Werke, mit denen ich mich intensiv beschäftige, verfolgen mich oft bis in den Schlaf. Besonders hartnäckig hat sich immer wieder die Musik von Wagner erwiesen. Noch lange nach den Proben zur Mannheimer "Walküre" bin ich mit dem sogenannten "Schwert"-Motiv auf die Worte "Wenn Nothung dir (bei Wagner: ihm) das Herz zernagt ..." morgens erwacht. Der Start in den Tag kann wahrlich optimistischer ausfallen!
Vielleicht ist diese Art von Verfolgung Strafe für meine lange Missachtung Wagners. In einer politisch links orientierten protestantischen Kirchenmusikerfamilie sozialisiert, blieb mir Wagner und die "elitäre" Institution Oper zunächst so fern wie musikalisch sonst nur das Repertoire der "Volkstümlichen Hitparade".
Während meines Studiums ahnte ich zwar, dass es da noch Großes zu entdecken gab, der erste entschlossene Annäherungsversuch an Wagner erfolgte aber erst in der Theaterpraxis. Konnte dieser ausgerechnet mit den rezeptionsgeschichtlich so belasteten "Meistersingern" gelingen? Die Fassung für Klavier der szenischen Proben erleichterte es mir, mich Wagner zu öffnen - seinem orchestralen Klangrausch misstraute ich noch.
Das Ergebnis, auch begünstigt durch eine kluge Regie, war echte Begeisterung und löste eine Kettenreaktion von Zufällen aus, in deren Folgen mir fast alle großen Werke Wagners vertraut und wichtig wurden. Der mir befremdlichen "Meistersinger"-Verehrung erwehre ich mich jedoch bis heute erfolgreich. Aktueller Ohrwurm: Siegfrieds Brunstschrei "Jetzt lock' ich ein liebes Gesell".