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Das Porträt: Zu Besuch bei Wolfgang Schorlau, der derzeit wohl die besten deutschen Thriller schreibt

Moralist und Spannungsautor

Archiv-Artikel vom Samstag, den 15.03.2014

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan M. Dettlinger

Er schreibt die besten Thriller: Wolfgang Schorlau.

© Bettina Fürst-Fastré / KIWI

Natürlich wohnt er inkognito. Oberhalb des Bohnenviertels. Stuttgarter Hanglage. Weitblick. Altbau. An der Klingel steht ein fremder Name, doch aus der Sprechanlage tönt er: Schorlau, Wolfgang Schorlau, der erfolgreiche Schöpfer Georg Denglers und Thrillerautor, der er eigentlich nicht sein will und ist, sondern, wie er mir später in seinem Wintergarten sagen wird, Autor von Gesellschaftsromanen. Dieser Schorlau also, 62 Jahre alt, öffnet die Tür seiner schönen Altbauwohnung, steht in Jeans und blauen Turnschuhen vor mir wie einer, der die 1968er live miterlebt und gelebt hat, und fragt: Tee oder Kaffee?

Parkettböden, Teppiche, Kunst. All das vermengt sich hier zum humanen Ambiente, in dem Kaffee natürlich altmodisch zubereitet wird, und während Wasser sich durch Metallrohr und Kaffeepulver röchelt, singt irgendwo da hinten ein depressiver Amerikaner: Leonard Cohen.

Politisch positioniert

Wolfgang Schorlau

  • Geboren wurde Wolfgang Schorlau 1951 in Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz). Nach dem Tod des Vaters wuchs er in einem Waisenhaus in Freiburg auf, machte anschließend eine Kaufmännische Lehre, schloss sich der linken Lehrlingsbewegung an und wurde Geschäftsführer einer Software-Firma in Ludwigsburg.
  • Mit 50 erfüllte er sich einen Traum: Er veröffentlichte seinen ersten Roman, Denglers ersten Fall "Die blaue Liste".
  • Mittlerweile gibt es sechs weitere, bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Fälle: "Das dunkle Schweigen", "Fremde Wasser", "Brennende Kälte", "Das München-Komplott", "Die letzte Flucht" und das neueste "Der 12. Tag". Daneben gibt es auch andere Arbeiten, etwa die Romane "Sommer am Bosporus" und "Rebellen" oder Schriften zu "Stuttgart 21".
  • 2006 wurde Schorlau mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Die Lieblingsschriftsteller des "buchstabensüchtigen" Schorlau sind Isaac B. Singer, Philip Roth, Uwe Timm, Wolfgang Herrndorf, Rafael Chirbes und Don Winslow. dms

Von Schorlaus Wintergarten aus sieht man über Ziegeldächer hinweg ausgerechnet das Alte Schloss und den Königsbau durch diesiges Licht schimmern. Schorlau ist politisch positioniert. Eindeutig. Die Cover seiner sieben Dengler-Bände schmückt ein Roter Stern - ein Bekenntnis, das auch im Erstling "Die blaue Liste" eine Rolle spielt, die immer noch sein Bestseller ist. "Wir knacken dieses Jahr die Eine-Million-Marke", sagt er und meint alle Titel zusammen. "Immer, wenn ein Buch über 100 000 Exemplare geht, lädt mich der Verleger zum Essen ein".

Er kommt von Marx. Gelesen und von den "besten Volkswirtschaftsstudenten" erklärt bekommen hat er ihn in Freiburg, wo Schorlau zuerst im Waisenhaus gelebt, sich dann einer linken Lehrlingsgruppe angeschlossen und neben Marx auch die Schriften von Max Weber und Adam Smith kennengelernt hatte.

Da sitzt er. Kaut auf einer Haselnuss. Trinkt Kaffee. Erklärt die Welt. Und seinen Erfolg. Er schreibt politische, moralische, gesellschaftskritische Romane mit Kriminalplot, doch: "Ich bin kein Autor für Krimikritiker." Zu moralisch seien die Dengler-Bände. Wer sie kennt, weiß aber, dass sie trotzdem mit Witz und Brillanz höchste Thriller-Spannung entwickeln. Schorlau gehört zum Besten, was die Republik im Genre (Enthüllungs-) Thriller zu bieten hat.

Eine Besonderheit: Dengler ist, wie viele seiner amerikanischen und britischen Kollegen, kein Polizist. "Die Deutschen sind ja so obrigkeitshörig", sagt er, "dass in fast allen Krimis es immer Staatsbeamte sind, die die Wahrheit finden." Deswegen sei die Skepsis auch beim Verlag groß gewesen, als er, damals schon um die 50, mit seinem ersten Dengler-Fall kam, in dem der BKA-Aussteiger sich im Stuttgarter Bohnenviertel als Privatermittler selbstständig macht und auf die schöne Computerspezialistin Olga trifft, die ihn zuerst verführt und dann gesteht, dass sie Taschendiebin war. Mit diesem privaten Ermittlungsteam stieß Schorlau in eine Marktlücke - auch wenn er dieses Wort sicher nicht mögen würde.

Die Fragen, die ihn beschäftigen, sind: In was für einem Land leben wir? Welches Wasser trinken wir? Wie ernähren wir uns? Und: Welches Fleisch essen wir? Es ist still. Leonard Cohen singt schon lange nicht mehr. Und Schorlau? Der sieht an seinem sitzenden Körper herunter und zupft am Bauch: "Hier", sagt er, "wir kommen mit drei Kilo auf die Welt, den Rest fressen wir uns an. Alles, was wir essen, werden wir." Und dann legt er nach: Wir glaubten immer, dass wir in einem Land leben, in dem die Löhne hoch sind, die Steuern hoch sind und das sich in der Staatengemeinschaft liberal verhält. "Aber ich vermute, dass alle drei Annahmen falsch sind." Paranoid ist das mitnichten, doch Schorlau sieht - wie sein Ermittler Dengler - auch Verschwörungen.

Trotzdem gehen seine Bücher immer von der Realität aus. Es geht um die Treuhand nach der Wende, um das Geschäft mit Trinkwasser, um die Anschläge aufs Oktoberfest, um krumme Geschäfte der Pharmaindustrie oder - im neuen Buch - um die skandalöse Fleischindustrie. "Noch nie habe ich so viele Briefe bekommen wie nach "Der 12. Tag", sagt der heutige Vegetarier Schorlau und trinkt. Dabei sei fast alles, was er schreibe, wahr. Er lese alles und stütze sich auf die "immer noch hervorragende Arbeit von Journalisten". Nur den Plot, den erfindet er, und zwar ganz am Anfang.

Ob er die Menschen ändern wolle, frage ich ihn zum Schluss: "Nee, ich will gute Geschichten schreiben." Sagt es und weiß wohl, dass er es mit ihnen ja gerade tut. Und was ist die nächste gute Geschichte? Missbrauchsskandal der Kirche? Edathy? Er schweigt. Nur eines ist gewiss: Es wird ein Dengler-Fall. Das deutet auf Schorlau'schen Suchtcharakter hin. "Tschüss", sage ich beim Handschlag. Er schließt die Tür - und erteilt bestimmt wieder einem anderen das Wort: Leonard Cohen . . .

© Mannheimer Morgen, Samstag, 15.03.2014
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