordenen 13 Kolonien ihre Selbstständigkeit, mit allen Eigenwilligkeiten, die dazugehören. Die Truppen von New Jersey weigerten sich etwa, einen Treueeid auf die Vereinigten Staaten abzuleisten. Die Parallelen zur heutigen europäischen Situation sind unübersehbar.

Als die Delegierten Virginias, allen voran Revolutionsheld George Washington, 1787 zum Verfassungskonvent in Philadelphia erschienen, las sich ihr Klagelied so: "Die Krise ist da, in der das gute Volk von Amerika die heilige Frage entscheiden muss, ob es durch gerechte und großherzige Anstrengung die Früchte seiner so glorreich errungenen Unabhängigkeit und seiner Union ernten wird." Eifersüchteleien, Vorurteilen oder eigennützigen und kurzfristigen Interessen nachzugeben, werde nur die Feinde triumphieren lassen. Viele der jungen US-Bundesstaaten waren pleite - und andere wollten nicht helfen: "New Hampshire", so schrieb ein Beobachter aus Virginia, "hat seit dem Frieden nach dem Unabhängigkeitskrieg keinen einzigen Schilling bezahlt."

Der britische Historiker Niall Ferguson erklärte im Magazin "Newsweek" den Amerikanern die europäische Situation mit der Analogie aus ihrer Geschichte. "Stellen Sie sich einmal vor, die Vereinigten Staaten hätten nie ihre Verfassung ratifiziert und müssten immer noch mit den Konföderationsartikeln von 1781 arbeiten", schrieb er: "Stellen Sie sich eine winzige Bundesregierung mit fast keinen Einkünften vor. Nur die Einzelstaaten könnten Steuern erheben und Kredite aufnehmen. Und dann stellen sie sich vor, dass Nevada Schulden in Höhe von 150 Prozent seiner Wirtschaftskraft hätte."

Das Unheil würde auch in den USA seinen Lauf nehmen. Warum ziehen die Europäer also nicht die Konsequenz und rücken näher zusammen? Das ist einfach gedacht, typisch amerikanisch, und ignoriert Jahrhunderte des europäischen Nationalismus. Doch wo ist der europäische George Washington?

Der Weg zu den Vereinigten Staaten von Amerika war vor 200 Jahren keine Selbstverständlichkeit. Mit ihrer Kompromissbereitschaft eilten die Verfassungsväter der damals wenig einigungswilligen Bevölkerung voraus. Doch Angela Merkel oder François Hollande wirken für die Amerikaner nicht wie Politiker, die zum großen Sprung bereit sind - und dabei ihre Wähler mitnehmen könnten. Dass in Deutschland aus der großen Entscheidung über den europäischen Rettungsschirm ein kleinliches innenpolitisches Fingerhakeln geworden ist, erscheint aus ein paar Tausend Kilometern Abstand noch gespenstischer.

Bei aller Abneigung gegen zu viel Zentralgewalt sehen die Amerikaner mit ihrer eigenen Geschichte im Rücken ganz klar, dass Europa entweder zusammenfindet oder ins Chaos schlittert. "Wenn die Europäer den Ball noch einmal weiterkicken, ist er das nächste Mal mit Sprengstoff gefüllt", sagt Ferguson. Die EM meint er damit nicht. Ein "make or break moment" heißt auf Amerikanisch eine solche Krise: Handeln oder Zerbrechen. Die Wetten, wie lange der Untergang des Euro noch abgewendet werden kann, laufen an der Wall Street auch nach dem griechischen Wahlergebnis weiter. Wenn es schon schiefgeht, will man wenigstens dabei verdienen. Die Europäer hingegen scheinen lieber einem Ball auf dem Rasen hinterherzuschauen.

© Mannheimer Morgen, Freitag, 29.06.2012
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