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Berlinale: Viel Erotik, Bärenfallen und ein deutscher Western prägen die ersten Tage der Filmfestspiele in Berlin

Auf der Jagd nach „Gold“

Von unserem Mitarbeiter Gebhard Hölzl

Nina Hoss (oben) glänzt im Western "Gold" von Regisseur Thomnas Arslan (l.). Während Amanda Seyfried in der Titelrolle von "Lovelace" auf der Erotikwelle reitet, punktet das Film-Musical "Les Misérables" mit Stars wie Hugh Jackmann und Anne Hathaway (r.).

© dpa

"Sex sells!", sprich "Sex verkauft sich". Dieser Devise hat sich auch die Berlinale in ihrer 63. Auflage verschrieben. Zwischenmenschliche Leibsübungen, wohin man schaut . . . in allen Spielarten. Joseph Gordon-Levitt frönt in "Don Jon's Addiction" der Internet-Pornographie, in "Lovelace" wird das Leben der Sexdarsteller-Pionierin Linda Lovelace ("Deep Throat") noch einmal aufgerollt und Michael Winterbottom erzählt in "The Look of Love" von einem Londoner Porno-Mogul - in Form einer klassischen Aufsteigergeschichte.

Rummel um "Les Misérables"

Wem die um die Altersbeschränkung zu umgehen 1980 geschnittenen Szenen aus William Friedkins einschlägigem Klassiker "Cruising" fehlten, der bekommt sie in nachgestellter Form in "Interior. Leather Bar" nachgereicht. Und wer sich schließlich für die - milde gesagt - freizügige Neo-Burlesque-Szene New Yorks interessiert, sich aber eine persönliche Erkundung nicht zutraut, dem sei Beth B's "Exposed" empfohlen - alles zu sehen in den Nebensektionen Panorama beziehungsweise Berlinale Special. Dort sorgte die Premiere von Tom Hoopers Film-Musical "Les Misérables" dank dem Aufmarsch der Hollywood-Stars Hugh Jackmann und Anne Hathaway vor dem Friedrichstadt-Palast für den größten Rummel am Wochenende.

Auf der Berlinale ist er ein "guter alter Bekannter": Thomas Arslan. Sein "Dealer" wird 1999 im Forum gezeigt und gewinnt den FIPRESCI-Preis sowie den der ökumenischen Jury. 2007 entsteht das Familiendrama "Ferien", das im Panorama zur Uraufführung kommt, und 2010 folgt der eigenwillige Gangsterfilm "Im Schatten", der wieder im Forum läuft.

Arslan, 1962 in Braunschweig geboren, hat deutsch-türkische Eltern und wächst in Essen bzw. im türkischen Ankara auf. Nach Abitur und Zivildienst in Hamburg studiert er zunächst Germanistik in München und wechselt dann auf die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin. Seit 1992 ist Arslan, der auch als Kameramann, Cutter und Produzent arbeitet, als Drehbuchautor und Filmemacher tätig.

1994 entsteht im Rahmen des "Kleinen Fernsehspiels" sein Langfilmdebüt "Mach die Musik leiser". Es folgen mit "Geschwister - Kardesler" (1996), "Dealer" und "Der schöne Tag" (2001) drei thematisch ganz unterschiedliche Arbeiten, die sich jedoch alle mit dem Leben von Menschen türkischer Abstammung in Berlin befassen. geh

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Aber der Wettbewerb hält kräftig dagegen. Mit Ulrich Seidls "Paradies: Hoffnung" beispielsweise. Im finalen Teil der "Paradies"-Trilogie - nach "Liebe" und "Glaube" - geht es dem österreichischen Regie-Enfant-Terrible um die menschliche Sehnsucht nach Geborgenheit. Während die 50-jährige Mama in Kenia als Sextouristin unterwegs ist, muss die 13-jährige Tochter (souverän: Melanie Lenz) ins Abspeck-Camp; hier verliebt sie sich in einen 40 Jahre älteren Diätarzt (Joseph Lorenz). Durchkomponiert, minuziös kadriert wie stets sind die Bilder (Kamera: Edward Lachman & Wolfgang Thaler), die Dialoge von den Schauspielern, einem Mix aus Laien und Profis, weitgehend selbst erarbeitet. Das Ergebnis ist eine schmerzhafte, bewusst nicht ausformulierte Coming-of-Age-Geschichte, die wehtut .

Und gleich noch eine verbotene, diesmal auf den Punkt gebrachte Liebe: Polnische Priesterliebe in "In the Name of". Adam (Andrzej Chyra) heißt der Held, der sich der Avancen der hübschen Ewa mit dem Hinweis erwehrt, dass er schon vergeben sei - an Gott. Eine Ausrede, denn der spät berufene, in die Provinz strafversetzte Pfarrer liebt Männer und die Hinwendung zur Kirche ist nichts anderes als eine Flucht vor der eigenen Sexualität. Ein Film über die Fesseln der Religion, ein mutiges Werk, das sich mit einem tabuisierten Thema auseinandersetzt. Regisseurin Malgoska Szumowska baut auf starke Bildkompositionen, die deutliche Verweise auf Passionsgeschichte beinhalten, gestattet ihrem groß aufspielenden Protagonisten Momente "verbotener" Lust und des Glücks, denen dann tiefe Verzweiflung folgt - mit einem Ende, das einen wie ein Schlag in den Magen trifft.

Als echte - und positive - Überraschung überzeugt der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag, Thomas Arslans "Gold". Für Bewegung interessiert der deutsch-türkische Filmemacher sich stets, für die Gangarten, die seine Helden ausmachen. Und welches Genre ist für diese Art Studie besser geeignet als der Western, in dem es (fast) immer um die Durchmessung von Raum und die Eroberung von Land geht. Ins Jahr 1898 führt der lakonische erzählte Spätwestern, eine Handvoll deutscher Einwanderer will in den Goldfeldern des Klondike ihr Glück machen. Rund 2000 Meilen gilt es zu bewältigen, die Strapazen sind enorm und bald kommt es innerhalb der Gruppe zu Reibereien. Streng hält sich Arslan an die Regeln des Genres, erzählt von Pioniergeist und Mut, vom rauen Alltag und dem Innenleben seiner Helden. Perfekt zusammengestellt ist das von der großartigen Nina Hoss angeführte Ensemble, der Spannungsbogen ist klug kalkuliert und die (wenigen) dramatischen Höhepunkte sind perfekt gesetzt. Zum Beispiel eine Bärenfalle . . .

Und die schnappt auch in "Viv & Flo ont vu un ours" zu. Seltsame Figuren bevölkern die schräge (Kino)-Welt des kanadischen Filmkritikers und Filmemachers Denis Côté ("Bestiare"), skurrile Regieeinfälle und eine mysteriöse Atmosphäre zeichnen die Arbeit aus. Um lesbische Liebe geht es (auch), um die Beziehung zweier Frauen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Einen Neuanfang versuchen sie, in einer Kunstwelt im kanadischen Hinterland, die ihrer eigenen, völlig unberechenbaren Wirklichkeit verpflichtet ist. Und so überrascht es nicht, als zum Schluss diese Liebesgeschichte zum schockierenden Rachethriller mutiert.

© Mannheimer Morgen, Montag, 11.02.2013
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