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Musiktheater: Jonas Kaufmann, Marie-Belle Sandis und das NTM-Ensemble liefern am NTM mit Massenets „Werther“ eine denkwürdige Vorstellung ab

Katastrophe unter schwerem Dezemberhimmel

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan M. Dettlinger

Seltene Leichtigkeit des Seins: Jonas Kaufmann und Marie-Belle Sandis.

© Michel

So etwas war lange nicht. Nach der seit Monaten ausverkauften Vorstellung von Massenets "Werther" durchzieht Trubel und eine lange Schlange das NTM-Foyer. Mitten in der Nacht. Ausgelassene Feierstimmung. Immer wieder brechen Klatschen, Jubel und Bravos los, immer dann, wenn einer der Sängerinnen und Sänger dieses unvergesslichen Abends aus der Garderobe kommt.

Obwohl die Schlange vor allem einem gilt (Jonas Kaufmann gab Autogramme), wird dieser 13. April auch allen anderen nicht aus der Erinnerung weichen. Es ist nicht weniger als eine Sternstunde am NTM, denn so, wie Kaufmann den Werther in Mannheim singt, singt ihn derzeit weltweit wohl keiner: farbenprächtig, düster, strahlend, hochemotional, lyrisch, beseelt und mit einer dynamischen Palette, die vom zartesten, fast stimmlosen "sotto voce" (das bei ihm immer noch trägt) über ein fantastisches An- und Abschwellen im "messa di voce" bis hin zu hinreißenden dramatischen Spitzen etwa in der herzzerreißenden fis-Moll-Finsternis von "Pourquoi me réveiller" (Akt III) reicht, wo Kaufmann mühelos und elektrisierend aufs hohe "Ais" steigt und dort über dem Orchester-Fortissimo thront.

Empfindung und Katastrophe

Aber natürlich ist dieser sympathische Ausnahmesänger (der mit einer Ilvesheimerin verheiratet ist und drei Kinder hat) derzeit nicht nur d e r Tenor schlechthin. Kaufmann ist auch darstellerisch eine Pracht. Wie er sich in die 33. Vorstellung der von 2001 stammenden Inszenierung David Mouchtar-Samorais hineinspielt, wie er die katastrophale Symbiose aus zarten Empfindungen (zu Charlotte), leidenschaftlich-draufgängerischer Zerrüttung und tödlicher Zerstörung darstellt (und dies wohlgemerkt mit wenig Proben), ist sehr eindrucksvoll. Ein Weltstar in Mannheim, der - seien wir ehrlich - weit mehr wert ist als die 123 Euro Spitzeneintritt, ja, für den die Menschen in New York, München oder Wien locker das Doppelte berappen müssen.

Doch halt: In Geld lässt Kunst sich freilich nicht messen. Das zeigen nicht zuletzt absurde Schwarzmarktpreise für Starvorstellungen (und auch der vollkommen irrsinnig gewordene Kunstmarkt). Was wir hier und heute erleben, mit Massenets Musikalisierung von Goethes bahnbrechendem Briefroman, ist nicht nur Starkult und Götterverehrung. Es ist ganz einfach auch die Lebendigkeit kommunaler Kultur. Wer sieht, wie die Hauskraft Marie-Belle Sandis als Charlotte neben Kaufmann eine tadellose Vorstellung gibt, wer hört, wie sie in der Briefszene mit dem Verlesen des Werther-Briefes "Je vous écris de ma petite chambre" vollkommen in die dunkle Welt von Werthers winterlicher Einsamkeit eintaucht und singt: "Ein grauer, schwerer Dezemberhimmel lastet auf mir wie ein Leichentuch", der freut sich über die hohe Qualität im NTM-Ensemble und wird spätestens in der Sterbeszene den Tränen nah sein. Daneben klingt auch die Sophie Katharina Göres', die das NTM leider verlassen wird, edel. Eine so leichte, vibrierende, virtuose Stimme, die gleichzeitig so viel Anmut hat - schwer zu finden. Auch Thomas Berau (Albert) zeigt die schönsten Facetten seines Baritons: ein weiches, helles Timbre mit lyrischem Zauber, edel schimmernd und kultiviert.

Benedikt Nawrath (Schmidt) und Radu Cojocariu (Johann) können da nicht ganz mithalten, und der fehlbesetzte weil viel zu junge Bryan Boyce als Amtmann kann einem fast leidtun, er wirkt, obwohl stimmlich recht gut, als alt gemachter Herr bisweilen fast wie der komische Alte aus einer Schultheatertruppe. Die Kinder aus dem Kinderchor singen ordentlich, das Orchester unter Alois Seidlmeier entwickelt nach anfänglichen Unkonzentriertheiten und zu lauter Begleitung noch eine gute Vorstellung, die den Abend in seiner Einzigartigkeit nicht trübt. Lang anhaltender Jubel. Mannheim steht (endlich mal wieder) Kopf. Bitte mehr davon!

© Mannheimer Morgen, Montag, 15.04.2013
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