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Musiktheater: Mit „Siegfried“ nimmt Achim Freyers „Ring“ am Nationaltheater Mannheim ordentlich Fahrt auf / Ganz starkes Orchester unter GMD Ettinger

Viel Spaß mit Bär, Mord und Totschlag

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan M. Dettlinger

© HANS JOERG MICHEL
© HANS JOERG MICHEL

Magische Bilder voller Spannung: Siegfried (oben: Jürgen Müller) geht entschlossen mit seinem Bären über die Bühne, Alberich (Jürgen Linn) verhandelt in Nazi-Pose mit Wotan (nicht im Bild) und Siegfried befreit sich endlich aus dem Bett.

© Michel

Ganz am Ende, wenn Siegfrieds wichtige W-Fragen beantwortet sind, wenn er also weiß, woher er kommt (von Siegmund und Sieglinde), wer er ist (ein furchtloser Kraftmeier und Trottel) und wohin er geht (Brünnhilde begatten), wenn dies alles also verhandelt ist und auch das Publikum schon lange klatscht, dann kommt Achim Freyer. In verschiedenfarbigen Sneakers rennt der Maler, Regisseur und 78-jährige Berliner jungdynamisch auf die Bretter und holt sich genießend die Buhs ab, die sich nun in die Begeisterung mischen. Und plötzlich ist da dieser Moment, der uns glauben lässt, Freyer selbst sei Teil von "Siegfried", er habe die Rolle des Harlekins, Pierrots oder Clowns und verkünde auf unverhohlen lustige Art ewig traurige Wahrheiten.

Bei "Siegfried" arbeitet Freyer zwar wieder mit den für ihn typischen Mitteln: Schauspieler, Tänzer, Puppen und Magisches komplettieren das Sängerpersonal - ganz anders aber als in "Rheingold" und "Walküre" zieht er zwischen Werk und Zuschauer eine ironische Ebene ein. Mit ihr gelingt ihm eine spannende Gratwanderung zwischen Emotion, Distanz und Witz, die Wagner immer guttut: Wagner lieben: Ja! Sich Wagner ergeben: Nein!

Siegfried liegt und leidet

„Siegfried“ – der dritte Teil aus Wagners „Ring des Nibelungen“

Siegmunds und Sieglindes Sohn Siegfried wird von Alberichs Bruder Mime aufgezogen. In seinem Heim erzählt Mime Siegfried, dass seine Mutter bei seiner Geburt gestorben sei. Mime hat Siegfried zu sich genommen, weil er sich verspricht, Siegfried werde Fafner töten, der in Drachengestalt in der Neidhöhle den Nibelungenhort hütet: Tarnkappe und den Ring, den Mime - wie auch Alberich und Wotan - unbedingt haben will, weil er die Weltmacht verspricht. Allerdings ist Mime unfähig, für Siegfried aus den Stücken von Siegmunds Schwert Nothung eine neue Waffe zu schmieden.

Doch nur mit Wotans Zauberschwert Nothung würde Siegfried es gelingen, Fafner zu töten. Siegfried selbst schmiedet schließlich das Schwert, indem er es nicht reparieren will, sondern einfach einschmilzt und neu gießt. Mit dem neuen Nothung erschlägt er den Drachen und Mime, der ihm nach dem Leben trachtet, und zerstört Wotans Speer. Da er sich beim Erschlagen Fafners die Zunge mit Drachenblut benetzt, versteht er plötzlich des Waldvogels Gesang, der ihm auch von Brünnhilde erzählt. Als "furchtloser Held", unabhängig, gewaltbereit und naiv zugleich, erweckt er die Schlafende - und lernt mit der Liebe das Fürchten. dms

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Das Werk: Die Oper in drei Aufzügen "Siegfried" ist der zweite Tag des Bühnenfestspiels für drei Tage und einen Vorabend "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner. Nachdem der Vorabend "Rheingold" 1869 und der erste Tag "Walküre" 1870 in München uraufgeführt wurden, fand die Uraufführung des "Siegfried" 1876 gleich in einer zyklischen Aufführung mit dem dritten Tag "Götterdämmerung" bei den Bayreuther Festspielen statt.

Die Termine: 9. und 23. Dezember, jeweils 17 Uhr. Termine 2013 folgen.

Info und Karten: 0621/1680 150 www.nationaltheater-mannheim.de

In großen weißen oder schwarzen Räumen lässt Freyer spielen, starke, manchmal etwas plakative Farblichtspiele (Feuer = Rot, Wasser = Blau) versetzen uns in den Zustand ständig erlebter Verwandlung, der sich diesmal auch das Nationaltheater-Orchester (NTO) unter GMD Dan Ettinger mit einem großartig kultivierten Wagner-Sound anschließt. So gut klang das lange nicht mehr.

Erster Aufzug: klinisches Weiß mit Eisbär. Hier liegt und leidet Siegfried. Mime dröhnt ihn mit Drogen, Pornos und Tierpaarungsfilmen zu, will sich einen willigen Helfer kneten, der ihm Fafner tötet. Ständig räumt er seelenlose Materie rein und raus: Gießkannen, Kanister, Kaugummiautomat, Zivilisationsmüll eben. Uwe Eikötter spielt und singt den Hyperaktivitätsgestörten als Fiesling, der aber auch nur durch ein System gesteuert scheint. Eikötters Farben und Charakterisierungskunst überzeugen bis hin zu heldischen Spitzen.

Siegfried zeigt Freyer nicht als Heroen, sondern als so spaßige wie tragische Gestalt. In ihr manifestiert sich die gesamte "Ring"-Thematik: Im Innersten von Natur aus gut, zerstört sich der Mensch durch seine Gier alle guten Eigenschaften selbst. Jürgen Müller spielt den "Clown" Siegfried faszinierend und spannend, und auch wenn er in der Höhe mitunter etwas eng und angestrengt klingt, gestaltet er die "Monsterpartie" mit einer Vielfalt, die in den letzten Jahren selten war: Müller packt nicht nur eine heldische Farbe aus, er bringt die gesamte Tragik seiner Figur zum Ausdruck: von hochemotionalen, zarten Momenten wie im E-dur-Monolog "Aber - wie sah meine Mutter wohl aus?" (bei Müllers "Sterben die Menschenmütter an ihren Söhnen alle dahin? Traurig wäre das, traun!" kommen einem die Tränen) bis hin zu den Schmiedeliedern, die er unbeschadet übersteht, obwohl das NTO und Ettinger packend und (be)rauschend aufdrehen.

Eine der großen Szenen findet zwischen Wotan und Alberich statt, die, während das Puppenspiel Siegfrieds und Mimes Gang zur Neidhöhle erzählt, immerzu um den Vorhang laufen und verbal den Streit um den "Ring" ausfechten. Auch die beiden Bass-Stimmen grenzen sich bestens ab. Thomas Jesatkos edler, warmer Wanderer und Jürgen Linns knorzig-mächtiger Alberich. Beide mit exzellenter Diktion. Ein Höhepunkt.

Überhaupt gewinnt der Abend ab Aufzug II deutlich an Spannung. Die Schlachtung Fafners, dem Sung-Heon Ha zu kolossaler Stimme verhilft, gelingt Freyer ebenso ohne die übliche Lächerlichkeit wie auch, die 45 Minuten währende Entdeckung von und Vereinigung mit der schwebenden Brünnhilde in traumhaft schönen Bildern hinauszuzögern, damit die Spannung nicht nachlässt. Ehrlicherweise muss man sagen: Dieser Ahnungsdrang wird sängerisch eingetrübt. Judith Nemeth bestätigt als Brünnhilde, was in "Walküre" bereits anklang: Mit viel zu viel und zu diffusem Vibrato sowie einem in der Höhe scharf und körperlos werdenden Ton verärgert sie die Zuhörer schon fast und erntet am Ende gar vorsichtige Buhs. Edna Prochnik (als Erda gut, aber etwas hell klingend) und Antje Bitterlich (der quirlige Waldvogel) gehen voll in Ordnung.

Und der Star des Abends: das NTO mit seinem satten, wuchtigen, weichen Wagnerklang, der über weite Strecken transparent und kompakt klingt, aufbrausend und privat, zartbitter und süß. Nun blicken wir also gespannt auf den 22. März 2013, wenn in "Götterdämmerung" eine weitere W-Frage verhandelt wird: "Weißt du, wie das wird?" So singen da die spinnenden Nornen.

© Mannheimer Morgen, Montag, 03.12.2012
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