DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR

Samstag, 25.03.2017

Suchformular
 
 

Lieber Leser, bitte aktivieren sie Cookies, um in den vollen Genuss unseres Angebotes zu kommen.

  • Drucken

Serie „Der bessere Mensch“: Transhumanismus ist mehr als Wissenschaft – es ist der Traum von einer neuen Evolutionsstufe

Wenn der Mensch Gott spielt

Archiv-Artikel vom Samstag, den 26.10.2013

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan M. Dettlinger

Hier trotzt das Mischwesen Terminator (Arnold Schwarzenegger) dem Tod.

© dpa
© red

Erst einmal müssen wir uns damit abfinden: Wir sind ein Work in Progress der Schöpfung. Schon immer. Unsere Spezies ist im Begriff sich zu verändern. Evolutionär und auch aus eigener Kraft: Leiden lindern, Leben verlängern, Intelligenz steigern. Alles ist ein steter Prozess der Selbstoptimierung. Dies ist eines der Argumente der Transhumanisten für unsere Weiterentwicklung mit (fast) allen Mitteln: technisch, medizinisch, digital und, ja, genetisch. Der Transhumanist begreift uns - ähnlich wie Peter Sloterdijk es in den "Regeln für den Menschenpark" schreibt - als offene Kreaturen, weniger moralisch als biologisch, und er findet großen Gefallen daran, an der Schnittstelle von Mensch und Maschine eine neue, bessere Kreatur zu denken, die über das Menschliche hinausweist, was die Wortschöpfung aus "trans" (jenseits) und "humanus" (menschlich) schließlich auch bedeutet.

Sofort schwirren uns hier Horrorvisionen durch den Kopf. Literatur, Kunst und Film bereiten uns seit rund zwei Jahrhunderten auf diesen Moment vor. Von Mary Shelleys "Frankenstein" (1818) oder Michail Bulgakows "Hundeherz" (1925) in der Literatur bis hin zu James Camerons "Terminator" (ab 1984) oder den Klonkriegern von George Lucas (2002) im Science-Fiction-Film reichen künstlerische Darstellungen, die Faszination wie Grauen auslösen. Die Welt ist voll davon. Vernebelt das den nüchternen Blick auf die Chancen des Transhumanismus?

Denn, so sagt es in etwa der 1973 geborene posthumanistische Philosoph Stefan Lorenz Sorgner, wir sind im Grunde längst Cyborgs. Die Brille oder der Herzschrittmacher seien fantastische Errungenschaften, wir befänden uns längst am Übergang von Mensch und Technik, am Beginn einer neuen Evolutionsstufe. Gott zu spielen, davon träumt der Mensch seit jeher, wie auch der Mythos des aus Ton Menschen schöpfenden Titans Prometheus zeigt.

Der bessere Mensch / Teil 10

Das Thema: Der Traum vom besseren Menschen ist so alt wie der Mensch. Immer schon wollte er stärker, klüger, unanfechtbarer und unverwundbar sein - gegenüber Feinden und Krankheiten. Auch moralisch arbeitet er seit jeher an einer "Entbestialisierung", sei es durch Religion, durch Kunst, Humanismus oder auch einfach nur die Vernunft von Gesetzen.

Ende der Serie: In einer Folge von zehn freien Texten haben wir uns dem uralten Traum vom besseren Menschen gewidmet. Im letzten Beitrag geht es um die aktuelle wissenschaftliche und philosophische Richtung Transhumanismus - ein Thema, das auch in Dan Browns aktuellem Thriller "Inferno" über die Bevölkerungsexplosion im Zentrum steht. dms

Schnell kommt einem hier die riskante Idee vom Übermenschen aus Friedrich Nietzsches "Zarathustra" in den Sinn - und mit ihm gleich all die gefährlichen Versuche politischer Systeme, Herrenrassen zu züchten; allein das Wort von der Eugenik im Nationalsozialismus sollte als Abschreckung genügen.

Das Problem des Fortschritts war selten die wissenschaftliche Erkenntnis. Es war, was folgte. Der Schritt von Otto Hahns Entdeckung der Kernspaltung bis zum Manhattan-Projekt des "Vaters der Atombombe" Robert Oppenheimer und der Anwendung samt katastrophaler Folgen ist kurz und politischen Machtbestrebungen geschuldet.

Die ethische Frage wird immer sein: Wie lässt sich dies verhindern in einer Welt ohne Vernunft? Oder: Lässt es sich überhaupt verhindern? Ergreifen wir nicht (fast) alle, sobald wir an der Scheide von Leben und Tod, von Sieg und Niederlage angekommen sind, den Strohhalm, den man uns hinhält? Das Leid zu lindern, das Leben zu verlängern - wir wollen es unbedingt. Selbstredend.

Das größte Projekt der Menschheit

Und schon träumt einer wie Sorgner von "Hirnschrittmachern", mit denen, so sagte er im Interview, "bei der Behandlung von Parkinson und Depression große Erfolge erzielt werden". Auch von Schlaganfall spricht der Philosoph und davon, dass Teile des Gehirns durch neuronale Implantate ersetzt würden.

Zugegeben: Das ist verführerisch, und wer es kritisiert, tut es wohl nur, bis er selbst in Not ist. Doch Technik ist für uns noch fassbar. Ein Apparat im Körper (Herzschrittmacher) ist nicht viel mehr als einer am Körper (Brille). Unheimlicher wird uns, wenn es ans Erbgut geht. Man muss nicht Dan Browns Thriller "Inferno" lesen und dem Transhumanisten Zobrist darin folgen, wie er mittels eines sogenannten Vektors, der sich wie ein hoch ansteckendes Virus über die DNA der Menschheit ausbreitet und einem Drittel Unfruchtbarkeit beschert, das Wachstum der Weltbevölkerung kontrollieren will. Es reicht schon, die Idee der Eugenik zu betrachten: Pränatale Diagnostik, Klonen, DNA-Manipulation und Gentherapie sind nur Stichworte, die unser ethisches Alarmsystem zum Schrillen bringen. Und andere jubeln lassen. Einer seiner großen Fürsprecher, Ronald Bailey, sieht im Transhumanismus "das kühnste, mutigste, visionärste und idealistischste Bestreben der Menschheit".

Der transhumanistische Ansatz ist zwar die aktuellste Denkart zu unserer Verbesserung. Allerdings arbeitet er sich fast ohne ethische Bedenken nur an unseren biologischen Unzulänglichkeiten ab, nicht aber an den moralischen, was eben vor allem ein Ansinnen des Humanismus war. Insofern könnte man sagen: Der bessere Mensch ist transhumanistisch gesehen allenfalls dies: der bessere Körper. Der bessere Mensch kann nach wie vor nur in uns selbst entstehen - wie, das bleibt nach wie vor das größte Projekt der Menschheit.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 26.10.2013
  • Drucken
 
 
TICKER

Veranstaltungen

Veranstaltungen SUCHEN

Partys, Ausstellungen, Weinfeste und Sport-Events. Unsere Veranstaltungsdatenbank weiß, was im Rhein-Neckar-Dreieck passiert.

 

Veranstaltungen MELDEN

Sie möchten uns Ihre Veranstaltung melden, schicken Sie uns eine E-Mail:

Kontakt zur Kulturredaktion

Telefon (11.30-15.30 Uhr): 0621/392-1343
Fax:  0621/392-1366
 

Schreiben Sie uns eine E-Mail!

 

DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR