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Journal: Es gibt zwar aktuelle Ausnahmen, doch der Sprachgebrauch in Politik und Öffentlichkeit bleibt meistens moderat

Aufrüsten an der Wörterfront?

Von unserem Redaktionsmitglied Thomas Groß

Sprach schon 1983 von "alten Gaunern" und "kalten Kriegern": der CSU-Politiker Franz Josef Strauß (1915-1988).

© dpa

Verbale Aufrüstung allerorten? Gar nicht zimperlich stellen türkische AKP-Politiker weiter Nazi-Vergleiche an und erweisen sich auch damit ihrem Präsidenten Erdogan gegenüber loyal. Europa, mahnen sie, stehe am Rande eines Religionskriegs. Aus Nordkorea hört man, es drohe eine atomare Auseinandersetzung mit den USA. Und der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel sah sich zuletzt immerhin veranlasst, vor einem neuen Kalten Krieg zu warnen - während ein baden-württembergischer Landtagsabgeordneter den Parlaments-Vizepräsidenten zupackend "Drecksack" nannte.

Hier geht es verbal zur Sache, und leicht könnte der Eindruck entstehen, dass das derzeit auch insgesamt viel eher als noch vor kurzem der Fall sei. Gibt es etwa kein Sensorium fürs Wortmaß mehr? Sprachbeobachter sehen es anders. Die Mannheimer Linguistin Heidrun Kämper, Spezialistin für die Beziehung von Sprache und Politik, verweist darauf, dass die Reaktionen auf die türkischen Nazi-Vergleiche sehr gemäßigt ausfielen.

"Besonderes Temperament"

Statt scharf zu reagieren, sei hierzulande viel eher der politische Tenor gewesen, der Gesprächsfaden dürfe nicht abreißen. Was noch den neuen Außenminister Sigmar Gabriel betrifft, so betont Kämper ebenso wie ihr Würzburger Kollege Norbert-Richard Wolf sein "besonderes politisches Temperament". Es habe sich bei der Warnung eher um eine spontane Reaktion gehandelt.

Viel mehr als die erwähnten verbalen Dampfreden treiben Wolf sprachliche Bestrebungen um, die ums "Völkische" kreisen. In der jüngsten Ausgabe der vom Institut für Deutsche Sprache herausgegebenen Zeitschrift "Sprachreport" führt Wolf geschliffen und differenziert aus, warum weder das Adjektiv "völkisch", wie AfD-Vorsitzende Frauke Petry meinte, noch das Substantiv "Umvolkung", das CDU-Politikerin Bettina Kudla gebrauchte, quasi naiv und neutral gebraucht werden können. Der nationalsozialistische Hintergrund hafte den Wörtern immer an. Und gegenüber dieser Zeitung fügt Wolf hinzu, die seriöse Politik sollte darauf wie auf andere Phänomene, die er unter dem Titel "Sprechen und Sprache in der postfaktischen Politik" fasst, entschiedener reagieren. Dieses Defizit findet der emeritierte Germanistikprofessor bedenklich, nicht das aktuelle sprachliche Gesamtklima.

Trübt sich Letzteres womöglich durch die berüchtigten Hassbotschaften in sozialen Netzwerken ein? Die Mannheimer Sprachwissenschaftlerin Konstanze Marx hält dagegen. Drastische Beispiele wie sogenannte Shitstorms würden eben "medialisiert" - sie seien präsent, weil über sie berichtet werde, sagt Marx, zu deren Forschungsschwerpunkten die Sprache im Internet zählt. Weniger bekannt sei dagegen das Phänomen des "Candystorm", verbale Süßigkeiten, die ebenfalls in sozialen Medien verteilt würden. Belastbares Daten- oder eben Sprachmaterial, das eine zunehmende Verrohung nahelege, liege jedenfalls nicht vor.

Früher mag manches anders gewesen sein, aber besser war es nicht unbedingt. Auch Nazi-Vergleiche haben ihre Geschichte. Die Karriere der SPD-Politikerin Herta Däubler-Gmelin als Ministerin fand im Jahr 2002 ein Ende, nachdem sie eine Nähe zwischen George W. Bush und Adolf Hitler unterstellt hatte - so lautete jedenfalls der Vorwurf, den sie freilich zurückwies. Dass der jetzige SPD-Vorsitzende und -Kanzlerkandidat Martin Schulz von Silvio Berlusconi ein knappes Jahr später als geeignet für die Rolle eines KZ-Aufsehers (im Film) bezeichnet wurde, ist ein ebenso dokumentierter Fall. Und natürlich kannte auch die Politik der alten Bundesrepublik schon deftige Umgangsformen.

Früher war's auch schon deftig

Vor Gericht endete 1983 die Auseinandersetzung zweier CSU-Politiker, wovon einer den anderen nicht nur "Drecksack", sondern auch "Dreckschwein" und "-sau" genannt haben sollte, freilich nicht im Parlament. Ein Jahr darauf rief Joschka Fischer im Bundestag Parlamentspräsident Richard Stücklen zu: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!" Erinnerlich könnte ebenso sein, dass Politiker wie Franz Josef Strauß und Herbert Wehner nicht zimperlich mit politischen Gegnern umgingen. Namentlich Wehner zielte auch unter die Gürtellinie. Aber bei aller vergleichbaren Unerbittlichkeit könnte ein Unterschied wohl doch festgestellt werden: Jedenfalls die letztgenannten Auseinandersetzungen folgten zwar ebenso einem politisch provozierenden Kalkül, wie es etwa aktuelle Nazi-Vergleiche tun, aber geistreicher als viele heutige waren sie doch.

Eine gebildete Tabuverletzung war das gewissermaßen, Beleidigung für Kenner; genießen konnten freilich auch diese schon nur diejenigen, die sich demselben politischen Lager zurechneten. Und wie damals, so hofft man heute, es werde zwischen Worten und Taten, verbaler Deftigkeit und nüchtern zu betrachtender Wirklichkeit ein Unterschied gemacht. Wahr bleibt zudem, dass Reden oft nur Silber ist - und die Sprache, die einer spricht, etwas darüber aussagt, was für ein Mensch er ist und welche Motive ihn leiten.

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 21.03.2017
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