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Das Porträt: Vom Haardter Schloss in Neustadt aus organisieren Josefine Raab und Stefan Becht den Fotopreis „Gute Aussichten“

Das System auf den Kopf gestellt 

Von unserer Mitarbeiterin Sarah Weik

Die beiden Kuratoren Josefine Raab und Stefan Becht und zwei Fotowerke der Ausstellung "Heimspiel 2" von Rebecca Sampson (r.o.) und Mona Mönnig (r.u.).

© swk

Besser könnte die Aussicht kaum sein. Vor der Haardter Höhe in Neustadt breitet sich die Pfalz aus, die Rheinebene, bis der Dunst irgendwo bei Hockenheim den Horizont verschluckt. Der gleiche Blick bietet sich aus dem Salon des Haardter Schlosses, das über den Weinbergen thront. Rundum sorgen Fenster dafür, dass so wenig wie möglich von dieser Aussicht verloren geht. Hier hat, seit etwa einem Jahr, das Projekt "Gute Aussichten" seinen Sitz.

Josefine Raab und Stefan Becht, Bewohner des Schlosses und Initiatoren des Projekts, lächeln und lassen den Besucher einen Moment mit dem Panorama allein. "Das war fast zwingend", sagt Raab später. Denn mit ihrem Projekt schaffen sie gute Aussichten für den deutschen Fotografennachwuchs. Kern des Projekts ist ein Wettbewerb, der einmal im Jahr die besten Abschlussarbeiten von Fotografie-Studenten auswählt. Zwei Beispiele dafür sind derzeit in Neustadt zu sehen. Im Schloss präsentieren die ehemaligen Preisträger Mona Mönnig und Rebecca Sampson Ausschnitte aus ihren Abschlussarbeiten. "Heimspiel 2" heißt die Ausstellung.

Und es wirkt auch so, als wären die Werke hier daheim. Sie stehen in Schränken, lehnen an Wänden, hängen im Flur und über dem Sofa. "Wir wollten die Kunst in den privaten Raum zurückholen", erklärt Raab. Raus aus dem perfekt ausgeleuchteten Schutzraum des Museums, hinein ins Private, zurück nach Hause. Sehr privat ist auch das, was die zwei Künstlerinnen in ihren Fotografien zeigen - wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.

"Gute Aussichten"

  • Der Wettbewerb findet einmal im Jahr statt. Alle deutschen Hochschulen, Fachhochschulen und Akademien mit einem Studiengang Fotografie können daran teilnehmen.
  • Die Professoren wählen aus den Abschlussjahrgängen fünf Arbeiten aus und reichen diese ein. 2012 waren das 119 Arbeiten von 40 Hochschulen.
  • Eine Jury, der in diesem Jahr etwa der Fotograf Thomas Struth und der Grafiker Mario Lombardo angehörten, berät einen Tag lang, die Arbeiten werden anonym bewertet.
  • Die Jury wählt die besten Arbeiten des Jahrgangsaus - das können mal fünf, aber auch mal zehn Arbeiten sein.
  • Diese werden in einem Katalog sowie einem Spezialheft präsentiert und in großen Häusern ausgestellt. Die Abschlussarbeiten der diesjährigen Preisträger sind derzeit im Marta in Herford zu sehen. Danach ziehen sie weiter - unter anderem ins Museum für Fotografie in Berlin, in die Deichtorhallen in Hamburg und ins Goethe-Institut in Washington.

Seele, Leid, Geschichte

"Aussehnsucht" heißt die Porträt-Serie von Rebecca Sampson. Es sind intime Bilder von Menschen, die an Essstörungen leiden. Doch Sampson hat den Körper in den Hintergrund gerückt und stattdessen den Menschen fotografiert. Seine Seele, sein Leid, sein Schmerz und seine Geschichte. Auch Mona Mönnigs Bilder erzählen viel über Menschen. Auch wenn ihre Fotografien Tiere zeigen: winzige Ponys, nackte Katzen, ausgemergelte Hunde. "man-made wonders" hat Mönnig sie genannt - Tiere, die nach dem Willen des Menschen geformt wurden. Sammelobjekte. Und genau so hat sie die Tiere vor ihrer Kamera inszeniert - als seien sie Teil eines Setzkastens. Grotesk und schön zugleich. Mönnig spielt gern mit Gegensätzen. Halt gibt den Bildern etwa ein selbst gemachter Rahmen aus Gießharz, einem zerbrechlichen, fast durchscheinenden Material.

Mönnig ist Preisträgerin des Jahres 2009/2010, Sampson gewann ein Jahr später. Sie bekamen kein Geld, die Auszeichnung ist nicht dotiert. "Ich wollte etwas machen, um junge Kunst einer breiten Öffentlichkeit bekanntzumachen", erklärt Raab. Sie war mehrere Jahre im Vorstand des Kunstvereins Wiesbaden tätig. Sie kennt den Kunstmarkt, weiß, wie groß der Druck auf junge Künstler ist, sich zu vermarkten, sich anzupassen. "Ich wollte das System auf den Kopf stellen." Mit einem Wettbewerb, bei dem es eben kein Geld zu gewinnen gibt, sondern die Präsentation in der Öffentlichkeit.

Raab holte Stefan Becht mit ins Boot. Sie, die Kunstwissenschaftlerin, ist bei "Gute Aussichten" für den Inhalt zuständig. Er, der Journalist und PR-Experte, für die Organisation und das Netzwerk. Denn davon lebt das Projekt. Es basiert auf Arbeit, nicht auf Geld, wie Becht erklärt.

Auftakt 2004 mit Knalleffekt

Viele Menschen tragen einen Teil dazu bei. "Jeder bringt seine Arbeit ein - und dann passiert etwas." Etwas Glück, gibt er zu, war allerdings auch dabei. "Und viel Hartnäckigkeit", fügt Raab noch hinzu und lacht. Mit einem Knall wollten sie ihr Projekt starten. Sie wussten: Dafür brauchen sie einen Namen. Sie hatten Glück: einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Fotografen, Andreas Gursky, fand das Projekt gut und saß beim Start 2004 in der Jury.

Raab erzählt von den Sitzungen, der Spannung darauf, was sie in diesem Jahr wieder erwartet. "Die Universität ist der Raum, in dem noch nicht kommerziell gearbeitet werden muss. In ihren Abschlussarbeiten können die Studenten ihr ganzes kreatives Potenzial entfalten", sagt sie. "Von wo soll Neues kommen, wenn nicht von dort?"

Der Preis etablierte sich schnell, das Projekt wuchs - und verlangte bald mehr Raum. "Wir hatten unseren Sitz zuvor in einem Hinterhof in Frankfurt", erzählt Raab. Sie machten sich auf die Suche und stießen auf das Schloss in Neustadt. "Wir hatten eigentlich etwas ganz anderes gesucht, aber dann war die Faszination größer." Seitdem leben und arbeiten Raab und Becht auf dem Schloss. Mit guten Aussichten.

© Mannheimer Morgen, Freitag, 28.12.2012
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