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Literatur: Christoph Hein schildert in „Glückskind mit Vater“ die Biographie eines Sohnes, der unter der Schuld seines Vaters leidet

Im Schatten eines Teufels

Archiv-Artikel vom Montag, den 14.03.2016

Von unserem Mitarbeiter Ulrich Steinmetzger

Detailversessener, scharfsichtiger Protokollant deutscher Verhältnisse: Christoph Hein.

© dpa

Als Konstantin Boggosch nach zwei Jahren und nur ein paar Postkarten endlich zu seiner Mutter zurückkehrt, empfängt die ihn mit einem Schlag ins Gesicht. Es ist das Jahr 1961 und der Junge noch nicht volljährig. Durch Berlin ist gerade die Mauer gebaut worden, er kam von der falschen Seite eben noch dran vorbei. Konstantin war in Frankreich, weil er einfach nur wegwollte. Er wollte zur Fremdenlegion, doch die wollte ihn nicht.

Dann landete er bei vier ehemaligen Kämpfern der Resistance, die es gut mit ihm meinten, obwohl er ein Deutscher war. Sie wussten es nicht besser. Und sie wussten nicht, wer der Vater dieses frühreifen fremden Freundes gewesen ist. Der hatte einem der Vier das linke Ohr taub geschlagen im Krieg.

Erdrückende Last

Christoph Hein

  • Der Schriftsteller, Übersetzer und Essayist.Christoph Hein wurde am 8. April 1944 im niederschlesischen Heinzendorf bei Münsterberg geboren. Er wuchs nahe Leipzig auf, besuchte aber bis zum Mauerbau 1961 ein Westberliner Gymnasium.
  • Das Abitur folgte 1964 an der Abendschule, bis 1971 studierte Hein Philosophie und Logik. Danach arbeitete er als Dramaturg und Autor an der Ostberliner Volksbühne.
  • Seit 1979 ist Christoph Hein freier Schriftsteller. Bekannt wurde er 1982 durch die Novelle "Der fremde Freund", die 1983 außerhalb der DDR als "Drachenblut publiziert wurde.
  • Gerade ist "Glückskind mit Vater" bei Suhrkamp erschienen (528 Seiten, 22,95 Euro. jpk

Konstantin Boggosch hat diesen Gerhard Müller, der sein Vater war und ein großer mitteldeutscher Industrieller, nie kennengelernt. Vor seiner Geburt war er in den polnischen Wäldern als Kriegsverbrecher standrechtlich hingerichtet worden. Die Schuld des SS-Mannes, der neben seiner Firma ein betriebseigenes Konzentrationslager fast fertig gebaut hatte und in vorderster Linie an Massakern beteiligt war, war zu erdrückend. Sie erdrückt auch die Biografie des nachgeborenen Sohnes.

Dem werden in der jungen DDR alle Chancen verwehrt, obwohl er vielfach talentiert ist. Er darf nicht zur Sportschule und wird auch zum Abitur nicht zugelassen. Er darf nicht einmal zur Armee. Es hilft gar nichts, dass die tapfere Mutter sich und ihren beiden Söhnen ihren Mädchennamen zurückgegeben hat.

Der Vater ist Konstantin Boggoschs Makel, er ist ein allpräsentes Phantom in den Akten und im richtigen Leben, mit dem er gemeinsam in Sippenhaft genommen wird. Bis hin nach Frankreich und auch viel später noch, als er die Aufnahmeprüfung an der Filmhochschule schon bestanden hatte, oder noch später, als es um einen Direktorenposten an einer Schule ging. Der tote Vater steht im Weg wie ein Gespenst quer durch die hier aufgefächerte Sohnesbiografie.

Ein weiteres Mal erweist sich Christoph Hein in seinem neuen, diesmal ein wenig ausufernden Roman als detailversessener, scharfsichtiger Protokollant deutscher Verhältnisse. Wieder bringt er dazu seine schnörkellose, schmuckfreie Sprache in Stellung, mit der er die Jahrzehnte überspannenden Ereignisse zu objektivieren sucht. Ohne Esprit und Poesie werden Mahlzeiten eingenommen, wird verdrossen geschaut, Dank abgestattet, sich eindringlich gemustert, sich unverhohlen geäußert. Als blieben immer die naheliegendsten Attribute und Verben stehen, so liest sich diese Prosa. Das macht sie mitunter bräsig und stockfleckig, das degradiert den hingebreiteten Stoff zur Geschichtsillustration. Es ist, als würde das verblichene kleine Land noch einmal Auferstehung feiern und sich breitmachen. Das erschwert die Lektüre, die in ihrer Rückspiegelschau in den Kontext von Romanen wie "Der Turm" und "Kruso" gehört.

Den Rahmen dieses Abstiegs in den Zeittunnel bildet das Ansinnen einer jungen Journalistin. Der inzwischen pensionierte Konstantin Boggosch nennt sie schön antiquiert "Fräulein" oder "Mädchen". Ihr soll er seine Erinnerungen für einen Zeitungsartikel mitteilen, was er ablehnt, weil man den Rückblicken alter Männer misstrauen sollte. Doch wirkt diese Bitte aus der übernächsten Generation wie der Impuls für das Buch. Darin ist auch von zwei sehr unterschiedlichen Brüdern zu lesen. Im älteren der beiden lebt der Vater fort auf andere Weise. Der macht zunächst eine Parteikarriere und nimmt nach der Wende im Wissen, dass der Kriegsverbrecher im anderen deutschen Teil rehabilitiert ist, das Millionenerbe an, bis die halbe Stadt für ihn arbeitet. Neben die Ostexegese also rutschen die Westklischees.

Zwischen Scham und Würde

Was bleibt von diesem Buch? Ganz eindeutig die Geschichte der Mutter. Wie so oft erweist sich Christoph Hein als Frauenversteher. Wie er diese integre, kluge Frau aus gutbürgerlichem Haus zwischen Scham und Würde schlingern lässt, weil ihr der falsche Mann passiert ist, wie er ihren tragisch einsamen frühen Tod herleitet und wie er dazu nur wenige Andeutungen braucht, das ist dann endlich große Kunst.

© Mannheimer Morgen, Montag, 14.03.2016
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