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NSU-Prozess: Carsten S. möchte „reinen Tisch machen“

Angeklagter bringt weiteren Anschlag ins Gespräch

Von unserer Mitarbeiterin Jasmin Menrad

MÜNCHEN. Carsten S. ist in sich zusammengesunken, die Arme hängen neben dem Körper. "Ich bin an einen Punkt gekommen, wo ich reinen Tisch machen möchte", sagt er. Der Neonazi-Aussteiger hat jahrelang verdrängt, dass er drei Untergetauchten eine Ceska 83 besorgt hat. "Ich habe das hinter mir gelassen, so wie ich die Neonazi-Zeit hinter mir gelassen habe."

Am Dienstag, dem achten NSU-Verhandlungstag, sprudelt es aus dem 33-Jährigen heraus, der wegen Beihilfe zu neun Morden angeklagt ist. Zuerst geht es nicht um den NSU, sondern um ihn: Carsten S., den Teenager, der sich zu Männern hingezogen fühlt. "Ich war wohl auch ein wenig verschossen in ihn", ist einer der Sätze, den er oft sagt. Zum Beispiel über den Rechten aus der Parallelklasse, mit dem er rumgehangen hat. "Das hat mir Spaß gemacht", ist der andere Satz, den er wieder und wieder sagt: Spaß gemacht hat ihm das Auftreten in der Gruppe, Fensterscheiben kaputt zu schlagen und rechts zu sein.

Während die Hauptangeklagte Beate Zschäpe regungslos vor sich hinstarrt und bei den Zuhörern, eingelullt von den diffusen Erzählungen, das Bild eines verunsicherten Mannes entsteht, kommt Carsten S. auf den NSU zu sprechen: wie er die Waffe mit Schalldämpfer besorgt hat und sich mit Uwe Böhnhard und Uwe Mundlos in Chemnitz getroffen hat. Unvermittelt bricht er da in Tränen aus, schluchzt, spricht hoch und schnell. "Dann haben Uwe Böhnhard und Uwe Mundlos gesagt, dass sie in Nürnberg in irgendeinem Laden eine Taschenlampe hingestellt haben, und ich wusste nicht, was sie meinen. Dann kam Frau Zschäpe, und sie sagten 'pst', damit Frau Zschäpe das nicht mitbekommt."

Damit könnte seine Aussage Zschäpe entlasten. Ihr erstes Opfer war der Nürnberger Blumenhändler Enver Simsek. "Es gab wahrscheinlich früher einen versuchten Anschlag", vermutet Carsten S. Eine rätselhafte Andeutung - doch es gibt tatsächlich einen Vorfall, der dazu passen könnte: Im Juni 1999 wurde bei der Explosion einer Rohrbombe in einer Nürnberger Gaststätte ein 18-jähriger Putzmann verletzt. Angeblich sah die Bombe wie eine "Taschenlampe" aus. Carsten S. jedoch schiebt den Gedanken von sich, dass die Taschenlampe eine Chiffre für den Tod sein könnte.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 12.06.2013
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