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Berlinale: Migration, Arabische Frühling und Familiengeschichten – die ersten Wettbewerbsbeiträge präsentieren sich nah am Puls der Zeit

Weggehen, um anzukommen

Archiv-Artikel vom Montag, den 15.02.2016

Von unserem Mitarbeiter Gebhard Hölzl

Regisseur Gianfranco Rosi (rechts) und sein Hauptdarsteller Samuele Pucillo. Sein Film "Fuocoamare" läuft beim Festival im Wettbewerb.

© Michael Kappeler/dpa

"Nicht schon wieder Flüchtlinge" wird sich mancher - mit Blick aufs Programm - denken. Film ist doch Unterhaltung, (Ent-)Spannung, Eskapismus. . . Nicht auf der Berlinale, nicht unter Dieter Kosslick, der seit 2001 die Filmschau leitet. Er will ein politisches Festival, zum Austausch anregen, Aufmerksamkeit wecken, Brücken schlagen. Das hat an der Spree Tradition - seit den ersten Festspielen im Sommer 1951. Und das soll so bleiben. Man grenzt sich dadurch zudem von Cannes und Venedig ab, dem Glamour ist man an der Côte d'Azur verpflichtet, der Filmkunst am Lido - wobei es freilich zu inhaltlichen und künstlerischen Überschneidungen kommt.

Gerade mal drei Kilometer Luftlinie trennen den Festivalpalast vom skandalgeschüttelten Moabiter Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales), wo man bis tief in die Nacht nicht um Kinokarten oder Autogramme, sondern für Essen und Kleidung Schlange steht.

Hierher hat es vielleicht einer der zahllosen Flüchtlinge aus Gianfranco Rosis italienischem Wettbewerbsbeitrag "Fuocoamare" geschafft. Über ein Jahr lang hat sich der für sein Städteporträt "Das andere Rom" mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Dokumentarfilmer auf der Insel Lampedusa, der nur 20 Quadratkilometer großen Schnittstelle zwischen Afrika und Europa, aufgehalten und beobachtet, wie hier tagtäglich Migranten in der Hoffnung auf ein besseres Leben ankommen und wie die Bevölkerung auf sie reagiert. Viele kleine, manchmal fast beiläufige Geschichten, in deren Zentrum der zwölfjährige Einheimische Samuele steht, hat er kommentarlos zum großen Ganzen verwoben.

Außerdem im Berlinale-Wettbewerb

  • "Cartas da guerra": Der portugiesische Militärarzt António, 1971 im Kolonialkrieg in Angola im Einsatz, schreibt Briefe an seine schwangere Frau. In Ivo M. Ferreiras formal bestechender Parabel fließen Realität und Imagination ineinander. Ein hypnotisch-poetischer Schwarzweiß-Essay, zwischen Tagebuch, Kriegsbericht und Liebesgeständnis pendelnd.
  • "Boris sans Béatrice": Denis Côtés (viel geschmähter) Versuch eines (Ehe-)Dramas mit Psychothrilleranleihen. Mit satirischen Momenten und irritierenden Bildtableaus konfrontiert der frankokanadische Filmemacher die Zuschauer mit den Innenperspektiven eines Mannes (James Hyndman), der sich den Versäumnissen seines Lebens stellen muss.
  • "Mahana" (außer Konkurrenz): Ein (Schafscherer-)Western im Neuseeland der Fünfzigerjahre. Lee Tamahori ("Stirb an einem anderen Tag") ist in seine neuseeländische Heimat zurückgeehrt und inszeniert eine aufwühlende Familiengeschichte in einer von der Natur bestimmten ländlichen Gesellschaft. Eine höchst gelungene Verbeugung vor der "goldenen Ära" Hollywoods. (geh)

Auftakt mit Nordafrika

Entstanden ist ein vorzügliches Zeitdokument, das die Flüchtlingsproblematik spür- und begreifbar macht. Nach Nordafrika führt "Hedi" von Mohamed Ben Attia. Der Titelheld steht unter dem Pantoffel der Mutter und soll in wenigen Tagen heiraten - eine Frau, die natürlich die Mama für ihn ausgesucht hat. Da lernt er auf einer Dienstreise die Touristenbetreuerin Rim kennen und verliebt sich in sie.

Nach eigenem Drehbuch erzählt der Spielfilmdebütant eine nur scheinbar private Geschichte, die sich langsam zum Panorama einer Gesellschaft im Umbruch und zum Gleichnis über den Abschied von Traditionen erweitert. Einen guten Einblick ins (Alltags-)Leben Tunesiens nach dem "Arabischen Frühling" bekommt man in diesem nah an der Realität angesiedelten Drama, das zugleich über das Glück und den Schmerz der Freiheit reflektiert.

Um Nathalie, Ende 50, eine engagierte, bei ihren Schülern überaus beliebte Philosophielehrerin, die nebenbei in einem kleinen Verlag publiziert, kreist "L'avenir". Mit ihrem fünften Spielfilm wendet sich Mia Hansen-Løve ("Eden") vom Thema Jugend ab und setzt sich in einem intensiven, streckenweise erfrischend ironischen Frauenporträt mit dem Thema Altern auseinander. Es geht um Fragen der Zufriedenheit, der Berufung sowie den Sinn bzw. Unsinn gefestigter (Ehe-)Strukturen.

Dabei interessiert sich das Drama - mit einer brillanten Isabelle Huppert ("Valley of Love - Tal der Liebe") in der Hauptrolle - nicht nur für die persönliche Suche nach neuen Wegen, sondern fragt auch, ob und wie Philosophie auf den Alltag angewandt werden kann.

Thriller und Familiengeschichte

Der amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Jeff Nichols, dank verquer-anspruchsvoller Filme wie "Take Shelter" oder "Mud - Kein Ausweg" ein gerne gesehener Festivalgast, der zudem beim Publikum gut ankommt, wechselt in "Midnight Special" das Genre, bleibt sich und seinem Stil aber dennoch treu.

Seine aktuelle, mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst und Adam Driver ideal besetzte Arbeit ist ein Mix aus Thriller, Science-Fiction-Abenteuer und Familiengeschichte, in dem er die Gewalt- und Paranoiastrukturen der US-Provinz erkundet. Ein Vater ist hier mit seinem mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gesegneten Sohn auf der Flucht.

Der Filmemacher zeigt in seinem etwas anderen Roadmovie sowohl die Macht, die erzkonservative Sekten ausüben, als auch die Ohnmacht des Einzelnen vor einem aggressiv agierenden Staatsapparat. Ein brisantes Thema mit viel politischer Sprengkraft.

© Mannheimer Morgen, Montag, 15.02.2016
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