DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR

Sonntag, 29.05.2016

Suchformular
 
 

Lieber Leser, bitte aktivieren sie Cookies, um in den vollen Genuss unseres Angebotes zu kommen.

  • Drucken
  • Senden

Kunst: Die Stadt Zürich feiert zum hundertjährigen Jubiläum den Dadaismus gleich mit mehreren Ausstellungen

Unsinn gegen den Wahnsinn der Welt

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 24.02.2016

Von unserem Mitarbeiter Hans-Dieter Fronz

2016 ist das Dada-Jahr; den Titel einer Hauptstadt der Feierlichkeiten kann aus guten Gründen Zürich für sich beanspruchen. Von dort trat die Kunstströmung ihren Siegeszug in Europa und Übersee (New York!) an. Im Februar 1916 hatten Künstler und Schriftsteller wie der (aus Pirmasens stammende) Hugo Ball, Hans Arp, Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck im Haus in der Zürcher Spiegelgasse 1 das "Cabaret Voltaire" gegründet. Hier wurden Soireen mit Musik- und Tanzdarbietungen veranstaltet, Simultangedichte rezitiert, Manifeste verlesen, literarische und künstlerische Projekte ausgeheckt. Hugo Ball trug im kubistischen Priesterkostüm das erste Lautgedicht der Literaturgeschichte vor: "Die Karawane", die mit der Zeile "jolifanto bambla ô falli bambla" beginnt.

Dass das Herz der künstlerischen Antikunstbewegung in der so braven und biederen Schweiz schlug, könnte rückblickend selbst ein wenig Dada oder gaga anmuten, hatte jedoch ganz handfeste Ursachen. Die das Cabaret Voltaire gründeten, waren Emigranten, die in Zürich Zuflucht gefunden hatten - ähnlich wie Lenin, der zur selben Zeit in Zürich weilte und angeblich regelmäßig Gast im Cabaret Voltaire war.

Als Kinder des Kriegs führten die Dadaisten selbst Krieg. Gegen die Katastrophe, den Zivilisationsbruch des Ersten Weltkriegs rebellierten sie, indem sie dem Wahnsinn mit Unsinn oder Nonsens den Spiegel vorhielten. Doch nicht bloß zum Krieg sagten sie Nein, sondern zur abendländischen Kultur insgemein, die auf ihn hingeführt hatte; mehr noch: zur abendländischen Vernunft und der rationalen Sprache dieser Vernunft. Dada - schon die Losung, die sich die Antikunst-Künstler auf die Fahnen schrieben, ist als lallende Kleinkindsprache Verweigerung vernünftiger Rede: Regression auf den bloßen Laut, auf die vorsprachliche Geste im zeigenden Verweis aufs Hier und Jetzt.

Dada in Zürich und Pirmasens

Landesmuseum Zürich, Museumstrasse 2. Bis 28. März, Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr.

Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, Zürich. Bis 15. Mai, Dienstag bis Sonntag 12.30-18.30 Uhr.

Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1. Bis 1. Mai, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch, Donnerstag bis 20 Uhr.

www.dada100zuerich2016.ch

"PS eine Stadt ist Dada": Unter diesem Motto erinnert Pirmasens, die Heimatstadt des Dada-Pioniers Hugo Ball, ab 14. März das ganze Jahr über an die Kunstbewegung.

Unter anderem gibt es eine Stadtführung, die Balls Kindheit und Jugend zum Thema hat, Vorträge und Lesungen. Am 9. Juli wird eine "Lange Hugo-Ball-Nacht" im Dynamikum Science-Center gefeiert. Am 20. November wird im Forum Alte Post ein Hugo-Ball-Kabinett eröffnet, in dem das Werk Balls künftig gewürdigt wird.

www.pirmasens.de

Kreativer Ausbruch im Schatten des Krieges

Der Krieg wieder einmal als Vater aller Dinge: "Während in der Ferne die Donner der Geschütze grollten, sangen, malten, klebten, dichteten wir aus Leibeskräften", schrieb Hans Arp im Rückblick. Und so empfängt den Besucher im Landesmuseum Zürich beim Eintritt in die nur schummrig beleuchtete Ausstellungshalle Donnergrollen. Die schwarzen Wände, bedeckt mit graffitiartigen Zeichnungen und skripturalen Botschaften, dienen zugleich als Projektionsfläche für frühe Filme. In hohen Vitrinen werden Kunstwerke und Objekte präsentiert - zu Themen wie Tanz und Maske, Sexualität und Krieg. Vitrinen zeigen Bombensplitter, einen Tarnumhang - oder ein angeschmolzenes Frontgewehr. Ikonen des Dadaismus wie Hanna Höchs gemahnt selbst an einen Sprengkörper. Dazu Sophie Taeuber-Arps Kostüm "Hopi-Indianer" oder Duchamps Ready-made "Fountain".

Das Cabaret Voltaire, nach seiner Neugründung 2000 mehr nur Kneipe denn Kunstort, hat ein reichhaltiges Programm zusammengestellt. In der Krypta des einstigen Versammlungsort der Dadaisten ist die Ausstellung "Obsession Dada" mit Dokumenten aus Harald Szeemanns "Museum der Obsessionen" zu sehen. In Soireen bespielen zeitgenössische Künstler wie Thomas Hirschhorn oder Gianni Motti den Raum mit Performances oder Lesungen. Dazu finden bis zum 18. Juli für jeden einzelnen der 165 sanktionierten Künstler des Dadaismus frühmorgens um 6.30 Uhr Offizien statt. Sichtlich ist es das Ziel, die Stätte wieder zu dem zu machen, was sie vor einhundert Jahren war: eine Künstlerkneipe und ein freier Ort der zeitgenössischen Kunst.

Retrospektiv und dokumentarisch ist demgegenüber die Ausstellung "Dadaglobe Reconstructed" im Kunsthaus Zürich. Geboten werden 160 künstlerische und poetische Werke neben zahlreichen Dokumenten wie Briefen und Fotografien. Sie gehören in den Kontext des von Tristan Tzara 1921 geplanten Buchprojekts "Dadaglobe", für das ihm 40 Künstler aus aller Welt Beiträge zuschickten: Zeichnungen und Collagen, Fotografien und Fotomontagen, Gedichte und Prosawerke neben historisch relevanten Dokumenten. Erstmals sind alle erhaltenen Einsendungen in einer Ausstellung vereint: von Max Ernsts Fotocollage "Die chinesische Nachtigall" über Picabias Schüttzeichnung "La Sainte Vierge" bis zu (Laut-)Gedichten von Aragon und Arp oder Fried-Hardy Worms "Manifest der Unvernunft".

Tzara wollte mit der Anthologie der Dada-Bewegung ein Denkmal setzen. Infolge finanzieller und organisatorischer Schwierigkeiten wurde das Projekt nie realisiert. Dafür hat das Kunsthaus auf der Grundlage seiner Anweisungen eine Rekonstruktion versucht - wahrlich ein Meilenstein der Dadaismus-Forschung. Im Anschluss wandert die Ausstellung zum Museum of Modern Art in New York.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 24.02.2016
  • Drucken
  • Senden
 
 
TICKER

Veranstaltungen

Veranstaltungen SUCHEN

Partys, Ausstellungen, Weinfeste und Sport-Events. Unsere Veranstaltungsdatenbank weiß, was im Rhein-Neckar-Dreieck passiert.

 

Veranstaltungen MELDEN

Sie möchten uns Ihre Veranstaltung melden, schicken Sie uns eine E-Mail:

Kontakt zur Kulturredaktion

Telefon (11.30-15.30 Uhr): 0621/392-1343
Fax:  0621/392-1366
 

Schreiben Sie uns eine E-Mail!

 

DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR