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Evangelischer Kirchentag: Margot Käßmann und Joachim Gauck locken viele Gläubige

Die Zugpferde von Halle B 5

Von unserem Redaktionsmitglied Stephan Töngi

Samuel Koch kann sich wegen seiner Querschnittslähmung nicht mehr bewegen - daher hält ihm Bundespräsident Joachim Gauck das Glas, damit der 25-Jährige trinken kann.

© dpa

Hamburg. "Ich habe mich erst am Mittwoch entschieden, zum Kirchentag zu fahren", sagt Andreas J. Beblik aus Braunschweig. "In der U-Bahn habe ich heute Morgen gehört, dass die meisten zu Margot Käßmann gehen. Da habe ich mir gesagt: Das ist das Richtige." Der Protestant aus Braunschweig bescheinigt der 2010 wegen einer Fahrt mit Alkohol zurückgetretenen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland "auch ohne verbindliches Amt so viel Strahlkraft, dass sie die Menschen erreicht".

Käßmann zieht die Massen an - auch gestern bei der Bibelarbeit über das Gleichnis von einer Witwe, die Gerechtigkeit fordert (Lukas 18, 1-8). Die 7000 Plätze in Halle B 5 der Hamburger Messe sind früh besetzt, viele müssen draußen bleiben. "Die Witwe ist eine Frau, die nervt - das kann interessant werden", baut die Botschafterin für das Lutherjahr 2017 schon mal Spannung auf. Oft zitiert sie Dorothee Sölle, die 2003 gestorbene feministische Theologin und Pazifistin. Etwa mit deren Satz: "Bewahre uns vor Harmoniesucht."

Menschenwürde, Friede, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung - Käßmann wünscht sich, Christen würden mehr nerven. Vom Hungerstreik in Guantánamo schlägt die 54-Jährige eine Verbindung über Proteste von Flüchtlingen in Berlin zu Näherinnen in Bangladesch - und ist damit schnell wieder in Deutschland, weil es am Kaufverhalten liege, die Produktionsmethoden und Lebensverhältnisse in Billiglohnländern zu beeinflussen.

"Nerven Sie weiter!"

"Frauen können echt nerven, manchmal müssen sie das, und das ist gut so", sagt Käßmann unter starkem Beifall der Zuhörer. Überhaupt: Christen müssten gemeinsam mit Gott gegen Unrecht anschreien. Sie dürften ihren Glauben nicht im privaten Winkel leben, sondern müssten Mut zur Einmischung zeigen. Ihr Schlusswort: "Wir können die perfekte Welt nicht schaffen, aber abfinden mit der Welt, wie sie ist, dürfen wir uns nicht." Ihr Rezept: "Nerven Sie weiter!" Der Rest sind Ovationen.

Dieselbe Halle, der gleiche Andrang, 45 Minuten später heißt es: "Eine starke Gesellschaft. Was braucht sie?" ZDF-Moderator Markus Lanz diskutiert mit Bundespräsident Joachim Gauck, dem seit seinem Unfall bei "Wetten, dass . .?" querschnittsgelähmten Samuel Koch sowie dem evangelischen Pfarrer Rainer Schmidt, dem seit der Geburt die Unterarme fehlen. Dennoch hat der 48-Jährige im Tischtennis Gold und Silber bei den Paralympics gewonnen. Eine Episode aus seinem Leben könnte zum Muster werden, um Probleme zu lösen: Als er nach Klasse 9 Sonderschule auf das Gymnasium wechseln will, fragt der Direktor: "Was müssen wir tun, damit du bei uns Abitur machen kannst?"

Gauck greift das Thema Bildung und Inklusion auf: Der Ablauf von Schule müsse mit den Behinderten besprochen werden, nicht über sie hinweg. Hier wünsche er sich einen stärkeren Disput mit Beteiligung der Betroffenen. Überhaupt appelliert der Bundespräsident an die Behinderten: "Sie können viel mehr, wenn Sie sich nicht hängenlassen, sondern Ihre Kräfte benutzen." Denn: "Wir müssen lernen, an uns selber Erwartungen zu richten." Schmidt schließt sich dem an: "Jeder hat Begabungen und Talente."

Den Nichtbehinderten schwärmt Gauck von den Special Olympics, einem Wettbewerb gehandicapter Jugendlicher, vor: "Da sehen Sie Vorbilder in Lebensfreude und -bejahung." Zwischendurch hält der frühere Pfarrer Samuel Koch das Glas vor den Mund, damit der 25-Jährige mit Hilfe eines Strohhalms trinken kann.

An der Schulter streicheln

Wie weit der falsche Umgang mit Behinderten verbreitet ist, kann Koch erzählen: Selbst in einer Klinik für Querschnittsgelähmte haben ihm Ärzte und Schwestern zur Begrüßung die Hand entgegengestreckt. Um solche "peinlichen Momente" zu vermeiden, bittet er darum, ihn liebevoll an der Schulter zu streicheln - das spürt er.

Und was hat ihm geholfen, seine Behinderung anzunehmen? Natürlich hadere er immer wieder mit sich. "Aber der Glaube war und ist der rettende Anker in meinem Leben."

© Mannheimer Morgen, Freitag, 03.05.2013
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