DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR

Samstag, 20.12.2014

Suchformular
 
 

Lieber Leser, bitte aktivieren sie Cookies, um in den vollen Genuss unseres Angebotes zu kommen.

  • Drucken
  • Senden

Ägypten: Muslimbrüder feiern ihren neuen Präsidenten Mohammed Mursi / Armee arrangiert sich mit den Islamisten

Ein Sieg für die Demokratie

Von unserer Korrespondentin Birgit Cerha

Jubel in Kairo bei den Anhängern von Präsident Mohammed Mursi.

© dpa

Kairo. Mit der Wahl des Islamisten Mohammed Mursi zum neuen Präsidenten haben die Ägypter Geschichte geschrieben. Doch der Kampf um Ägypten tritt nur in eine neue Phase. Mit einem Schlag mündete die quälende Hochspannung auf dem Kairoer Platz der Revolution gestern in frenetischen Jubel. Ägyptens Muslimbruderschaft feiert mit Hunderttausenden ihrer Anhänger den größten Triumph ihrer langen, oft so qualvollen Geschichte. Bereitschaftspolizei mit Radpanzern stand schon seit Tagen rund um die nahe gelegenen Regierungsgebäude und das - vom herrschenden Militärrat - vor anderthalb Wochen geschlossene Parlament. Dies hatte Spekulationen genährt, die Armee würden den falschen Sieger küren.

Der Triumph von Mohammed Mursi in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl ist zugleich ein Sieg der Demokratie, der Revolution gegen die Diktatur Husni Mubaraks, die beinahe zu scheitern drohte. Zum ersten Mal in der Geschichte Ägyptens konnte das Volk einen Präsidenten tatsächlich frei wählen und das Militär lässt zu, dass jetzt nicht nur kein Offizier die Spitze des Staates erklimmt, sondern auch noch der Führer einer Massenbewegung, die es seit Jahrzehnten bekriegte.

Getrübte Euphorie

Selbst Vertreter der säkularen jugendlichen Aktivisten, die durch ihre Revolution in nur 18 Tagen Mubarak zu Fall gebracht hatten, verhehlen ihre Begeisterung über diese als fair empfundenen Wahlen nicht. Das von der Revolution erschöpfte Volk kann aufatmen. Hätte die Wahlkommission Mursis Gegenkandidaten, den Repräsentanten des alten Systems, Ahmed Schafik, zum neuen Präsidenten erklärt, wäre Ägypten eine neue Welle der Gewalt wahrscheinlich nicht erspart geblieben. Mursis hochmotivierte Anhängerscharen hätten eine solches wohl zurecht als Manipulation empfundenes Ergebnis nicht tatenlos hingenommen.

Doch die Euphorie ist getrübt durch eine Serie ungelöster, für die Zukunft Ägyptens höchst entscheidender Fragen und durch die Tatsache, dass Mursi als Präsident ohne Macht, ohne Verfassung, ohne Parlament und mit völlig unklaren Befugnissen Mubaraks Nachfolge antritt. Die einzige Macht, auf die er sich stützen kann, ist jene der Legitimität, die die Muslimbrüder durch zwei Wahlsiege im vergangenen halben Jahr (Parlaments- und nun Präsidentschaftswahlen) gewannen und die ihnen stärkere Überzeugungskraft in der bevorstehenden Machtprobe mit dem herrschenden Militärrat verleihen könnte.

Mursi, treuer Funktionär der Muslimbruderschaft, verspricht, Präsident aller Ägypter zu werden. Deshalb verhandelte er in den vergangenen Tagen auch mit Teilen der säkularen Opposition, deutete die Möglichkeit an, einen Liberalen, wie Nobelpreisträger Mohammed el Baradei zum Premier zu berufen und eine Frau oder einen Kopten zu seinem Vizepräsidenten.

Doch selbst wenn er dieses Versprechen hält, wird es ihm kaum gelingen, eine Brücke zur zweiten Hälfte Ägyptens zu bauen, zu jenen, die Schafik ihre Stimme gaben, den Kräften und Profiteuren des alten Systems, die immer noch die wichtigsten Institutionen beherrschen und entschlossen scheinen, diese nicht an ihre jahrzehntelangen Gegner abzugeben.

Wird der neue Präsident die quälenden Ängste der Minderheiten, allen voran der acht Millionen Kopten, vor einer Islamisierung des Landes zerstreuen können und die der Frauen vor neuer Diskriminierung? Wird Mursi seinen demokratischen Versprechen treubleiben oder wird er sich zur Machterhaltung mit dem Militär arrangieren, wie etwa Gesinnungsbrüder es in Pakistan oder im Sudan getan hatten und ein repressives System, das Ägyptens Generäle zumindest vorerst führen wollen, unterstützen?

Quälende Ungewissheit

Mursis Wahl hat die Ägypter nicht von der quälenden Ungewissheit über die Zukunft des Landes befreit. Sie hat jedoch bewiesen, dass das Militär, ungeachtet der autoritären Dekrete der vergangenen Woche, "sanfter Putsch" genannt, die demokratische Revolution nicht abtöten konnte. "Der größte Erfolg, den die Revolution bisher erzielte", so meinte gestern der Aktivist Bassem Sabry, "ereignete sich in der Psyche der Ägypter." Niemand kann ihnen mehr eine Diktatur aufzwingen.

© Mannheimer Morgen, Montag, 25.06.2012
  • Drucken
  • Senden
 

Das Wetter in der Metropolregion

Mannheim - Prognose für 6 Uhr

Das Wetter am 20.12.2014 in Mannheim: klar
MIN. 4°
MAX. 8°
 

Politik

Wer hat im Amt überzeugt?

Die Große Koalition ist seit einem Jahr im Amt.  Wir wüssten gerne Ihre Meinung: Welcher Politiker hat sich besonders gut geschlagen? Mehrfachantworten sind möglich.

 
 

Schwer fassbar

Wie viele radikalisierte Personen aus dem Land befinden sich im Krieg in Syrien oder im Irak? Die Antwort auf diese Frage gleicht eher dem Stochern im Nebel. Jetzt hat Stuttgarts Innenminister Reinhold Gall (SPD) seine Angabe für den Südwesten von rund 20 auf 30 Kämpfer erhöht. Das sind jedoch nur… [mehr]

Putin

Politik

EU bleibt bei Russland-Sanktionen hart

Brüssel (dpa) - Die Russland-Politik drängt sich wieder einmal in den Vordergrund eines EU-Gipfels. Die 28 Chefs senden zwei Signale an Moskau. Die Sanktionen bleiben, bis sich der Kreml in der Ukraine bewegt. Zugleich setzen sie auf neue Gespräche. Europa hält inmitten der akuten Wirtschaftskrise… [mehr]

Kontakt zur Politik-Redaktion

Telefon: (ab 14 Uhr) 0621/392 13 32
Fax: 0621/392 14 90

Schreiben Sie uns eine E-mail!

 

DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR