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Theater: Zeitraumexit gibt jungen Performern Raum

Von Blut und Wunden

Archiv-Artikel vom Montag, den 02.07.2012

Von unserer Mitarbeiterin Nora Abdel Rahman

Erst lassen vier Blechbläser des Mannheimer Jugendblasorchesters Bachs Choräle erklingen. Dann treten in schauderhaften Masken acht Schüler und Schülerinnen der 9. Klasse der Kerschensteiner Werkrealschule in Mannheim-Schönau aus dem Dunkel. Doch schon in der nächsten Szene ziehen die Performer ihre Masken vom Kopf und werfen sie zu Boden. Einzeln treten sie ans Mikrofon im Vordergrund und schildern aus der Erinnerung Szenen aus Horrorfilmen. Nur eine Künstlerin erklärt, sie schaue keine Horrorfilme, weil sie ihr nicht gut tun. Und ein anderer tritt ans Mikro, starrt aufs Publikum und schweigt.

Das ist eindrucksvoll als Einstieg und führt unmittelbar ins Thema. Denn wie auch der Titel des Stücks nahe legt, geht es im "Schönauer Requiem" um den Tod. Aber eben nicht im allgemeinen Sinne, sondern ganz persönlich. Wolfgang Sautermeister beschäftigt sich als Performance-Künstler mit Biografien. In dem Theaterprojekt stand daher das Umfeld der Schüler, ihre eigene Geschichte im Vordergrund. Schönau gehört, was Kriminalität und Gewalt betrifft, zu Mannheims Brennpunkten. Im Alltagsleben der Jugendlichen spielen diese Faktoren daher ganz konkret eine Rolle. Sie finden eben nicht nur in Form von Horrorfilmen Eingang in die Wahrnehmung, sie sind vielmehr in ihrer Wirklichkeit verankert.

Bilder von Amokläufen

Dennoch ist die Idee, Schüler eine gewalttätige Szene aus einem Film nacherzählen zu lassen, entscheidend für das künstlerische Projekt. Wenn Sautermeister die jugendlichen Künstler mit Gewehren aus dem II. Weltkrieg nacheinander wie Standbilder in jeweils anderen Posen in Szene setzt, ist das schockierend. Wenn am Ende dieser Hauptsequenz einer der acht Darsteller seine sieben Mitspieler einen nach dem anderen erschießt, gehen einem viele Bilder durch den Kopf - von Amokläufen in Schulen bis zu Anders Behring Breivik, dem Massenmörder aus Norwegen. Dann aber gewinnen die Tod und Gewalt assoziierenden Versatzstücke aus filmischen Kontexten oder die später auf die Wand projizierten Sätze der Schüler über das Sterben eine andere Dimension. Sie sind Vorstellungen, Erinnerungen und Fiktionen. Und kommen der Wirklichkeit viel näher als das überdeutliche Spiel mit realen Gegenständen.

© Mannheimer Morgen, Montag, 02.07.2012
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