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Enjoy Jazz: Schlagzeuger Erwin Ditzner zelebriert mit Bassist Sebastian Gramss und Gitarrist Jeff Parker die Kunst des Augenblicks

Sprudelnder Strom der Ideen

Archiv-Artikel vom Montag, den 22.10.2012

Von unserem Redaktionsmitglied Georg Spindler

Grandiose Vorstellung: Erwin Ditzner bei seinem Enjoy-Jazz-Konzert in der Alten Feuerwache Mannheim.

© Rinderspacher

Mut zum Risiko zahlt sich aus: Nichts, aber auch gar nichts war abgesprochen beim Enjoy-Jazz-Auftritt des Ludwigshafener Schlagzeugers Erwin Ditzner, der in der Alten Feuerwache Mannheim mit seinem langjährigen musikalischen Weggefährten, dem Kölner Bassisten Sebastian Gramss, auf den afroamerikanischen Gitarristen Jeff Parker traf. Noch nie zuvor hatten die Drei zusammengespielt, und doch geriet ihr Konzert zu einem Glanzpunkt des Festivals, bei dem der Drummer als eine Art "Artist in residence" jedes Jahr ein Projekt nach eigener Wahl verwirklichen kann.

Spontan improvisierte Musik - es ist noch nicht allzu lange her, da war dies ein Synonym für ungezügeltes Energiespiel. Nicht so, und das zum Glück, an diesem denkwürdigen Abend. Freilich, Ditzner beherrscht die Kunst frei pulsierender, wild verwirbelter Rhythmen und nutzt sie im Verbund mit Gramss, einem fantasievollen Free-Music-Virtuosen, im Verlauf des Konzerts auch weidlich. Immer wieder aber bringt er auch metrische Orientierungspunkte und fest markierte Takte ins Spiel.

Der Ludwigshafener hat sich zu einem Meister afrokaribischer Polyrhythmen entwickelt: Tackernde Trommelrand-Akzente, trickreich versetzte Off-Beats, tonhöhenvariable Sprechtrommel-Klänge, turbulent pluggernde Latin-Schlagfolgen - mit sprudelnder Fabulierlust bringt dieser Filigrantechniker den Improvisationsfluss in Gang, der ständig überraschende Wendungen nimmt. Wie buntes Treibgut tauchen dabei verschiedenste Stil-Elemente und Genre-Anklänge empor, wirbeln unverhofft durcheinander. Diese Wechselläufe mitzuerleben, macht den besonderen Reiz des Zuhörens aus.

Gaststar Jeff Parker

  • Der Gitarrist, geboren 1967 in Bridgeport, Connecticut, zog nach seinem Jazz-Studium am Berklee College 1991 nach Chicago. Er schloss sich der Musikerinitiative Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) an, die in den 60er Jahren den Free Jazz revolutionierte.
  • Seit 1998 ist er Mitglied der gefeierten Experimentalrockband Tortoise. Im gleichen Jahr stieg er auch beim Chicago Underground Duo bzw. Trio des Trompeters Rob Mazurek ein. Seit 2003 veröffentlicht Jeff Parker Alben unter eigenem Namen.
  • Internet-Seite des Gitarristen: www.jeffparkersounds.com

Kühl-kreative Kontrapunkte

Für stilistische Variabilität sorgt der Gast aus den USA: Dabei ist Jeff Parker, bekannt geworden durch die für ihre subtilen Klanglandschaftsbilder berühmte Chicagoer Experimental-Rockband Tortoise, ein eher kühler, reservierter Tonsetzer. Ganz und gar nicht dem "Hot"-Klischee afroamerikanischer Jazzer entsprechend, lässt er in der Art des (weißen) Gitarren-Poeten Jim Hall gerne kristallklare, gläsern klingende Single-Notes bedächtig dahinperlen. Eben dies sorgt für prickelnde Kontrastspannung, wenn Parkers Tonfolgen über den brodelnden Rhythmus-Fundamenten von Gramss/Ditzner treiben wie Eiswürfel in einem tropischen Cocktail.

Vielfarbig beschwört der Gitarrist die musikalische Tradition seiner Heimatstadt. Schon zu Beginn des Auftritts erinnert das Trio mit flüsterleisen, hart an der Hörschwelle angesiedelten Klangerforschungen an die Sound-Experimente, mit denen das Chicagoer AACM-Kollektiv Mitte der 60er Jahre den Free Jazz revolutionierte. Gramss entlockt seinem Bass geisterhaft wimmernde Flageoletts, Ditzner hantiert mit "little instruments", kleinen Percussion-Utensilien, die so typisch sind für die AACM, und Parker kommentiert mit sensibel inszenierten Dröhn- und Schwell-Klängen.

Eine gute Viertelstunde später sind wir ganz woanders: Jetzt kontrastiert der Gitarrist die ekstatischen Dschungel-Rhythmen seiner beiden wie entfesselt aufspielenden Kollegen mit futuristischen Maschinengeräuschen aus dem urbanen Urwald; es zischt, pfeift und faucht und weckt Erinnerungen an den zu Unrecht fast vergessenen Noise-Pionier aus Chicago, Pete Cosey, in den 1970ern war er der Gitarren-Hexer in der Gruppe von Miles Davis.

Ebenfalls nur noch wenig bekannt ist Earl Hooker, der dem Chicago-Blues - vor Jimi Hendrix - mit expressiven Quetsch-Sounds und Wah-Wah-Experimenten neue Perspektiven eröffnete. Als Ditzner im dritten Improvisationsteil (es gibt davon vier plus einen Solo-Epilog von Parker) Drum-'n'Bass-artige Rhythmus-Splitter in die kollektiven Erkundungen des Trios einstreut, kontert der Gitarrist mit Blues-Deklamation im Earl-Hooker-Stil.

So gibt es noch viele verblüffende Stilwendungen. Im zweiten Stück präsentiert sich Parker als Romantiker, mit balladesken Tonfolgen, die standardartig klingen, obwohl sie frei improvisiert sind. An anderer Stelle kombiniert er in bizarrem Wechsel peitschende Gitarren-Riffs wie einst Curtis Mayfield, die Chicago-Soul-Ikone, mit fies verzerrten Tortoise-artigen Linien. Grandiose Eingebungen des Augenblicks!

© Mannheimer Morgen, Montag, 22.10.2012
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