DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR

Donnerstag, 23.03.2017

Suchformular
 
 

Lieber Leser, bitte aktivieren sie Cookies, um in den vollen Genuss unseres Angebotes zu kommen.

  • Drucken

Nachruf: Gerhard Vormwald, der seine Karriere in der Region startete, ist in seinem Atelier in Paris überraschend gestorben

Meister der Manipulation

Archiv-Artikel vom Freitag, den 11.03.2016

Von unserer Mitarbeiterin Annika Wind

Jenseits der Schwerkraft: Seit 1983 hatte Gerhard Vormwald in Frankreich gelebt (unten rechts), im selben Jahr war sein "Flying black man" (oben) entstanden, links hat er auf Mannheims Friedrichsplatz einen anderen Blickwinkel.

© vormwald (2), G. Karl

Ein Himmel, so lieblich wie an einem thailändischen Palmenstrand. Doch statt auf eine Bucht in orangeroter Abendsonne geht der Blick an einem Straßenschild vorbei in Richtung Wasserturm. Die Palme am linken Bildrand ist zwar echt, aber sie steht in einem Blumenkübel. Und rund um den Friedrichsplatz kreisen die Autos. Gerhard Vormwald hat Mannheim hundertfach fotografiert, für Buchprojekte, eine Imagebroschüre und zuletzt für ein großes Modehaus. Aber keine seiner Aufnahmen kam ohne Brüche, Spitzfindigkeiten, Konstruktionen aus - dafür wurde er bekannt. Und dafür wird das Werk eines der bedeutendsten deutschen Fotografen, der in der Nacht zu Mittwoch in seinem Pariser Atelier überraschend gestorben ist, weiterhin stehen. Europaweit.

Opulent inszenierte Tableaus

Denn Vormwald hat - vielleicht im Gegensatz zum großen Mannheimer Fotokünstler Robert Häusser - eines richtig gemacht: Der gebürtige Heidelberger, der an der Freien Akademie in Mannheim bei Hans Nagel studierte, zog bereits 1983 nach Paris und suchte zunächst über die kommerzielle Fotografie den Anschluss an die internationale Kunstszene.

Gerhard Vormwald

Gerhard Vormwald war erst am vergangenen Sonntag 68 Jahre alt geworden. Nach Angaben seiner Frau Karin muss er in seinem Pariser Atelier wohl binnen weniger Sekunden vor dem Computer gestorben sein. Vermutet wird ein Herzversagen oder ein Blutgerinsel im Gehirn.

Studiert hat Gerhard Vormwald an der Freien Akademie in Mannheim unter anderem bei Wolf Magin und Hans Nagel, dessen Atelier er später übernahm. Zudem war er einige Jahre als Bühnenfotograf am Mannheimer Nationaltheater beschäftigt, ehe er 1983 nach Frankreich zog.

Europaweit machte er sich zunächst als Werbefotograf einen Namen. Als Meister aufwendiger Arrangements wurde er vor allem von Magazinen wie "Stern" oder dem deutschen "Playboy" geschätzt.

Ab den 90er Jahren widmete er sich vorwiegend seinen künstlerischen Fotos, Zeichnungen und Malereien. Von 1999 bis 2013 war er Professor für Fotografie an der Fachhochschule in Düsseldorf. aki

Wie auf einer Bühne inszenierte er übervolle, an den Surrealismus erinnernde Stillleben für Werbeaufnahmen, auf denen der Wein in Strömen fließt oder Würste platzen. Lange bevor es die digitale Fotografie gab, arrangierte er Tableaus jenseits der Schwerkraft - wie in einem Windkanal stemmt etwa ein Mann seinen eingeölten Körper gegen den Strom ("Flying black man" von 1983). Vormwald schoss Lebensmittel durch unsichtbare Röhren, ließ Zigaretten aus Büschen und Barbies aus Kübeln wachsen oder stilisierte die eigenwillige Schönheit deformierter Körper.

Seine effektvollen, üppigen Inszenierungen passten zum Geschmack der 80er Jahre. Doch mit dem finanziellen Erfolg jener Zeit kam auch die Anerkennung in künstlerischer Hinsicht, die ihm nicht nur eine Professur für Fotografie an der Fachhochschule Düsseldorf einbrachte, sondern auch die Freiheit eigener Projekte. Unter dem Titel "Blind Date Essentials" kombinierte er ab 1997 eigene Zeichnungen und Fotos mit gefundenem Bildmaterial. Oder er entwickelte sogenannte "Photoshop-Realitäten", für die er intuitiv Szenen, Menschen und Objekte sammelte, um sie am Computer wieder neu zusammenzusetzen. Das unterschiedliche Maß der Eingriffe machten solche Aufnahmen interessant und tiefgründig. Denn nicht alles, was auf Vormwalds Architektur- und Landschaftsbildern als manipuliert erscheint, ist es auch. Und nicht alles, was real wirkt, wurde nachträglich verändert.

Die manchmal übersteigerte Farbigkeit und die geradezu absurden Banalitäten seiner Porträts, Stillleben und Architekturaufnahmen erinnern manchmal an Martin Parr - vor allem seine Selbstporträts unter Wasser und am Strand, mit selbstzufriedenem Machogehabe oder Wurstzipfel in der Hand beweisen: Vormwald war ein Phänomen in Sachen Inszenierungen und Übersteigerungen, ein regelrechter Zeremonienmeister zwischen Realität und Fiktion. Vor allem aber ein unprätentiöser Künstler voller Selbstironie und einer aufrichtigen Freude an Absurditäten und Doppeldeutigkeiten.

In der Region pflegte er nicht nur enge Freundschaften, sondern richtete auch immer wieder Ausstellungen ein - in der Mannheimer Kunsthalle, bei Zephyr, der Fotogalerie der Reiss-Engelhorn-Museen, aber auch auf dem Mathaisemarkt in Schriesheim oder zum Jubiläum des Heimatbundes Edingen. Mit Mannheim verband ihn einige Zeit wohl so etwas wie eine Hassliebe: 2001 hatte er den Auftrag bekommen, eine Imagebroschüre zu bebildern. Doch in seiner Serie fanden nicht nur harmlose Aufnahmen der Brezelfrau im Eisstadion ihren Platz, sondern auch Obdachlose auf dem Marktplatz oder die Monstrosität des Großkraftwerks.

Peinliche Provinzposse

Was folgte, war eine peinliche Provinzposse: Der damalige Oberbürgermeister Gerhard Widder stoppte das Projekt, weil man sich ein positiveres Bild der Stadt wünschte, ein kritischer Text des Journalisten Veit Lennartz konnte erst später im Buch "Mannheim Revisited" veröffentlicht werden. Heute noch hängen einige Aufnahmen der Serie in der Vario-Halle des Rosengartens. Ein Ort mit leider nur wenig Publikumsverkehr, an dem die Bilder auf ihren kritischen Schöpfer verweisen. Und fortan an einen wichtigen Künstler der Region erinnern...

© Mannheimer Morgen, Freitag, 11.03.2016
  • Drucken
 
 
TICKER

Das Wetter in der Metropolregion

Mannheim - Prognose für 15 Uhr

14°

Das Wetter am 23.3.2017 in Mannheim: leicht bewölkt
MIN. 4°
MAX. 15°
 

 

Kulturvision Rhein-Neckar

Kulturvision Rhein-Neckar

Vertreter aus Politik und Wirtschaft um Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz haben die Kulturvision Rhein-Neckar 2025 präsentiert. Mit drei Zielen: Stärkung der gesellschaftlichen, künstlerischen und überregionalen Wirkung der Kultur im Drei-Ländereck Baden-Hessen-Pfalz.

Laden Sie hier Dokumente zum Thema herunter:

 
 

Fotostrecke

Jubiläum: 60 Jahre NTM

Das Mannheimer Nationaltheater am Goetheplatz feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. [mehr]

Theatermagazin des Nationaltheaters

Theatermagazin

Welche Produktionen stehen diesen Monat auf dem Spielplan und was passiert hinter den Kulissen? Erfahren Sie mehr im Theatermagazin des NTM.

Serie Künstlerhäuser (mit Fotostrecke)

Atelier in den Weinbergen

Max und Emil trinken Tee - auf einem Schrank. Der hatte einst dem Impressionisten Max Slevogt (1868-1932) gehört. Und die Szene kein Geringerer als der große böhmische Künstler Emil Orlik gemalt. Auf dem Slevogthof in Leinsweiler ruhen sich die beiden Freunde so noch immer nach einer Wanderung aus… [mehr]

Schwind-Sucht

Die Tuberkulose ist aus den Köpfen geraten. Jedenfalls bei uns. Dass sie andernorts tückisch wie tödlich attackiert, daran erinnert am 24. März ein Welt- Aufklärungstag. Eigentlich kein Thema für den Kulturteil, möchte man meinen. Mitnichten! Schließlich gab es Zeiten, in denen sich die Kunst… [mehr]

Veranstaltungen

Veranstaltungen SUCHEN

Partys, Ausstellungen, Weinfeste und Sport-Events. Unsere Veranstaltungsdatenbank weiß, was im Rhein-Neckar-Dreieck passiert.

 

Veranstaltungen MELDEN

Sie möchten uns Ihre Veranstaltung melden, schicken Sie uns eine E-Mail:

Kontakt zur Kulturredaktion

Telefon (11.30-15.30 Uhr): 0621/392-1343
Fax:  0621/392-1366
 

Schreiben Sie uns eine E-Mail!

 

DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR