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Das Interview: Feridun Zaimoglu über sein Buch „Evangelio“, Religionen, das Mittelalter und den Reformator Martin Luther

„Ein deutscher Islam muss sein“

Archiv-Artikel vom Freitag, den 03.03.2017

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan M. Dettlinger

Hat sich ins Reformationszeitalter begeben: Feridun Zaimoglu.

© dpa

Am Samstag diskutiert er mit Dennis Scheck über sein Buch "Evangelio", obwohl es erst am 9. März erscheint. In Feridun Zaimoglus Roman über Martin Luther geht es heiß her, sprachlich wie auch die Handlung betreffend. Es geht um Luthers Aufenthalt auf der Wartburg und um die Bibelübersetzung. Erzähler ist der Landsknecht Burkhard. Wir haben das Buch gelesen und rufen bei Zaimoglu an - er nimmt ab.

Guten Morgen Herr Zaimoglu, Ihr Buch endet mit "Gelobt sei der Herr in der Höh". Das verwundert. "Ich bin nicht sehr religiös", haben Sie mal gesagt. Wie stark ist Ihr Glaube, dass dort draußen ein Gott ist?

Feridun Zaimoglu: Ich glaube an einen schönen mächtigen Gott. Mit diesen Worten bin ich für die Agnostiker unter den Kulturleuten ein zweifelhafter Mann. Das ist mir aber egal. Der Satz bezeugt, dass ich nicht ohne Kenntnis des Glutkerns des Glaubens in diese Welt kam.

Feridun Zaimoglu

  • Der Autor: Feridun Zaimoglu, geboren 1964 im anatolischen Bolu, lebt seit seinem sechsten Lebensjahr in Deutschland. Er studierte Kunst und Humanmedizin in Kiel. 1999/2000 war er Hausautor am Nationaltheater Mannheim. Zaimoglu erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter den Preis der Jury beim Bachmann-Wettbewerb (2003) und Corine-Preis (2008). Zuletzt veröffentlichte er den Roman "Siebentürmeviertel".
  • Das Buch: "Evangelio - Ein Luther-Roman". Kiepenheuer & Witsch, Köln. 352 Seiten, 22 Euro.
  • Die Lesung: Im Rahmen des Festivals Lesen.Hören findet morgen, 20 Uhr, in der Mannheimer Christuskirche die Veranstaltung "Gottesdienst und Blasphemie. Feridun Zaimoglu liest Denis Scheck seinen Luther vor" statt. Sie wird von Johannes Michel an der Orgel begleitet (Info und Karten zu 18 Euro: 0180/6 05 04 00).

Und der Glutkern ist: Gott gibt es?

Zaimoglu: Genau, dass es Gott gibt und die Erlösung, dass man nicht ungeschoren davon kommt, wenn man auf dieser Welt Böses tut. Ich glaube, dass es nach dem Tod ein Fortbestehen gibt, sich jede Seele mit dem, was sie gewirkt hat, später auseinandersetzen muss. Es wird ein Erwachen geben - für manche ein böses (lacht).

Immer wieder haben Sie für einen deutschen Islam geworben. Sind die Werte tatsächlich kompatibel?

Zaimoglu: Das ist hier deutscher Grund und Boden, und genauso wie es einen arabisch, persisch oder türkisch geprägten Islam gibt - genauso muss es auch einen deutschen Islam geben. Es geht auch nicht, dass aus fremden Ländern Gebetsvorsteher hierher geschickt werden und ohne Kenntnis des Landes und der Sprache predigen. Das ist ja Blödsinn.

Glauben Sie an eine Art Reformation des Islam?

Zaimoglu: Wissen Sie, es gibt ja Reformisten, die eine Rückbesinnung auf eine ideale Ordnung wollen und Abtrünnige zurückholen. Aber das hat selten für friedvolle Verhältnisse gesorgt. Dabei war der Islam ein Glaube. Er darf nicht politisiert werden. Islam bedeutet ja Hingabe im Sinne einer Gottesliebe - und nicht Unterwerfung, was man oft hört. Bevor der Begriff aufkam, nannten die ersten Moslems ihren Glauben Tazakka, was Verfeinerung heißt. Es ist furchtbar, wenn man den Grobianismus sieht, der daraus geworden ist.

Sind wir da beim Grund für Ihr Lutherbuch "Evangelio" angelangt?

Zaimoglu: Nein. Meine Helden der deutschen Sprache, die ich heiß und innig liebe, sind Grimmelshausen und Luther gewesen. Ich habe sehr früh schon "Simplicissimus" gelesen, aber auch die Lutherübersetzung der Bibel. Ein Erzähler wie ich ist da begeistert vom Wortrausch. Wenn Luther als derjenige angesehen wird, der vor allen anderen die deutsche Sprache in eine rechte, bilderreiche Verfassung gebracht hat, so bin ich natürlich aufgerufen, im Sinne eines Mangels der Volksgesänge und -gespräche, es ihm gleichzutun. Ich wollte einen historischen Roman schreiben und mich in diese Zeit nicht als Rucksacktourist begeben.

Ihr Luther ist ein derber Typ, der besessen ist von Moral, von Vorurteilen gegen Türken, Juden, Frauen, der beherrscht ist von dieser einen Idee. Wie authentisch ist er?

Zaimoglu: Alle Stände lebten in einer christlich verfassten Welt der Bibelbilder. Deswegen zitiert auch ein Landsknecht wie Burkhard aus der Bibel. Der Bezug zur Bibel war der zum gelebten Leben.

Ihrem Luther traue ich gar nicht zu, die Figur der Reformation zu sein, die eine große Bewegung auslöste...

Zaimoglu: ...damals hätten Sie es auch nicht getan. Auch die ganzen Kirchenfürsten haben es nicht geglaubt. Es ging ihm nicht um Spaltung, sondern um Besserung. Er sah sich als Mann der Kirche und hat den Widerspruch entdeckt zwischen dem, was die Schrift besagt, und dem, was die taten, die sich als Stellvertreter Christi auf Erden ausgaben.

Aber Luther war doch Mönch und Gelehrter. Sie zeigen ihn als groben Menschen, der kaum reflektiert...

Zaimoglu: ... ich widerspreche. In den Briefen finde ich ihn nicht unreflektiert. Ihm konnte die Übersetzung ja auch nur gelingen, weil er die üblichen Worte und Dispute aufgab, und tatsächlich dem Volk viele kräftige Ausdrücke ablauschte. Er sagte ja auch: Andere mögen sich Fingerzimbeln anschnallen, ich komme mit dem harten Schwert. Das ist mein Luther. Aber ich kann nicht darauf bestehen, dass es der historische Luther ist. Ich bin ja ein Romanschreiber.

Sie zeigen ein dunkles Mittelalter, in dem vor allem gespuckt, gehurt, gemordet und geschmatzt wird. Nähern Sie sich da absichtlich dem Klischee des dunklen Mittelalters?

Zaimoglu: Also das wahre Leben, die Wirklichkeit frisst jedes Klischee und jede Dichtung. So war es nun einmal. Ich hätte mich von den wirklichen Verhältnissen wegbewegt, hätte ich sie so nicht beschrieben. Sie musste ja auch so beschrieben werden, um die Größe dieses Mannes Luther so zu zeichnen. Er ist nicht herausgenommen aus dieser mittelalterlichen Welt, was ja viele Theologen und Friede-Freude-Eierkuchen-Evangelen tun. Sie machen aus ihm den Luther ihres Wohnzimmers. Aber das war eine dunkle Welt voller Gespuk und Gelichter damals. Das war derb, voller Schmutz, Gewalt und Not.

Wie lange haben Sie recherchiert?

Zaimoglu: Über ein Jahr. Exzessiv. Und ich meine da die Lektüre von Sachbüchern über Kleidung, Gebräuche, Glaube, Aberglaube, Wetter, über Pferde, Schmiede und andere Berufsgruppen, über die Stadt. Ich bin auch an die Orte gegangen. Ich habe versucht, mich dem Erzähler, dem katholischen Landsknecht, und Martin Luther anzuverwandeln. Nur darüber kann es mir dann gelingen, dass die Worte sprudeln.

© Mannheimer Morgen, Freitag, 03.03.2017
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