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Berufe am Nationaltheater: Gewandmeister und Ankleiderin stehen an der Nahtstelle von Kunst und Handwerk

Wunder aus der Nähmaschine

Von unserer Mitarbeiterin Monika Lanzendörfer

Sie sorgen dafür, dass das Leben auf der Bühne sichtbar wie ein Traum erscheint: Silke Kuhn und Heinz-Jürgen Walther (kleines Bild).

© Merdes

Die Hose reißt während der Ballett-Aufführung und gibt mehr Haut von dem Tänzer frei, als ihm lieb ist. Der Inspizient bittet Silke Kuhn aus der Herrengarderobe zur Bühne, um den Schaden zu beheben. Sie ist an diesem Abend fürs Ankleiden der Tänzer zuständig und richtet die Kostüme für die Vorstellung. Im Notfall zückt sie Nadel und Faden. Doch der große Riss in der Hose lässt sich nicht zwischen zwei Auftritten zunähen.

Darum wird improvisiert. Der Tänzer zieht graue Shorts unter die Hose und kann sich wieder ganz auf seine Rolle konzentrieren. Übrigens: Auch störrische Reißverschlüsse und eingerissene Schleppen erfordern manchmal trickreiche Einsätze. Die abendlichen Pflichten rufen die Ankleiderin oder Garderobiere Silke Kuhn zweieinhalb Stunden vor dem Beginn der Vorstellung in das Spielhaus des Nationaltheaters. Ein gewissenhaft geführtes Buch sagt ihr, welcher Künstler welche Kostüme im welchem Akt zu tragen hat und an welcher Bühnenseite er sich umziehen muss.

Praktische Verschlüsse

Die schnellen Kleiderwechsel sind keine Hexerei. Klettverschlüsse beschleunigen die Prozedur. Schwierig wird es nur, wenn ein Darsteller seinem Auftritt nervös entgegenfiebert und den dienstbaren Geist als Blitzableiter benutzt. Solche Konflikte können Silke Kuhn den Spaß an dem Beruf der Herrenschneiderin freilich nicht trüben. Genau betrachtet hat sie also zwei Jobs: Im Schichtdienst fertigt sie zusammen mit über zehn Kolleginnen und Kollegen Anzüge aller Stilrichtungen an.

Während unseres Gesprächs gibt sie gerade einem Pelzmantel für das Schauspiel "Das Leben ein Traum" den letzten Chic. Die Nähmaschinen rattern gleichzeitig für drei weitere Produktionen. An den Ständern warten Unmengen von Stoffärmeln und Hosenbeinen für "Heiden", "Die Brüder Löwenherz" und für "La fanciulla del West" (Das Mädchen aus dem Goldenen Westen). Zugeschnitten hat sie der Gewandmeister der Herrenschneiderei, Heinz-Jürgen Walther. Er bildet die Nahtstelle zwischen Kunst und Handwerk, Organisation und Personalführung. Sein Chef Manfred Scholz, der Leiter des Kostümwesens, ist mit der Verwaltung und der Kalkulation der Kosten beschäftigt.

Heinz-Jürgen Walther lernte das Schneidern, Zuschneiden und Ankleiden von der Pieke auf. Seine Ausbildung als Maßschneider absolvierte er bei einem Sizilianer in München. Das betont er deshalb, weil er großen Wert auf die elegante Note legt, die er sich damals aneignete und die das Gesamtbühnenbild prägen soll. Bei der Arbeit mit Stoffen und Accessoires beeinflusst die Handschrift des Schneiders den Stil der Ausstattung erheblich.

Die Skizzen der Kostümbildner verlangen nach Meinung von Heinz-Jürgen Walther eine gehörige Portion Fantasie, um abzuschätzen, wie der Mantel oder der Anzug eigentlich aussehen soll. "Die Gedanken über die Umsetzung der Entwürfe gehen mir immer im Kopf rum." Sie begleiten Walther nach Hause oder in die Stadt: "Dort sammle ich ständig Eindrücke. Ich schaue, wie die Menschen angezogen sind."

Für die Auswahl des Stoffes muss der Gewandmeister wissen: "Was passiert damit auf der Bühne? Was muss das Material aushalten? Wie hoch ist der Verschleiß?" Und darüber hinaus wägt er ab, ob der Kostüm-Entwurf zu dem Schauspieler oder Sänger passt. Deren Maße hat er natürlich notiert; ab und zu überprüft er, ob sie noch stimmen. Nach mehreren Anproben und letzten Änderungen sieht sich Walther die Premiere "als fertiges Kunstwerk" an, "um für mich nach wochenlanger Arbeit einen Abschluss zu finden".

Und auch um die Reaktionen des Publikums mitzuerleben. Besonders gut kann er sich an den Szenenapplaus für das Ascot-Bild im Musical "My Fair Lady" erinnern. Da war auch er überwältigt. Es stellte sich bei ihm ein "Gänsehautgefühl" ein und die Bestätigung, "an einem Wunder mitzuwirken".

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 12.09.2012
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