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Musiktheater: Deutliche Buh-Rufe im Nationaltheater Mannheim für „La Reine/ Die Königin“ mit Liedern von Berlioz und Wagner

Kopfgeburt aus dem Treibhaus

Archiv-Artikel vom Dienstag, den 14.02.2017

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan M. Dettlinger

"La Reine/ Die Königin": eine Szene aus der Mannheimer Produktion mit der Sängerin Angela Denoke.

© Hans Jörg Michel

Ist dies doch wieder nur der Abend, an dem wir rufen wollen: Schluss mit dem postdramatischen Theater! Schluss mit dem Theater, das sich als Verweigerungstheater präsentiert, das sich weigert, Geschichten zu erzählen, Plots mit linearer Zuspitzung, das nicht vertraut in Werke, die sich über Jahrhunderte wohlgefühlt haben in ihrer Haut, das sich nicht öffnet für eine Stadt, ihre Gesellschaft und ihre Bürger?

O ja, dies ist so ein Abend. Aber auch solche Abende muss man im Namen der Kunst immer wieder mal wagen - und riskieren, dass sie missglücken und das Publikum, wie hier am Nationaltheater, dritteln in Buh- und Bravo-Rufer sowie Ratlosigkeit.

Mit "La Reine/Die Königin" ist Chefdramaturg Jan Dvorák (Konzept: Thomas Bischoff) ein dunkler, trübsinniger und schwarzer Abend gelungen, der auch den Besucher hinunterreißt in tiefe Tristesse. Er geht der fiktiven Situation nach, in der eine Königin von inneren Kämpfen erschüttert, von Dämonen heimgesucht und von Schizophrenie zerrissen wird.

„La Reine/ Die Königin“ am Nationaltheater Mannheim

  • Der Abend: Alles daran sei die Königin, sagte die Sängerin und Protagonistin Angela Denoke über ihre Partie im Interview mit dieser Zeitung, sowohl sie, die Schauspieler und natürlich die Musik. Das NTM selbst sagt dies über "La Reine/Die Königin: "Ihre Vergangenheit ist unbekannt, ihre Zukunft ungewiss. In einer mysteriösen Trümmerlandschaft kämpft eine Frau (die Königin?) ganz allein den schwierigsten aller Kämpfe. Bedroht durch eigene Dämonen, Abspaltungen ihrer Persönlichkeit, Geister ihrer Vergangenheit, sucht sie Zuflucht in der Musik."
  • Die Musik: Wagners Lieder nach Texten seiner Geliebten Mathilde Wesendonck sind hinlänglich bekannt. Sie atmen schon allein musikalisch die melancholische Schönheit des Todes, wie sie auch den "Tristan" dominiert. Berlioz' Liederzyklus "Les nuits d'été" ist heller und auch traditioneller gehalten. Die Musik schaut zusammen mit den Texten Arthur Rimbauds und Gottfried Benns in die Abgründe der menschlichen Psyche.
  • Termine: 24.2., 3.3., 5.3., 8.5., 10.6.
  • Karten (13-74 Euro Normalpreis): 0621/1680 150.

Und Sopranistin Angela Denoke flüchtet während dieses Kampfs immer wieder in die Musik von Berlioz und Wagner, wandelt über den finsteren "Kreuzweg" wie eine, der nach und nach ihre Schuld bewusst wird, ihre Sünden und Vergehen der Vergangenheit Martern bereiten. Schwarze Gedanken. Schwarze Bühne. Teile eines abgestürzten Flugzeugs liegen da im Dunkeln, ein Pferd, ein kopfloser Krieger, ein Gerüst über einem Friedhof - das alles beginnt irgendwann zu kreisen und die Königin immer verrückter zu machen. Auch thematisch ist man in einem Rondo. Dessen Rundgesang ist eine chorisch gesprochene Strophe des Romantikers Wilhelm Müller: aus "Der Jäger". Sie handelt von uns, davon, wie ein "Rehlein" das Schutzflehende ist vor der Bestie Mensch, die ihm mit Horn, kläffendem Hund und Büchse ans Leben will.

Raum für Spekulation

Und? Der Rest ist Spekulation, Andeutung, Sinnanhäufung. Berlioz' sechs wunderschöne "Nuits d'été" und Wagners noch schönere "Wesendonck-Lieder" vermengen sich mit Schnipseln aus Werken von Gottfried Benn und Arthur Rimbaud. Das Orchester unter Benjamin Reiners spielt fantastisch fein und filigran, Denoke singt über weite Strecken mit einem gut kontrollierten und kultivierten Königinnen-Sopran, und auch die Schauspielenden überzeugen. Aber: Das alles könnte alles bedeuten und nichts, da können die Schauspieler Franziska Rieck, Catherine Janke und Frank Richartz noch so oft Text wie Folien übereinanderlegen, sich gegenseitig im Eimer ertränken oder am Strick erhängen.

Wie bringe ich zusammen, was nicht zusammengehört, wie kann ich das Unmögliche möglich und aus einem Gedankensammelsurium einen Abend, vielleicht gar ein Werk formen? Ein Abend für Köpfe, für Dramaturgen-Köpfe ist geworden, was "eine nervenzerreißende Allegorie auf die unbeherrschbare Kraft des Unbewussten" sein wollte.

Natürlich wird die Dialektik deutlich, wird deutlich, wie aus dem Kontrast von innerer Hässlichkeit und Zerrüttung mit dieser traumhaften Musik ein Urknall der Gefühle entsteht, wie aus der schwarzen Landschaft der Zerstörung (Bühne: Martin Kukulies) mit dem erdenfernen Gesang funkelnde Melancholie entsteht. Dennoch bannt der Abend nicht, weil ihm das Direkte, Zwingende und sich Öffnende packender Bühnenkunst abgeht.

Geringer Mehrwert

So finden wir uns also in einem wunderlich wundervollen und langgestreckten Liedrecital wieder, in dem - weil der Raum viel zu groß ist - sowohl der Gesang als auch das Gesprochene nicht immer verständlich ist. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der Moment, an dem am wenigsten passiert, den intensiven Höhepunkt ausmacht: Wenn Angela Denokes warmes und edles Soprantimbre schlicht und fast vibratolos aus dem "Treibhaus" (der Gefühle) und davon singt, dass ihre Heimat trotz Licht und Glanze nicht hier (im Treibhaus) sei, dann wird klar: Diese Musik entfaltet ihre Kraft vor allem aus sich selbst heraus und braucht keine Versuchsanordnungen.

Das NTM hat viel gewagt, gewonnen hat es wenig. Das ist so. Und was das postdramatische Theater angeht: Schreibt neue Werke, neue Worte, neue Musik!

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 14.02.2017
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