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Archiv-Artikel vom Freitag, den 21.12.2012

Von Michael Schröder

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Wem auch immer dieses berühmte Zitat zugeschrieben werden kann, auf kaum ein anderes Thema passt es derzeit besser als auf das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Die geschätzten Gesamtkosten lagen 1998 bei rund 2,5 Milliarden Euro, kletterten danach auf knapp drei Milliarden und wurden 2009 bei 4,5 Milliarden gedeckelt. Inzwischen darf die Bahn mit 6,8 Milliarden kalkulieren - eine Steigerung um 50 Prozent. Es gibt Gutachter, die am Ende auch zehn Milliarden Euro für denkbar halten. Dass diese Kostenexplosion vor allem auf eine mangelnde Kooperation der Behörden zurückzuführen sei, wie Bahnchef Rüdiger Grube jetzt gerne suggerieren möchte, grenzt beinahe an Volksverdummung. Würde dieses Volk an diesem Sonntag erneut über den unterirdisch geplanten Bahnhof abstimmen - eine Mehrheit wäre längst nicht mehr sicher.

Stuttgart 21 ist kein Einzelfall. In der unendlichen Geschichte der Hamburger Elbphilharmonie verwandelten sich die ursprünglich veranschlagten 77 Millionen in mittlerweile 575 Millionen Euro. Und der Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg liegt derzeit 1,7 Milliarden Euro über Plan. Gäbe es eine Skandalchronik der Großbauten, dürften sich Stuttgart, Hamburg und Berlin um die vordersten Plätze streiten. Für das weltweite Ansehen der deutschen Ingenieurskunst ist das peinlich. Denn hinter der Serie von Pleiten, Pfusch und Pannen stecken katastrophale Fehlplanungen wie schludriges Management. Vom Versagen auch der Aufsichtsräte mal abgesehen: Der Verdacht steht im Raum, dass die Protagonisten dieser Prestigeprojekte - wie bei Stuttgart 21 - die finanziellen Belastungen der Steuerzahler bewusst schöngerechnet haben, um damit die notwendige öffentliche Akzeptanz zu erzielen.

Doch mit jedem Desaster nimmt die Skepsis gegenüber solchen Mega-Anlagen zu. Selbst jene Wähler in Baden-Württemberg, die mit ihrem Ja zu Stuttgart 21 ein klares Plädoyer für zukunftsträchtige Großprojekte ablegten, dürften sich allmählich von der Bahn getäuscht fühlen. Wenn Manager und Politiker nicht mit offenen Karten spielen oder gar die Wahrheit vertuschen, dann schaffen sie ein Klima des Misstrauens. Ob Windparks, Flughäfen oder Kraftwerke - derart massive Eingriffe in die Infrastruktur verlangen nach Transparenz und Ehrlichkeit. Für dumm verkaufen lassen wollen sich die Bürger schon gar nicht.

© Mannheimer Morgen, Freitag, 21.12.2012
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