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Kulturpolitik: Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz will prüfen, ob eine Umstrukturierung in der Führung des Nationaltheaters Mannheim sinnvoll ist

Neues Intendantenmodell fürs Theater?

Archiv-Artikel vom Samstag, den 30.06.2012

Pro

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan M. Dettlinger

Soll die Führungsstruktur am Nationaltheater Mannheim verändert werden? Sollen künftig mehrere Sparten- und ein Verwaltungschef als gleichberechtigte Intendanten das Haus am Goetheplatz leiten statt einer einzigen Generalintendanz? Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz will das mit einem Team unter Vorsitz von Stuttgarts ehemaligem Geschäftsführenden Intendanten Hans Tränkle prüfen. Der "Vater des Stuttgarter Modells" führte 1992 die Mehrintendantenregelung ein, für die einiges spricht, anderes nicht.

Mannheim und sein Nationaltheater sollten einen neuen Weg beschreiten - und zwar keineswegs als finale Lösung aller Probleme, sondern als Versuch. Das konservativste Argument, das System Generalintendanz aufzulösen und durch ein Modell mit flacherer Hierarchie zu ersetzen, lautet: Der Generalintendant hat in Mannheim keine Tradition. Im Gegenteil. Seit es die Institution gibt, also seit mehr als 230 Jahren, erlebte sie nur etwa 23 Jahre mit vier "Generälen"; das waren seit 1989 Arnold Petersen, Klaus Schultz, Ulrich Schwab und Regula Gerber.

Warum sollte man nun an einer Struktur festhalten, die in den vergangenen 16 Jahren, also seit Schwabs Beginn 1996, nachweislich nicht immer rund lief? Warum lädt man einer Person die Last auf, das größte Vierspartenhaus der Welt organisatorisch, finanziell und künstlerisch alleinverantwortlich zu leiten und darüber hinaus auch noch mehr oder minder sämtliche repräsentative Aufgaben zu übernehmen und letztlich für alles verantwortlich ergo an allem Schuld zu sein? Warum schließlich sollte man - zumal nach den Erfahrungen mit einer Generalintendantin, die mit Burn-out ausschied - nicht aus all den Negativ-Erfahrungen lernen und etwas Neues probieren, etwas Neues, das an anderem Ort, nämlich in der Landeshauptstadt, seit vielen Jahren äußerst erfolgreich praktiziert wird?

Die Angst vor Veränderung, die Angst, etwas Falsches zu tun, war immer ein schlechter Ratgeber!

Theater sind längst keine Selbstläufer mehr. Einem Theaterleiter wird heute mehr abverlangt als in Zeiten, als Publikumsschwund noch kein Thema und die kulturelle Konkurrenz an allen Fronten wesentlich kleiner war. Er darf nicht mehr nur an die Kunst, er muss pädagogisch denken. Er muss Theater für Drei- bis 100-Jährige machen. Er muss bildungspolitisch denken. Er muss an Integration, Außenwirkung und Bürgernähe denken und sie leben! Schließlich: Er muss das Gesicht des Hauses sein. Das ist zu viel für einen.

Deswegen wäre eine Aufteilung dieser Aufgaben sinnvoll. Ein Mehrintendantenmodell mit sehr aktiven Sparten- und einem gleichberechtigten Geschäftsführenden Intendanten, wie Oberbürgermeister Peter Kurz es verfolgt, hätte aber nicht nur solche "organisatorischen" und öffentlichkeitswirksamen Vorteile. Es trüge auch zu mehr künstlerischer Autonomie der Sparten bei, was bedeuten könnte: mehr Profil! Denn dass beide, Generalintendanz und Spartenleiter, künstlerische Verantwortung tragen, ist unglücklich. Reibungen sind programmiert. Deswegen: Man sollte das "Stuttgarter Modell" ausprobieren - auch wenn es keine Garantie auf Gelingen gibt.

Contra

Von unserem Redaktionsmitglied Ralf-Carl Langhals

Eine Abwägung kursierender Argumente tut not. Nein, der "Generalintendant" in Mannheim ist keine bis 1779 zurückgehende Theatertradition. Als Erster durfte sich 1989 Arnold Petersen Generalintendant nennen. Man würde mit der Abschaffung historisch nichts zerstören. Setzt man auf Tradition, dann wiegt kommunales Vierspartenhaus-Erbe schwerer. Die Theatergeschichte fragt erfreulicherweise nicht nach Amtsbezeichnungen, sondern nach künstlerischer Qualität.

Man muss also weniger nach dem Präfix "General" als nach der Notwendigkeit eines Intendantenquartetts (oder gar Quintetts) fragen. Wie viele Intendanten braucht Mannheim? Ist er charismatisch, bürger- und künstlernah, integrativ, wirtschaftlich erfahren, integer, traditionsbewusst und dabei auch weitsichtig-innovativ, muss die Antwort lauten: einen Einzigen. Ihn zu finden, ist sicher nicht leicht. Und man kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass man mit dem neuen Modell genau diese Mühe scheut.

Man hört, dass sich die Stadt durch die Umwandlung der Nationaltheater-Spartendirektoren in Intendanten hochkarätige, interessante(re?) Bewerber verspricht, weil sie hier zu Intendanten aufstiegen, wo anders aber "nur" Direktoren wären. Das ist problematisch: 1.) Solche Bewerber sind nicht minder schwierig zu finden als der einstige General. 2.) Wer Intendanten will, muss sie als solche bezahlen. 3.) Ein funktionierendes Nebeneinander unter einem Kulturmanager ist zunächst einmal keineswegs garantiert. 4.) Derzeitige Defizite an Marketing und Ausstrahlung sind damit ebenfalls nicht beseitigt.

Wer auf Zahlen setzt: Die Staatstheater Stuttgart haben gut 19 Millionen Euro Gesamteinahmen, über 500 allabendlich zu füllende Plätze und knapp 300 000 Einwohner mehr. Die historische Fehlentscheidung, das in der Nachkriegseuphorie überdimensionierte Nationaltheater nicht als drittes baden-württembergische Staatstheater zu etablieren, ist auch durch das Stuttgarter Modell nicht heilbar.

Die bitterste Pille zum Schluss: Das Nationaltheater Mannheim ist - und das muss man bei aller legendärer Theaterliebe im Rahmen einer solchen (und auch einer Leuchtturm-) Debatte auch mal sagen - ein ganz normales, wenn auch großes, gutes und traditionsreiches Stadttheater. Im nationalen wie internationalen Kontext spielt es nicht - oder auch nicht mehr - die Rolle, die lokalpatriotische Theaterfreunde ihrem Haus per se zuschreiben. Das hat Gründe, kulturhistorische wie hausgemachte. "Weltniveau" wird sich nicht aufgrund der Intendantenmenge einstellen.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 30.06.2012
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Bei ihr wurde Burnout diagnostiziert: Generalintendantin Regula Gerber.

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