DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR

Dienstag, 28.02.2017

Suchformular
 
 

Lieber Leser, bitte aktivieren sie Cookies, um in den vollen Genuss unseres Angebotes zu kommen.

  • Drucken

Film: Lars Eidinger spielt Hauptrolle in „Die Blumen von gestern“, einer besonderen Komödie, die er mit Chris Kraus in Mannheim vorstellte

Im Archiv wird viel gelacht

Archiv-Artikel vom Montag, den 09.01.2017

Von unserem Mitarbeiter Hans-Günter Fischer

Sehr fotogen: Szene aus dem Spielfilm "Die Blumen von gestern" mit Adèle Haenel und Lars Eidinger.

© Edith Held / Four Minutes Filmproduktion

Regisseur Chris Kraus (l.) mit Lars Eidinger im Mannheimer CIneplex.

© Tröster

"Kleine Peinlichkeiten bringen uns oft weiter", sagte einmal einer, der es wissen muss: der Regisseur Rosa von Praunheim. Und Chris Kraus, der heute noch in Praunheim einen Mentor sieht, hat sich in seinem aktuellen Film daran gehalten. Fast sieht es sogar so aus, als wolle er ein letztes ungeschriebenes Gesetz des deutschen Kinos brechen: In "Die Blumen von gestern" macht er aus der Vorbereitung eines Holocaust-Kongresses eine deftige Komödie. Jedenfalls zum Teil. Das Einordnen in (Genre-) Schubladen stößt hier an seine Grenzen. Endgültig. Doch fragwürdig war es wohl immer schon. Lars Eidinger, der Hauptdarsteller, sagt es bei der Vorstellung des Films im Cineplex-Kino in Mannheim so: Das echte Leben sei ja auch nicht nur Komödie oder großes Drama. Sondern immer beides.

Leicht gewagte Dialoge gibt es freilich schon. Ein Auschwitz-Forscher mit Humor sei ungefähr so häufig anzutreffen "wie ein Popo ohne Loch", hört man an einer Stelle. Regisseur und Autor Kraus hat einst - es ist sehr lange her - im Comedy-Gewerbe angefangen, seither weiß er, dass "die Arbeit am Humor" (wie er in Mannheim formuliert) kein Zuckerschlecken ist. Aber auch solche Gags sind sorgfältig gearbeitet, Chris Kraus ist ohnehin ein Mann, der sich viel Zeit für seine Filmprojekte nimmt. Vor 15 Jahren machte er eine Entdeckung, die auch seine Tätigkeit als Regisseur veränderte: Sein Großvater und dessen Brüder waren Mitglieder in einer Einsatzgruppe der SS gewesen.

Die Familie hatte es verdrängt. Kraus aber recherchierte seither immer wieder in Archiven, wo die Enkel derer, die als Täter gelten müssen, auf die Nachfahren der Opfer treffen. Wo es dann auch zu Gesprächen komme, oft von Opfer-Seite angeregt, die seltsam sorglos, fast ein wenig albern werden könnten, sagt Kraus: "In den Archiven wird auch viel gelacht." Sein Film wolle "die Tonart der Gespräche" einfangen.

Darsteller und sein Regisseur

  • Lars Eidinger, geboren 1976, stieg an der Berliner Schaubühne zu einem führenden Theaterschauspieler in Deutschland auf. Im Kino war die Hauptrolle in Maren Ades Drama "Alle anderen" sein Durchbruch, und im Fernsehen blieb er als mörderischer Stalker in Erinnerung - in gleich zwei Kieler "Tatort"-Ausgaben.
  • Chris Kraus, geboren 1963, schreibt auch Bücher, "Scherbentanz" verfilmte er 2002 (mit Jürgen Vogel) selbst. 2006 war er mit "Vier Minuten", einem in Mannheim gedrehten Spielfilm über eine künstlerisch begabte Gewalttäterin, erfolgreich.
  • "Die Blumen von gestern" kommt am Donnerstag regulär ins Kino - auch ins Cineplex Mannheim.

Cholerischer Charakter

Geschichte hat der Regisseur im Übrigen sogar studiert, und zwar in Mannheim. Eine späte Frucht aus diesen Jahren ist der Name, den die Hauptfigur bekommen hat: Totila Blumen. Totila war auch der Name eines Goten-Herrschers vor fast 1500 Jahren. Diese Goten waren ein recht kriegerisches, manchmal mörderisches Volk, und auch der Holocaust-Experte Blumen, der so gut es geht Vergangenheit "bewältigt", ist ein auffallend cholerischer Charakter. Eidinger zeigt uns im Film das Aggressive der Figur, die einen düsteren Familienhintergrund kaschieren muss. "Das fiel mir nicht so leicht", erklärt der Schauspieler. Er sei "über Abgründe gestolpert", habe sich daran erinnern müssen, dass er selbst "cholerisch, misanthropisch, soziopathisch" sein könne. Gelegentlich.

"Es geht nicht um Verwandlung", sagt er, vielmehr müsse man in die Figur tief eintauchen und sie sich förmlich einverleiben. Das gelingt Lars Eidinger mal wieder bestens, "Lars ist jemand, der es ernst meint", lobt sein Regisseur Chris Kraus. Und Eidinger ergänzt: "Über den Holocaust kann ich nicht lachen. Über viele Hitler-Parodien auch nicht. Und ich weiß auch nicht, was sich im Führerbunker abgespielt hat."

Kraus und Eidinger wollen "nichts sich nur selbst Bestätigendes", was so manche filmische Vergangenheitsbewältigung in diesem Land so öde und steril macht. Dabei ist Lars Eidinger, man glaubt es kaum, nur die Ersatzbesetzung: Ursprünglich war Josef Hader vorgesehen. Und die zweite Hauptrolle sollte das ehemalige James-Bond-Girl Eva Green spielen. Aber jetzt spielt Adèle Haenel, eine Französin, die in ihrem Land bereits ein Shooting-Star, in Deutschland aber weithin unbekannt ist. Was sich ändern könnte. Sie spielt ebenso verzehrend wie Lars Eidinger - in ihrer Rolle einer Praktikantin, die dem Forscher wie ein Hündchen folgt (und manchmal auch ein Hündchen aus dem Fenster wirft), aber "extrem gestört" ist, wie sie selbst erklärt.

Die Hintergründe werden erst allmählich klar. In einem Film, der viel riskiert und oft gewinnt. Und der trotz prominenter Mitdarsteller, etwa Hannah Herzsprung und Jan Josef Liefers, ein ziemlich famoses Zweipersonenstück geworden ist.

© Mannheimer Morgen, Montag, 09.01.2017
  • Drucken
 
 
TICKER

Das Wetter in der Metropolregion

Mannheim - Prognose für 0 Uhr

Das Wetter am 28.2.2017 in Mannheim: Regen
MIN. 6°
MAX. 10°
 

 

Kulturvision Rhein-Neckar

Kulturvision Rhein-Neckar

Vertreter aus Politik und Wirtschaft um Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz haben die Kulturvision Rhein-Neckar 2025 präsentiert. Mit drei Zielen: Stärkung der gesellschaftlichen, künstlerischen und überregionalen Wirkung der Kultur im Drei-Ländereck Baden-Hessen-Pfalz.

Laden Sie hier Dokumente zum Thema herunter:

 
 

Fotostrecke

Jubiläum: 60 Jahre NTM

Das Mannheimer Nationaltheater am Goetheplatz feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. [mehr]

Theatermagazin des Nationaltheaters

Theatermagazin

Welche Produktionen stehen diesen Monat auf dem Spielplan und was passiert hinter den Kulissen? Erfahren Sie mehr im Theatermagazin des NTM.

Serie Künstlerhäuser (mit Fotostrecke)

Atelier in den Weinbergen

Max und Emil trinken Tee - auf einem Schrank. Der hatte einst dem Impressionisten Max Slevogt (1868-1932) gehört. Und die Szene kein Geringerer als der große böhmische Künstler Emil Orlik gemalt. Auf dem Slevogthof in Leinsweiler ruhen sich die beiden Freunde so noch immer nach einer Wanderung aus… [mehr]

Veranstaltungen

Veranstaltungen SUCHEN

Partys, Ausstellungen, Weinfeste und Sport-Events. Unsere Veranstaltungsdatenbank weiß, was im Rhein-Neckar-Dreieck passiert.

 

Veranstaltungen MELDEN

Sie möchten uns Ihre Veranstaltung melden, schicken Sie uns eine E-Mail:

Kontakt zur Kulturredaktion

Telefon (11.30-15.30 Uhr): 0621/392-1343
Fax:  0621/392-1366
 

Schreiben Sie uns eine E-Mail!

 

DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR