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Junge Talente: Der Mannheimer Kanun-Spieler Muhittin Kemal Temel ist ein Wanderer zwischen Orient und Okzident

Musikalische Brückenschläge

Von unserem Mitarbeiter Matthias Spindler

Ein Meister auf der Kanun, der orientalischen Harfe: Muhittin Kemal Temel aus dem Mannheimer Jungbusch.

© hf

Ohne sein Instrument bekommt man ihn selten zu Gesicht. Und er beharrt darauf, dass es eine "Sie" ist: die Kanun; für ihn eine Harfe, obwohl diese Harfe eher wie eine Zither aussieht, so auch, mit den waagerecht gespannten Saiten vor sich, gezupft wird und handlich genug ist, um überall hin mitgenommen werden zu können. Die Klänge, die Muhittin Kemal Temel der Kanun entlockt, erinnern freilich weder an die Harfe noch die Zither. Es sind sanfte, leise Töne; zu feinen Gespinsten verwoben, umweht sie eine Aura von Nachdenklichkeit, Verträumtheit, oft auch zarter, sehnsüchtiger Melancholie. Eben das ist es, was den eigentümlichen Charme der Musik von LebiDerya ausmacht, dem jungen Mannheimer Quartett, das mit seinem innovativen "Oriental Jazz" bundesweit aufhorchen lässt.

Ein Brückenschlag zwischen den Kulturen, zu dem LebiDerya-Mitgründer Temel vom östlichen Ufer her aufbrach. Denn die von ihm virtuos gespielte Kanun ist ein typisches Instrument der klassischen türkischen Musik, und "darin bin ich sozusagen geboren", betont der 33-Jährige. In Karlsruhe als Sohn türkischer Einwanderer aufgewachsen, wurde sein Talent von der Mutter früh erkannt. Bereits im Alter von fünf Jahren gab sie ihren Jungen einmal in der Woche nach Pforzheim in die Obhut eines dort lebenden türkischen Musiklehrers.

Mikrotonale Klangabenteuer

Von ihm, er nennt ihn immer noch respektvoll "meinen Meister", lernte er in einem jahrelangen intensiven Lehrer-Schüler-Verhältnis "die ganzen Grundlagen der Musiktheorie". Der klassisch türkischen wohlgemerkt; herausgebildet in osmanischer Zeit, kennt sie keine Harmonielehre wie die westliche Musik, verfügt dafür über einen Reichtum an melodischen Möglichkeiten durch eine Vielzahl unterschiedlicher Tonarten und die für europäische Ohren ungewohnte neunfache Unterteilung jedes Ganztons.

Die Unterweisung darin erfolgte ohne Instrument, allein mit Hilfe des Singens. Erst nach dem Tod des Lehrers 1992 entschied sich sein Schüler für die Kanun. Da sich Pläne zum Besuch eines Konservatoriums in der Türkei zerschlugen, auf türkische Musik in Deutschland eine Existenz zu gründen dagegen aussichtslos schien, wählte der Heranwachsende eine Berufsausbildung zum physikalisch-technischen Assistenten. In dieser Funktion bei einer Heidelberger Technologiefirma arbeitend, holte er dann das Abitur nach, auf dem Abendgymnasium in Mannheim, wohin er 1999 gezogen war.

Die Wende im Leben von Muhittin Kemal Temel brachte 2007 eine Reise nach Kreta. Viele weitere Aufenthalte sind ihr gefolgt; zuerst als wissbegieriger Gast, mittlerweile als Dozent einer ungewöhnlichen, von einem Iren auf der griechischen Insel geschaffenen Bildungsstätte für die Musik des östlichen Mittelmeerraums. Im Rhein-Neckar-Raum hat sie Schule gemacht. Denn durch ihr Vorbild angeregt, gründete Kreta-Heimkehrer Temel mit Gleichgesinnten die Orientalische Musikakademie Mannheim e.V. im migrationsgeprägten Stadtteil Jungbusch.

Dass Kenntnisse und Konzerterlebnisse, wie sie seither von der OMM vermittelt werden, keine Einbahnstraße Richtung Orient abstecken, dafür ist Temel selbst das beste Beispiel. "Ich habe relativ früh angefangen, die musikalischen Scheuklappen beiseitezulegen", bekennt er und setzt auf Musik als "hervorragendes Medium" zum gegenseitigen Verstehen der Kulturen. Außer den ihm von Kind an vertrauten Klängen des Osmanischen Reiches hört er heute "eigentlich alles", von Jazz und europäischer Klassik bis zu indischer und fernöstlicher Musik.

Es spiegelt sich in den Aktivitäten des nunmehr, ebenfalls seit 2007, als Berufsmusiker Tätigen. An der OMM gibt er Tageskurse über das Makam genannte Tonartensystem klassisch türkischer Musik, spielt diese auch nach wie vor gerne, wenn sich Gelegenheiten ergeben. In seinen eigenen Gruppen-Projekten aber tritt er aus deren Tradition heraus, bringt die Erfahrungen mit ihr ein in den interkulturellen Austausch. Der bei ihm viele Varianten aufweist, mal wagemutig experimentell wie bei LebiDerya ausfallen kann, mal liebevoll nostalgisch wie bei seiner Wiederbelebung der spezifisch türkischen Spielart des Tangos.

Und offen bleibt für bislang unerprobte Möglichkeiten. Dafür werden zielstrebig Lücken geschlossen. Muhittin Kemal Temel hat gerade an der Universität Frankfurt ein Studium der Musikwissenschaft aufgenommen. Persönlicher Schwerpunkt: die westliche Harmonie.

© Mannheimer Morgen, Freitag, 25.01.2013
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