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Schauspiel: Das Mannheimer Augenblick Theater legt mit jungen Schauspielern mit und ohne Behinderung seit fast zehn Jahren seine Bühnenspuren in der Region

„Verrückt sein, wie man will“

Archiv-Artikel vom Donnerstag, den 29.11.2012

Von unserem Mitarbeiter Bernd Mand

"Schlimm war es nicht", heißt das Fazit in der Abschlussrunde auf dem Boden im Saal des Forums. "Aber schwer." Zwei Stunden Probenzeit stecken den jungen Spielern vom Augenblick Theater merklich in Kopf und Knochen. Und vor allem die Improvisationsaufgabe, heute mal richtig böse zu sein, hat manchen hier ziemlich geschlaucht. Jeden Dienstag treffen sich die 16 jungen Frauen und Männer zur gemeinsamen Theaterarbeit im Jugendkulturzentrum an der Neckarpromenade.

Hinter dem einen liegt da bereits ein Arbeitstag in der Telefonzentrale, eine andere verbrachte den Tag in vollgepackten Uni-Seminaren und andere wieder in der Schule. Die Gruppe bringt die unterschiedlichsten Menschen hier zusammen, die eigentlich nur ein Ziel im Kopf haben: mächtig viel Theater zu machen.

Den Alltag eintauschen

Vor knapp zehn Jahren wurde das Augenblick Theater im Forum als Theatergruppe für behinderte und nichtbehinderte Jugendliche und junge Erwachsene gegründet. Seitdem hat Birgit Thomas, die Leiterin der Theatergruppe, sechs Produktionen begleitet und mitgebaut. "Unser Rhythmus bei der Arbeit ist natürlich nicht an eine Spielzeit gebunden, und so kann es auch schon mal anderthalb Jahre dauern, bis wir mit einer neuen Produktion an den Start gehen", erzählt die Theaterpädagogin. Zudem sind zwei Probenstunden in der Woche, wenn auch manchmal noch ein Wochenende dazugeschoben wird, natürlich nicht wirklich viel Zeit.

Aber sie bieten den Spielern regelmäßig die Möglichkeit, den Alltag gegen den Kunstraum zu tauschen. Oder wie man es hier nach der Probe knapp auf den Punkt bringt: "Hier kann man sagen, was man will. Und verrückt sein, wie man will."

Aber die gemeinsame künstlerische Arbeit ist hier nicht eines von vielen Hobbys, das lobenswerterweise die heimische Spielkonsole ersetzt oder den Fernsehabend. Die Ernsthaftigkeit, mit der die jungen Spieler hier in die Improvisationen einsteigen, die Offenheit, mit der sie den Geschichten im Kopf freien Lauf lassen und simple theaterpädagogische Übungen zum großen Bildersturm werden lassen - das alles zeigt, dass hier eine Gruppe zusammenarbeitet, die ihre Arbeit mit künstlerischen Strukturen und dramatischen Ausdrucksmöglichkeiten als wichtige Aufgabe sieht. Und damit wirklich behutsam umzugehen weiß.

Es mag einen daher nicht wundern, dass bislang drei Theaterprojekte des Augenblick Theater beim internationalen Festival Theatertage am See von der Jury mit dem ersten Preis in der Sparte "Schul- und Jugendtheater" ausgezeichnet wurden. Darunter auch die jüngste Produktion "Wo bleibt Tell?", die den Mythos um Wilhelm Tell in einer clever punktenden Text- und Bildcollage auf den Seziertisch bringt.

Erarbeitet werden die Produktionen nach der kollektiven Themensuche durch zahlreiche Improvisationen, die nicht nur einen Bilder- und Sprachkatalog erstellen, sondern jedem seinen persönlichen Zugang bauen. Eine ständige Spurensuche, bei der Birgit Thomas so manche Fährte auslegt und jedem Spieler seine eigene Möglichkeitenwelt schafft. "Als die Gruppe entstand, da ging es in erster Linie darum, dass man gemeinsam Theater spielen wollte", erzählt Thomas von den Anfängen. "Und nicht so sehr darum, dass hier behinderte und nichtbehinderte Menschen gemeinsam auf der Bühne stehen." Und doch ist das Augenblick Theater auch ein ganz konkretes Inklusionsprojekt. Wenn auch nicht der modischen Etikettenmalerei des derzeitigen politischen Lieblingsschlagworts der "Kulturellen Bildung" geschuldet, sondern vielmehr ein Ergebnis von persönlichem Einsatz der Gründungsmitglieder und dem Wissen um die Verantwortung gegenüber allen Menschen abseits von Herkunft oder körperlichen Fähigkeiten, das auch die derzeitigen Mitglieder stark verinnerlicht haben. Das "Alle zusammen" bei der Arbeit der Gruppe ist hier kein Lippenbekenntnis und das künstlerische Ergebnis auf der Bühne ein ernst zu nehmender theatraler Ansatz, den man manch anderer "professionell" arbeitenden Theatergruppe nur wünschen kann.

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 29.11.2012

Augenblick Theater

  • Das Augenblick Theater im Jugendkulturzentrum Forum wurde 2003 als Theatergruppe für behinderte und nichtbehinderte Jugendliche und junge Erwachsene gegründet und ist fester Bestandteil des Theaterbereichs im Forum unter der Trägerschaft des Stadtjugendring Mannheim. Die Gruppe besteht aus 16 Teilnehmern im Alter von 16 bis 30 Jahren.
  • Bislang entstanden in gemeinsamer künstlerischer Arbeit sechs Produktionen, von denen drei ("Tag am Strand mit Sturm" 2006, "Kopfkarussell" 2009 und "Wo bleibt Tell?" 2012) beim internationalen Festival Theatertage am See in Friedrichshafen mit dem ersten Preis für "Schul- und Jugendtheater" ausgezeichnet wurden.
  • Seit 2006 besteht eine Kooperation mit dem Jungen Nationaltheater Mannheim, die der Gruppe auch die regelmäßige Teilnahme am Festival "Junges Theater im Delta" ermöglicht.
  • Internet: www.augenblick-theater-mannheim.de