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Hintergrund: „Spiegel Online“ attackiert Mannheimer Popstar, weil er die Bundesrepublik als besetztes Land sieht

Naidoo, ein Neuer Rechter?

Archiv-Artikel vom Montag, den 25.08.2014

Von unserem Redaktionsmitglied Jörg-Peter Klotz

Eine von "den neurechts gekaperten Montags-Demonstrationen" sieht "Spiegel Online" in Xavier Naidoos Überraschungskonzert am vorletzten Freitag auf Mannheims Neuem Meßplatz. Das Thema war eigentlich Frieden für die Ukraine.

© Boll

Großes Kaliber hat der "Spiegel" in seiner Online-Ausgabe gegen den Mannheimer Popsänger Xavier Naidoo aufgefahren: "Verschwörungstheorien, Demokratiefeindlichkeit, Nationalismus: Xavier Naidoo glaubt, Deutschland sei ,immer noch besetzt' und werde von Pädophilen bevölkert - jetzt tritt der Soulsänger auf Demos der Neuen Rechten auf", heißt es in der Kolumne "Vom Popstar zum Populisten" von Georg Diez.

Der Literaturkritiker attestiert bei Naidoo eine aus Ressentiments zusammengezimmerte Weltanschauung: "Bei dieser werden Verschwörungstheorien, Demokratiefeindlichkeit, Nationalismus, Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Friedensgeraune zu einer dunklen Suppe verrührt, wie sie auf den neurechts-gekaperten Montagsdemonstrationen seit Monaten serviert wird." Diese Angriffsfläche bietet der künstlerisch und rhetorisch oft aus dem Bauch agierende Naidoo seit Jahren immer wieder einmal.

Neu wäre es, wenn der Mannheimer tatsächlich auf rechten Demonstrationen auftreten würde. Naidoo möchte sich auf Nachfrage nicht zu den Vorwürfen äußern, sein Umfeld versichert aber vehement, Auftritte auf Demonstrationen egal welcher Art habe es nicht gegeben. Die "Rock gegen Rechts"-Tournee mit Udo Lindenberg, die antirassistischen Brothers-Keepers-Aktivitäten oder das "Live Earth"-Festival in Berlin gehen sicher nicht als "rechts" durch.

Xavier Naidoo und das Besatzungsstatut

Der Stein des Anstoßes im Wortlaut: Am Ende seines Spontan-Auftritts am Freitag, 15. August, auf dem Neuen Meßplatz in Mannheim-Neckarstadt sagte Xavier Naidoo nach einem Friedensappell: "Hat Deutschland eine Verfassung? Ist Deutschland noch besetzt? Tut der NSA gar nichts Verbotenes, sondern darf er das eigentlich sogar, weil die Deutschen es ihm per Gesetz erlauben? Weil wir eigentlich gar kein richtiges Land und immer noch besetzt sind." (Video: vice.com).

Das Besatzungsstatut wurde 1949 von den West-Alliierten verabschiedet. Es regelte die Abgrenzung der Befugnisse und Verantwortlichkeiten zwischen der künftigen deutschen Bundesregierung vom 15. September 1949 und der Alliierten Hohen Kommission.

Es blieb bis zu den Pariser Verträgen 1955 wirksam. Alliierte Vorbehaltsrechte verloren erst nach der Wiedervereinigung Wirksamkeit, als Deutschland 1991 mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag volle Souveränität erlangte.

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Erstaunlich ist in diesem Punkt der selbst für einen Meinungsbeitrag laxe Umgang des Nachrichtenmagazins mit Fakten: "Da steht er bei einer dieser Demonstrationen auf einem feuerroten Spielmobil mitten in Mannheim, es war wohl am Montag dieser Woche, und philosophiert so vor sich hin", schreibt Diez und zitiert Naidoo-Fragen zum Besatzungsstatus der Republik, die am Ende des Konzerts gestellt wurden.

Demo oder Spontankonzert?

Dass der Auftritt am Freitag, 15. August, auf dem Neuen Meßplatz vonstatten ging, ist nebensächlich. Nur war es keine Demonstration (wie der "Spiegel"-Autor es wohl der Lektüre eines Artikels auf www.vice.com entnimmt), sondern eines der Spontankonzerte vom Bühnenbus, die Naidoo seit Jahren als "Straßenunterhaltungsdienst" praktiziert. Ein politisches Thema gab es: Frieden. Beziehungsweise den drohenden Krieg in der Ukraine und die Fragwürdigkeit deutscher Waffengeschäfte (wir berichteten in der Stadtausgabe).

Der tiradenhafte Ton der Kolumne ("Schmuse-Schmarrn, der seine Musik schon immer schwer erträglich gemacht hat", "Gottes-Gewimmer, das in atheistischen Zeiten schon als Glauben durchgeht", "Ich-singe-wie-Deutsche-sich-Soul-vorstellen-Klimbim") legt nahe, dass hier Antipathie, Klickzahlen und Sehnsucht nach Aufmerksamkeit zumindest gleichberechtigt neben aufklärerischen Impetus treten.

Immerhin ist es schon zweieinhalb Jahre her, dass Diez für ähnlichen Wirbel gesorgt hat: Damals nannte er Christian Krachts Roman "Imperium" rassistisch und schrieb, an diesem Beispiel "könne man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream". Das Gros der Literaturkritik distanzierte sich. Die Parallelen sind offensichtlich, das neue Zielobjekt nur deutlich populärer. "Zeit Online" zog prompt nach. Das Urteil: Nazi!

Richtig ist: Xavier Naidoos Do-it-yourself-Weltbild qualifiziert ihn sicher nicht für das Amt des Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung. Sie ist eher ein Beispiel dafür, dass das Internet als primäre Inspiration für Überzeugungen stellenweise mächtig in die Irre führen kann. Aber dass Naidoo Verschwörungstheorien anhängt, Mannheim als neues Jerusalem erwartet, die Bibel numerologisch durchforscht, europaweit Kindsmörderkasten am Werk sieht, Politiker für unfähig hält und statt unserem repräsentativen System Stadtstaaten bevorzugen würde, dafür aber leidenschaftlich deutschtümelt - daraus hat er nie einen Hehl gemacht. Er trägt seine Überzeugungen aber längst nicht mehr so monstranzhaft vor sich her wie früher. In der Regel äußert Naidoo sich nur noch auf Nachfrage von Journalisten oder in Songs zu politischen Themen - oder eben aus einem spontanen Bauchgefühl heraus wie jetzt geschehen. Rechtspopulismus funktioniert dann doch etwas kalkulierter.

All das zeigt vor allem, wie leicht, man sich in den verschwommenen Grenzen von Links und Rechts heutzutage verlaufen kann - zumal wenn man kulturelle Kardinalfehler begeht, Kontexte völlig ignoriert (oder nach Belieben verändert) und fiktionale Songtexte wie politische Essays interpretiert. So kam ja 2012 auch die an Verfahren gegen Prominente in der Regel nicht ganz uninteressierte Mannheimer Staatsanwaltschaft zu dem Schluss, dass ein missraten formulierter Rap-Song wie das von Naidoo mitgetextete Xavas-Lied "Wo sind sie jetzt" trotz homophob klingender Gewaltfantasien und dem Ruf nach Führern kein "Mein Kampf" für das neue Jahrtausend ist.

© Mannheimer Morgen, Montag, 25.08.2014
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