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Heinz Rudolf Kunze im Jahr 2008 über Chuck Berry:

Ein Mann, jünger als sein Denkmal

Archiv-Artikel vom Dienstag, den 29.11.2016

Von Heinz Rudolf Kunze

Heinz Rudolf Kunze schrieb im Jahr 2008 über Chuck Berry, der am 22. November in der SAP Arena auftrat.

Heinz Rudolf Kunze

Ein Foto von Heinz Rudolf Kunze aus dem Jahr 2012. 

© DPA

Kleiner Anlass, nette Folgen: Kürzlich kritisierte unser Kultur-Teil am neuen Rowohlt-Rocklexikon, "dass etwa Chuck Berry mit drei mageren Textspalten bedacht wird, während Heinz Rudolf Kunze deren sieben bekommt". Der alerte Deutschrock-Star und ausgewiesene Rock-Experte meldete sich daraufhin per Leserbrief zu Wort und lieferte telefonisch das Angebot nach, den Miterfinder des Rock 'n' Roll mit einem eigenen Artikel zu ehren. Damit ist das Gleichgewicht im Rock-Olymp wieder hergestellt. 

Er hat Keith Richards verprügelt, weil ihm dieser Name überhaupt nichts sagte und er den schmächtigen, verlebten, ehrfürchtigen Verehrer für einen weiteren lästigen Fan hielt - oder Schlimmeres. Sein Umgangston mit Konzertveranstaltern entstammt dem Chicago Al Capones. Sein Frauenbild ist so ungeheuerlich arrogant und herablassend, dass man es eigentlich für ausgestorben halten sollte, hätten uns die Taliban oder gegenwärtige schwarze US-Rapper (es soll sogar einige deutsche geben) nicht eines Schlechteren belehrt.

Die Rede ist von Chuck Berry, dem Mann mit dem fein geschwungenen Oberlippenbärtchen, das sich neuerdings auch Bob Dylan zu eigen gemacht hat. Der Mann mit dem Gesichtsausdruck eines schmierigen Vorstadtfrisörs. Der Mann, der den Entengang während des Gitarrenspielens erfunden hat - etwas ganz anderes als den Ententanz. Jimmy Page von Led Zeppelin hat gelegentlich versucht, das zu imitieren. Er hätte es bleibenlassen sollen. Aber dieser Berry wird seit Jahrzehnten von Generationen von Gitarristen nachgeahmt, meistens vergeblich und erbärmlich. Nur Keith Richards ist ihm nahegekommen, wenn er ihn nicht gar übertroffen hat.

Als der Rock 'n' Roll Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts die Welt erobert hat, waren die meisten seiner Protagonisten keine kompetenten Musiker auf der elektrischen Gitarre. Auf der unvergleichlichen Hüfte von Elvis klebte eine Akustische, die er kaum benutzte. Bill Haley verwendete dieses Instrument wohl eher, um seinen Bauch zu kaschieren, Buddy Holly, um von seiner Brille abzulenken. Gene Vincent, vielleicht der Größte der "First Wave of Rock 'n' Roll", war "nur" ein Sänger, wenngleich, was für einer. Jerry Lee Lewis und Little Richard waren Pianisten, freilich mit einem Zugriff auf dieses Instrument, der angesichts ihrer wahnsinnigen Wucht noch heute neun von zehn Gitarristen erblassen lassen müsste. Eigentlich fällt mir nur ein Frontmann ein, der das Hauptinstrument der Rockmusik in Personalunion mit Gesang, Komposition und Texteschreiben durchgesetzt hat: Chuck.

Dieser Mann ist einer der wichtigsten Musiker der aufregenden, zweifelhaften, krisengeschüttelten Kunstrichtung, von der Lou Reed in seiner unnachahmlich trockenen Art sagt: "Ich für meinen Teil bleibe dabei. Denn ich sehe nichts Besseres." Chuck Berry mag persönlich unausstehlich sein, ich weiß es nicht, ich habe ihn nie kennengelernt. Vielleicht ist er aber als Individuum absolut hinreißend? Das alles geht uns, seine Hörer, nichts an. Bertolt Brecht, so hört man, war persönlich auch nicht gerade unproblematisch. Aber wer hat so gute Gedichte geschrieben wie er? Von den Stücken mal ganz abgesehen. Will sagen: Was uns zu interessieren hat, ist das Werk. Einen wunderbaren Typen gibt es höchstens obendrauf, als Sahnehäubchen. Wenn nicht, dann nicht. Das schmälert nichts. Das barbarischste Missverständnis aller Rezipienten besteht darin, den Menschen mit seinem Erzeugnis gleichzusetzen oder zu verwechseln.

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