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Ex-Bundespräsident: Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit dem Rücktritt zeigt sich Wulff erholt

Mit Ibrahimovic und Carter

Von unserem Redaktionsmitglied Steffen Mack

In der Heidelberger Universität: Christian Wulff mit Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden.

© dapd

Heidelberg. Das Fest der Liebe naht. Auf dem frisch eröffneten Weihnachtsmarkt vor der Heidelberger Universität erklingen adventliche Weisen. Drinnen wird gleich Christian Wulff auftreten. Pünktlich um 18.15 Uhr läuft er durch die Alte Aula, setzt sich in die erste Reihe und lächelt tapfer in das Blitzlichtgewitter.

Der Rektor der gastgebenden Jüdischen Hochschule, Johannes Heil, begrüßt den "Herrn Bundespräsidenten". Vorsorglich fügt er für das Publikum hinzu, dass der Titel nach der Amtszeit fortbestehe. Zuletzt beschäftigte die Öffentlichkeit ja mehr, worauf Wulff nach seinem Rücktritt im Februar noch so alles Anspruch hat: pro Jahr rund 200 000 Euro Ehrensold, Büro, Dienstwagen, Mitarbeiter, Leibwächter.

Hochschulreden würden nicht honoriert, erklärt Heil. "Wir sind ja hier nicht bei den Stadtwerken Bochum", scherzt er in Richtung des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Der Rektor verrät auch gleich, warum man Wulff eingeladen habe: "Eine einmal ausgesprochene Einladung gilt." Überdies sei das frühere Staatsoberhaupt seinerzeit nicht nur als solches eingeladen worden, sondern vor allem als Träger des Leo-Baek-Preises, der höchsten Auszeichnung des Zentralrats der Juden.

Heil erinnert an Wulffs berühmten Satz, neben Christentum und Judentum gehöre auch der Islam zu Deutschland. Leider sei das ja mittlerweile (von Wulffs Nachfolger Joachim Gauck) abgeschwächt worden. Dass dies nun nur noch für Muslime, nicht mehr für den Islam als solchen gelten solle, nennt der Professor "intolerant und respektlos".

Anleihen beim Fußball

Also widmet sich jetzt Wulff wieder dem Thema. Er beginnt mit dem 4:4 zwischen Deutschland und Schweden, erinnert an Zlatan Ibrahimovic, den skandinavischen Topstürmer bosnisch-kroatischer Herkunft. Auch die Deutschen hätten ohne ihre Migranten kaum vier Tore geschossen. Als habe ihn das selbst nicht sehr überzeugt, räumt Wulff gleich ein, dass Fußball-Anleihen bei der Integration nur bedingt originell seien. Aber so werde deren Nutzen besonders gut erkennbar.

Auch ohne Fußball-Anleihe wäre Wulffs Plädoyer für mehr Toleranz glaubwürdig. Er rügt die Beschneidungsdebatte, in der ein Jahrhunderte altes, identitätsstiftendes Ritual verkannt worden sei. Er schildert sein Entsetzen über die Neonazi-Mordserie, bewegende Gespräche mit Hinterbliebenen der Opfer. Und er fordert ein menschlicheres Miteinander in der Gesellschaft.

Letzteres könnte man auch als Plädoyer in eigener Sache verstehen. So meint das Wulff an diesem Tag zwar offensichtlich nicht. Aber es ist kein dummer Zug, sich mit jenem Thema zurückzumelden, bei dem ihm als Bundespräsident noch die beste Figur bescheinigt wurde.

Bei den wenigen Malen, die sich Wulff seither zeigte, sah er bleich und ausgemergelt aus. Eine Brille mit dickem schwarzem Gestell tat ihr Übriges. Jetzt trägt er ein dünneres Modell, das besser zu ihm passt. Je länger er redet, desto selbstsicherer wirkt Wulff. Zuletzt hatte er die Öffentlichkeitsarbeit seiner Frau Bettina überlassen, was angesichts der Häme über deren Biografie keine allzu gute Idee war. Nun spricht Wulff wieder selbst - und kündigt an, das künftig häufiger zu tun. Davon zeugt auch sein erklärtermaßen neues Vorbild, der frühere US-Präsident Jimmy Carter (1976 bis 1980).

Carter indes musste nicht wegen staatsanwaltlicher Ermittlungen zurücktreten. Dass in Hannover noch immer dem Verdacht nachgegangen wird, der einstige niedersächsische CDU-Ministerpräsident habe sich illegaler Vorteilsannahme schuldig gemacht, bleibt in Heidelberg gänzlich außen vor. Wulff wirkt mit sich wieder einigermaßen im Reinen, auf Anzeichen von Reue wartet man vergeblich. Als sei der Rücktritt irgendein unerfreuliches Naturereignis gewesen, als habe Wulff die damalige Kampagne des Springerverlages nicht durch eigene Fehler ermöglicht und mit dilettantischem Krisenmanagement kräftig befördert.

Nach seiner Rede dürfen die rund 250 Zuhörer Fragen stellen. Erst kommen keine, dann nur ein paar wohlwollende zur Integration. Wulff beantwortet sie souverän und charmant. Am Ende verabschiedet ihn das Publikum mit freundlichem Applaus. Der hält aber nicht mal eine halbe Minute an. Rektor Heil erinnert noch an den Weihnachtsmarkt vor der Tür. Doch dafür sei es eigentlich noch viel zu früh. In der Tat.

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 22.11.2012
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