Berlinale:
Die 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnen mit Wong Kar-Wais „The Grandmaster“ / Offene Fragen zum Programm
Gefühl statt stereotyper Prügelei
Von unserem Mitarbeiter Gebhard Hölzl
Eröffnungsfilm: Zhang Ziyi in Wong Kar-Weis "The Grandmaster" .
© Berlinale
Die erste Frage bei jedem Filmfestival lautet: Wie gut ist das Programm? Nun wird in Berlin gemault. Wie eigentlich immer, wie bei jeder Filmschau. Dabei weiß man im Vorfeld gar nicht um die Qualität der Filme. Festivalchef Dieter Kosslick, ein ebenso blendender Organisator wie Entertainer, ist seiner Linie treugeblieben: Politik und Zeitgeschehen gilt sein Interesse.
Um Krisen und Krieg drehen sich viele Arbeiten und darum, was dabei mit den Menschen geschieht. "Business as usual" also? Dieses Jahr steht der Vorwurf im Raum, (zu) viele der 24 Wettbewerbsfilme - fünf laufen außer Konkurrenz - seien schon anderswo zu sehen gewesen oder liefen bereits im Kino. Es existieren Kritiken, es gibt Meinungen - nichts also zum Entdecken. Es fehlen echte Weltpremieren, der Gala-Glanz, der Kitzel des Unbekannten, sieht man ab von Ulrich Seidls "Paradies: Hoffnung", Bruno Dumonts "Camille Claudel 1915" oder Hong Sangsoos "Nugu-ui ttal-do anin Haewon" ab.
Und wo, wird nachgehakt, bleibt der deutsche Film? Thomas Arslan hält mit dem entschleunigten Western "Gold" die heimischen Fahnen hoch. Dafür hat man Oskar Roehlers autobiografischen Film "Quellen des Lebens", eine kluge bundesrepublikanische Nabelschau, vergessen. Startet schon während des Festivals, am 14. Februar, hört man vom Veranstalter. Eine müde Ausrede. Denn häufig dienen Festivals als publikumswirksame "Startrampe". Kosslick gerät für seine Auswahl gerne in die Schusslinie, man zweifelt an seinem Geschmack, seiner Expertise. Vor allem, seit er 2006 Florian Henckel von Donnersmarcks späteren Oscar-Gewinner "Das Leben der Anderen" als nicht wettbewerbstauglich abgelehnt hat.
Mal sehen, wer zuletzt lacht. Gute, richtige Entscheidungen hat der erfahrene Kosslick nämlich auch wieder getroffen: Den Ehren-Bären erhält der 87-jährige Claude Lanzmann. Seine neuneinhalbstündige, wegweisende Holocaust-Dokumentation "Shoah" von 1985 wird wieder gezeigt. Die Hommage zeigt weitere seiner Filme wie "Tsahal" (1994). Spannung und neue Einblicke verspricht zudem die Reihe "NATIVe", die von der Vielfalt des indigenen Filmschaffens zeugt.
Ein souveräner Griff ist der Eröffnungsfilm "The Grandmaster" von Festivalliebling Wong Kar-Wai, der auch der Jury vorsitzt. (Nicht nur) für Fans von Martial-Arts-Meisterwerken erzählt er die tragische Geschichte von Ip Man (Tony Leung), Meister der Wing Chun-Technik, und der Kung-Fu-Virtuosin Gong Er (Zhang Ziyi), von verschieden Kampfstilen und -philosophien. Der Regisseur, bekannt für seine romantischen, melancholischen Dramen, schlägt andere Töne an, ohne seinen typischen, bildgewaltigen, ruhigen Stil zu verlieren. Mit Vertikalen und Horizontalen wird lustvoll gespielt.
Regen und Schnee fallen senkrecht herab - die Kämpfer schweben zumeist in der Waagerechten. Ein visueller Augenschmaus (Kamera: Philippe Le Sourd) - düster, kraftvoll, mysteriös. Und dabei alles andere als stereotype Prügelei - Gefühl wird hier zu Bewegung.