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Das Interview: Tilman Knabe über seine Sicht auf Sergej Prokofjews Dostojewski-Oper „Der Spieler“, die am Nationaltheater anläuft

„Diese Musik ist meisterhaft“

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 24.02.2016

Von unserer Mitarbeiterin Waltraud Brunst

Seine Theaterarbeiten spiegeln das Leben bisweilen drastisch wider: Tilman Knabe bringt in "Der Spieler" düstere Szenen auf die Bühne.

© Rinderspacher

Die nächste Opernpremiere "Der Spieler" von Sergej Prokofjew nach Dostojewski am 27. Februar ist bereits die fünfte Inszenierung von Tilman Knabe am Nationaltheater Mannheim. Über Prokofjew und Spielsucht, Kommunikation und Probenarbeit spricht er im Interview mit unserer Zeitung,

Herr Knabe, vor zehn Jahren haben Sie in Mannheim mit Dmitri Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" debütiert. Können Sie heute noch spontan Erinnerungen an die damalige Arbeit abrufen?

Tilman Knabe: Ja sicher, vor allem an die wunderbare Jayne Casselman, die gerade viel zu jung gestorben ist. Und auch an den Alten, der ihren Schwiegervater gesungen hat. Wie hieß er noch? Ja, Mihail Mihaylov. Das war eine schöne Arbeit damals. Und jetzt nach zehn Jahren wieder ein Russe, wobei es bei Prokofjew durchaus Parallelen zu Schostakowitsch gibt. Zwar war Prokofjew nie so existenziell gefährdet wie der 15 Jahre Jüngere, der immer einen gepackten Koffer unterm Bett hatte. Aber auch er hat stets um Anerkennung gerungen.

Tilman Knabe und seine Mannheimer Inszenierung

Tilman Knabe studierte in München Theaterregie bei August Everding, anschließend Katholische Theologie. Er arbeitete zunächst mit Peter Löscher, Frank Castorf sowie lan Judges, bevor er selbst inszenierte - fast zeitgleich Schauspiel und Oper.

1994 inszenierte er Heiner Müllers "Anatomie Titus Fall of Rome" und "Die Eroberung von Mexiko". Er widmet sich auch zeitgenössischem Musiktheater.

Knabe gilt als provokanter Regisseur, der auch Skandale verursacht (Köln, Essen). In Mannheim zeigte er "Lady Macbeth von Mzensk" (2006), einen umstrittenen "Lohengrin" (2010) und "La Fanciulla del West" (2012) und "La Wally" (2014).

Premiere von "Der Spieler" am Nationaltheater Mannheim: Samstag, 27. Februar, 19.30 Uhr, Opernhaus. Wieder am: 4. und 16. März, 9. April, 13. Mai, 8. Juni, 7. und 25. Juli, jeweils um 19.30 Uhr. Karten: 0621 /16 80  150.

Inzwischen haben Sie sich mit drei weiteren Inszenierungen in Mannheim nachhaltig in Erinnerung gebracht. Was war für Sie die wichtigste?

Knabe: Schwer zu sagen. Für Mannheim war der "Lohengrin" sicher die aufregendste. Ausgesprochen gern habe ich die "Fanciulla" gemacht, ohne jegliche Cowboyromantik. Schon da und erst recht in "La Wally" mit den vier verschiedenen Lebensphasen der Titelheldin war die intensive Zusammenarbeit mit Ludmila Slepneva für mich ein Geschenk. Sie ist jetzt auch als Polina toll besetzt; sie sieht aus wie 20!

Sie haben sich kürzlich geäußert, in Mannheim sei das Theater "ein zentraler Ort der Kommunikation". Haben Sie den Mannheimern die vorwiegend harschen Reaktionen auf den kräftig gegen den Strich gebürsteten "Lohengrin" verziehen?

Knabe: Ich hatte nie den mindesten Groll. Wenn man Kommunikation einfordert, dann muss man das auch aushalten.

Vor ein paar Jahren warf man Ihnen in Köln generell einen Hang zu exzessiven Gewaltdarstellungen vor. . .

Knabe: Es war unangenehm und widerlich, dass mich Leute öffentlich als Perversen beschrieben haben; das war an der Grenze zum Justiziablen. Wenn man innerhalb von drei Tagen zum Juden und zum Neger gemacht wird. Da konnte ich mir vorstellen, wie das im Nationalsozialismus war.

Sprechen wir endlich vom "Spieler". Was hat Sie mehr gereizt, die Story von Dostojewski oder Prokofjews Partitur?

Knabe: Das gehört ja zusammen. Prokofjew hat sich eine gute Vorlage ausgesucht. Die Fassung, die er gemacht hat, ist stärker als das Original. Und die Musik ist ein Meisterwerk.

Wer ist für Sie die interessanteste Figur?

Knabe: Es ist halt ein Sittenbild, geschrieben im Ersten Weltkrieg, und es beschreibt eine vollkommen zerstörte Welt. Menschen, die sich nur noch auf das Kapital stürzen und das Menschsein verloren haben. Der Spieler ist trotz seiner Sucht der Einzige, der noch menschliche Regungen hat, und damit auch die interessanteste Figur, wie dies ja generell die gebrochenen Figuren sind.

Selbst in den letzten NTM-Meldungen ist noch die Doppelbesetzung aufgeführt. Wissen Sie wenigstens schon, wer am 27. die Premiere singt?

Knabe: Das wird oft sehr spät von Dirigent, Regisseur und Intendanz entschieden. Sicher wird Zurabishvili den Spieler und Slepneva die Polina singen.

Worauf müssen sich die Mannheimer in Sachen Gewaltdarstellung gefasst machen?

Knabe: Es ist, wie gesagt, ein Sittenbild und vor allem gegen Ende ein sehr düsteres. Der Krieg spielt hinein, auch in der Musik. Vor- und Nachspiel sind enorm brutal. Es herrscht eine Art Endzeitstimmung. Der Schluss ist geradezu apokalyptisch.

Stichwort politisches Musiktheater. In welchem Maße mischen Sie sich in die gegenwärtige Problematik ein?

Knabe: Das Hier und Jetzt wird immer gespiegelt. Wenn ein Stück nichts mit uns heute zu tun hätte, dann wollte ich das gar nicht machen. Prokofjew hat hier eine neuartige Musik geschaffen. Er hat die Repräsentationsoper ad acta gelegt, sozusagen auf die Schauspielebene heruntergebrochen. Die Musik hat auch revolutionäres Potenzial, wirkt aber gelegentlich auch ganz kammermusikalisch. Dostojewski wie Prokofjew kennen den Zustand des Gehetztseins - und das merkt man.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 24.02.2016
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