direkt zum Inhalt

Morgenweb Das Nachrichtenportal Rhein-Neckar
Morgenweb Das Nachrichtenportal RheinNeckar

Suche:

Sie sind hier:

» Startseite > Nachrichten > Politik > Die 68er > Artikelseite

  • Artikel versenden Artikel versenden
  • E-Paper E-Paper

Serie 40 Jahre 1968: Eine Protestwelle erreicht auch die Stadt am Neckar - mit manchmal "hässlichen Szenen"

"Jetzt wehren wir uns" - Heidelberg im Bann der Revolte

Von unserem Redaktionsmitglied Michaela Roßner

Polizisten stürmen die Universität, der Rektor wird zum "Teach-in" gedrängt - auch in Heidelberg geht es 1968 hoch her.

Herrn Oberbürgermeister Reinhold Zundel, zur Erinnerung an ein für beide schwieriges Jahr, in herzlicher Verbundenheit, Kurt Baldinger". Die Widmung hat der damalige Prorektor der Universität mit kleiner, kantiger Handschrift auf die Titelseite geschrieben. Das graue Heftchen, das im Heidelberger Stadtarchiv aufbewahrt wird, fasst nüchtern das Rektoratsjahr 1968/69 zusammen.

Wahrlich kein gewöhnliches Jahr:

Die Stadt gerät in den Bann revoltierender Studenten. "Heidelberg 68 reloaded - eine Collage" heißt ein Projekt, das seit Monaten vorbereitet wird. Ausstellung, lebendige Diskussion, Forum im Internet. "Wir wollen die Interpretationsmacht über unsere eigene Geschichte zurückgewinnen", fordert Burkhard Braunbehrens, damals Sprecher des "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS)" und heute einer der Organisatoren, mit jenem Selbstbewusstsein, das zum Geist der 68er gehörte wie die Wut auf das Establishment.

Vieles, was "Heidelberg 68" zugeordnet wird, hat sich tatsächlich erst viel später zugetragen. Manches, das 1968 bewegt, ist früher geschehen: Am 6. Juni 1967, dem Tag der Beerdigung des in Berlin erschossenen Studenten Benno Ohnesorg, ziehen rund 2000 "Trauergäste" durch die Hauptstraße. Oberbürgermeister Zundel erlässt als Reaktion darauf ein Demonstrationsverbot durch die Meile, die damals noch nicht Fußgängerzone war.

Am 27. Juli 1967 spricht Rudi Dutschke im Hörsaal 13 der Neuen Universität. Die Vortragshalle ist proppenvoll. Als die Berliner Studentenikone anfangen will, über "Die allgemeine Situation der BRD nach dem sogenannten Wirtschaftswunder und die besondere Lage der studentischen Opposition" zu sprechen, fällt das Mikrofon aus, erinnert sich Michael Buselmeier, Künstler, Journalist und Stadtkenner.

Doch der charismatische Redner Dutschke hat ein kräftiges Stimmorgan und überwindet die technischen Probleme schnell. Die Rede selbst habe einen "Riesen-Eindruck" hinterlassen: "Für viele war es ein Signal. Denn er verkörperte perfekt dieses ,Jetzt wehren wir uns'", ergänzt Buselmeier.

Zur Protestbewegung gehören auch in Heidelberg "Feindbilder" - Personen, an denen sich die "Revoluzzer" reiben konnten. OB Zundel, 1966 ins Rathaus gewählt, ist eines. Am 5. Dezember 1967 nimmt der Stadtchef in der Neuen Uni an einem modischen "Teach-in" (Informationsveranstaltung) teil - zu einer Einigung mit den fordernden Studenten kommt es nicht. Eine von 800 angehenden Akademikern verabschiedete Resolution wertet Zundel als "Landesverrat" und gießt damit Öl ins Feuer. Karl Stauder ist ebenfalls im Visier der jungen Intellektuellen. Dem Redakteur der Rhein-Neckar-Zeitung wird eine Nazi-Vergangenheit vorgeworfen. Im Dezember 1968 hat sich die Aufgeregtheit derart hochgeschaukelt, dass kurzfristig die Auslieferung der Zeitung blockiert wird. Die Flugblattaktion führt zu Zusammenstößen mit der Polizei.

"Hässliche Szenen"

Ebenfalls Ende 1968 lässt Zundel den Ratssaal räumen. Etwa 120 Studierende hatten es sich laut Zeitungsberichten auf dem Boden bequem gemacht. Mit Zischen und "Heil, Heil"-Rufen begrüßten sie einen NPD-Stadtrat und Landtagsabgeordneten. Etwa 70 Protestierer weigern sich, den Ratssaal zu verlassen. Laut Beobachter entwickeln sich "hässliche Szenen", als die Polizei räumen will: "Mit Schmerzensschreien brach der frühere Vorsitzende des Allgemeinen Studentenausschusses (Asta), Meinhard Schröder, zusammen: Er wurde gewürgt, von Beamten an den Haaren gerissen und in den Bauch getreten", hält das in den 80er Jahren eingestellte "Heidelberger Tageblatt" am 6. Dezember fest. Auch mehrere Polizisten seien bei den Auseinandersetzungen verletzt worden.

Die neue Grundordnung der Universität und die Notstandsgesetze füllen Debatten und hitzige Demonstrationen mit Inhalten und Parolen. Von 1960 bis 1968 wächst die Zahl der Professoren von 25 auf 70, besonders der "Mittelbau" vergrößert sich. Wie in Frankfurt und Berlin bilden die Vietnam-Politik der Amerikaner sowie die Selbstgefälligkeit des Schah-Regimes den Hintergrund der Ereignisse.

Im Februar und im Mai 1968 führen "Vietnam-Demos" vom Bismarckplatz vorbei am Amerikahaus hin zum Hauptquartier der Europäischen Streikräfte in der Römerstraße. Amerikanischen GIs werden Flugblätter unter die Nase gestreckt, in denen "jegliche Unterstützung im Fall einer Desertion" zugesichert wurde. "Wir haben uns Dinge angemaßt, die uns überhaupt nicht zustanden", formuliert Buselmeier heute distanziert.

Beschuldigte tauchen ab

Am 15. Mai, dem Tag, an dem die zweite Lesung der Notstandsgesetze geplant war, rufen Asta und SDS zum Streik auf. Am 28. Mai folgt ein Generalstreik. Die damalige Rektorin Margot Becke - die erste Frau, die eine deutsche Universität leitete - suspendiert daraufhin den Asta.

Eine weitere Protest-Welle schwappt im Dezember über die Stadt: Am Landgericht soll im so genannten "Stadthallen-Prozess" über fünf Studenten geurteilt werden, die im Januar eine Veranstaltung mit dem Titel "Studenten aus aller Welt singen und tanzen für Heidelberg" gestört hatten. Die Angeklagten kommen nicht allein, sondern in hundertfacher Begleitung. Der Verhandlungsauftakt wird auf den Februar verlegt, die Beschuldigten tauchen kurz ab und nicht nur Rektor Baldinger vermutete, dass das Quintett von Asta-Mitgliedern in der Ruperto Carola versteckt werde.

Schwere Ausschreitungen

Am 10. Januar 1969 stürmt eine Hundertschaft der Polizei das Gebäude und vollzieht die Haftbefehle. Baldinger schildert die folgenden Ereignisse so: "Gegen 11 Uhr drang eine größere Zahl von Studenten in das Rektorat ein. Ich wurde umringt und ultimativ aufgefordert, in ein Teach-in in der Neuen Aula zu kommen . . . Ich wurde an beiden Armen gepackt und in den Vorraum hinausgedrängt . . . Daraufhin begab ich mich aus eigenem Entschluss in das Teach-in und versuchte, allerdings mit wenig Erfolg, einer aufgebrachten Menge von Studenten in der überfüllten Neuen Aula klarzumachen, dass die Universität kein Staat im Staate sei und der Rektor keinerlei Einfluss auf Zeitpunkt und Durchführung eines Haftbefehls habe."

Im Februar und März erlebt Heidelberg schwere Ausschreitungen, die einen Vorgeschmack geben auf die 70er Jahre.

Mannheimer Morgen
02. Mai 2008

» Seitenanfang

Jobmorgen - Die größte Stellensuche der Region
Anzeige:
Anzeige:

Newsletter: Themen des Tages

Worüber wird heute gesprochen? Täglich um 12 Uhr schicken wir Ihnen unseren Überblick mit den Themen des Tages, damit Sie gut informiert in die Mittagspause gehen können. Geben Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse ein:

 

Newsletter: Breaking News

Sobald etwas Wichtiges passiert, informiert Sie dieser Newsletter über das aktuelle Geschehen. Geben Sie einfach Ihre ein:

 

Adresse der Seite: http://www.morgenweb.de/nachrichten/politik/die-68er/Artikel/20080502_srv0000002526615.html