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Nahost: Israel weitet Angriffe aus / 40 000 Reservisten stehen bereit / Hamas-Raketenfeuer gibt den Ausschlag

Netanjahu geht in die Offensive

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 09.07.2014

Von unserer Korrespondentin Inge Günther

Zwei palästinensische Kinder spielen mit einer Latte nach einem israelischen Luftschlag.

© dpa

JERUSALEM. Schwarze Rauchsäulen über Gaza-City, schwere israelische Panzerverbände vor der Grenze zu dem palästinensischen Küstenstreifen, Zivilisten auf beiden Seiten in Panik. Die Bilder vom ersten Tag der israelischen Militäroperation "Brandungsfels " ähneln der Offensive im November 2012 unter dem Codenamen "Verteidigungssäule". Premier Benjamin Netanjahu kündigte gestern eine "fortgesetzte, harte Militärkampagne" an, bis das Raketenfeuer aus Gaza eingestellt werde. "Die Hamas hat die Eskalation gewählt und wird dafür einen bitteren Preis bezahlen." Selbst wenn zu diesem Zweck, so Netanjahu, eine Bodenoffensive notwendig werden sollte. Das israelische Sicherheitskabinett gab grünes Licht, 40 000 Reservisten zu mobilisieren.

Gestern Abend erlebten auch die Tel Aviver ein böses Déjà-vu, als dort erstmals seit 20 Monaten wieder die Sirenen aufheulten. Das Abwehrsystem "Eisendom" fing die Rakete, zu der sich der Islamische Dschihad bekannte, noch in der Luft ab. Die Bürgermeister von Tel Aviv und Jerusalem ordneten die Öffnung aller Zivilschutzbunker an. Im Alarmfall bleibt den Bewohnern dort knapp eine Minute Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.

Hamas-Sprecher Fausi Barhum warnte, man verfüge über eine ganze Palette diverser Geschosse. Um ihnen zu entgehen, werde "jedes israelische Haus einen ,Eisendom' brauchen", eine Anspielung auf die von Israel und USA gemeinsam entwickelten Abwehrbatterien, die jetzt wieder auch vor den Städten im Landessüden installiert sind und gestern wiederholt zum Einsatz kamen, um Dutzende der in kurzen Abständen aus Gaza lancierten Raketen vor dem Einschlag in israelischen Wohngebieten zu zerstören.

Issedim al-Kassam-Brigaden

Sie sind der militärische Arm der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas und für viele tödliche Anschläge auf Israelis verantwortlich.

Nicht nur Selbstmordanschläge gehen auf das Konto der Brigaden. Am 25. Juni 2006 waren sie auch an der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit beteiligt.

Über die Zahl von Kämpfern gibt es lediglich Schätzungen - es sollen nach unterschiedlichen Angaben vermutlich mindestens 10 000 sein.

Scheich Issedin al-Kassam ist der Namensgeber der Gruppe: Er kämpfte gegen die französische Besetzung Syriens und die britische Mandatsverwaltung in Palästina. 1935 wurde er getötet. dpa

Deutlich aufgerüstet

2012 besaß die Hamas nach Schätzung von Sicherheitsexperten "nur" 20 der gefürchteten Fajjar-Raketen, die bei einer Reichweite von 80 Kilometern die größten israelischen Ballungsräume treffen können. Vermutet wird, dass die Radikalislamisten heute das Zwanzigfache dieses Arsenals in Gaza gebunkert haben. Zudem hatten die Hamas-Kämpfer wochenlang Zeit sich für den nächsten großen Schlagabtausch mit Israel zu rüsten. Bereits, nachdem am 12. Juni drei jüdische Teenager im Westjordanland mutmaßlich von Hamas-Aktivisten aus Hebron gekidnappt und ermordet worden waren, bahnte sich ein neuer Gaza-Krieg an.

Schon früh hatte Netanjahu aggressive Rhetorik ausgepackt und die Hamas-Führung in Gaza für die Tat verantwortlich gemacht, freilich ohne konkrete Beweise vorzulegen. Allerdings hätte der Premier zuletzt viel darum gegeben, die hochangespannte Lage durch eine Waffenstillstandsvereinbarung zu entschärfen. Nur, die alte Formel, "Ruhe gegen Ruhe", einst von seinem früheren Verteidigungsminister Ehud Barak ersonnen, griff nicht. Die ägyptischen Vermittlungsbemühungen schlugen fehl. Abu Obeida, ein Vertreter der Kassem-Brigaden der Hamas, signalisierte gestern Abend zwar Bereitschaft, zu einem Waffenstillstand zurückzukehren. Daran knüpfte er allerdings die Bedingung, palästinensische Gefangene freizulassen, die während der israelischen Militärrazzien im Zuge der Fahndung nach den Entführern der drei Talmud-Schüler in der Westbank festgenommen worden waren.

Auch in der israelischen Bevölkerung wuchs der Druck, den Militanten in Gaza das Handwerk zu legen. Das geballte Raketenfeuer am Montag, mehr als 80 Geschosse an einem Tag, gab den Ausschlag. Kurz nach Mitternacht begann die israelische Luftwaffe die erste Angriffswelle der Operation "Brandungsfels". Palästinensischen Angaben zufolge gab es mindestens 16 Tote, darunter auch Kinder sowie zahlreiche Verletzte.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 09.07.2014
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