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Arbeitsagentur: Erstmals wird einem Studenten an der Mannheimer BA-Hochschule gekündigt

Rauswurf mit Ansage

Archiv-Artikel vom Donnerstag, den 30.01.2014

Von unserem Redaktionsmitglied Steffen Mack

Die BA-Hochschule in Mannheim-Neuostheim. Im Fall Marcel Kallwass ging es dort wohl nicht immer idyllisch zu.

© zg

Mannheim. Es gibt Premieren, die feiert man nicht. So nun bei der Bundesagentur für Arbeit. "Seit Gründung unserer Hochschule im Jahr 2006 ist es das erste Mal, dass wir unsererseits ein Ausbildungsverhältnis kündigen", bestätigte gestern eine Sprecherin. Der Rauswurf von Marcel Kallwass erfolgte indes mit Ansage: Vor zwei Monaten wurde der Mannheimer Student wegen Verunglimpfung seines Arbeitgebers sowie "Verletzung von Loyalitäts- und Rücksichtnahmepflichten" abgemahnt. Im Wiederholungsfall stellte man ihm die Kündigung in Aussicht.

In seinem Blog "Kritischer Kommilitone" hatte Kallwass Deutschlands größte Behörde immer wieder heftig gescholten. Vor allem wetterte er gegen die Sanktionen für Langzeitarbeitslose. Seine Mitstudenten rief er via Flugblatt zum Widerstand gegen die "knebelnden Zielvorgaben" der Bundesagentur auf. Über deren Kooperation mit der Bundeswehr schrieb er: "Arbeitsamt hilft bei Mörder-Rekrutierung."

"Widerstand wird zur Pflicht"

Ausbildung an der Bundesagentur-Hochschule

Mit rund 100 000 Mitarbeitern ist die Bundesagentur für Arbeit (BA) die größte Behörde Deutschlands und ein bedeutender Arbeitgeber.

2006 gründete sie ihre eigene, staatlich anerkannte Hochschule.

Studiert werden können die Bereiche "Arbeitsmarktmanagement" oder "Beschäftigungsorientierte Beratung und Fallmanagement".

An den Standorten Mannheim und Schwerin werden pro Jahr rund 300 Studenten aufgenommen. Formal schließen sie dazu einen - vergüteten - Ausbildungsvertrag mit der Bundesagentur.

Zum dreijährigen Studium gehören vier Praktika in Arbeitsagenturen, Jobcentern, anderen Behörden oder Betrieben. Am Ende steht der Bachelor-Abschluss. sma

Seine Abmahnung stellte Kallwass umgehend ins Netz. Ebenso am 14. Januar ein neues Flugblatt mit der Überschrift "Widerstand wird zur Pflicht", in dem er die Bundesagentur als "riesigen Überwachungsapparat" mit dem US-Geheimdienst NSA verglich. Erwerbslose würden unter Generalverdacht gestellt und mit "gesetzlich-willkürlichen Maßnahmen" in den Niedriglohnsektor und prekäre Beschäftigungsverhältnisse gezwungen.

Der aus dem schwäbischen Giengen stammende Student hatte seine Ausbildung im Sommer 2011 begonnen. Ende August 2014 wäre sie abgeschlossen. Die Hochschulgruppe Die Linke.SDS in Mannheim verurteilt die Kündigung. Wegen einiger "Bagatellen" habe man Kallwass kurz vor dem Examen die Möglichkeit genommen, sich an einer anderen Hochschule einzuschreiben.

Seine Kommilitonen sehen das etwas anders. "Ich bin nicht überrascht. Aus Sicht des Arbeitgebers kann ich das ganz gut verstehen", sagt unserer Zeitung Franz Maier, Studierendenvertreter im Senat und Sprecher von Kallwass' Mannheimer Jahrgang. "Denjenigen von uns, die Marcel näher gekannt haben, tut er zwar menschlich leid. Aber er hatte sich im Verlauf der Ausbildung immer mehr radikalisiert."

Dem Studentensprecher missfällt auch, dass Kallwass "in seinem Blog manchmal den Eindruck erweckt, als stünden viele von uns hinter ihm". Das sei falsch. "Manche fanden es zwar gut, dass er diskutiert. Allerdings waren viele von ihm und seinen ständigen Diskussionen genervt", erzählt Maier.

Aus Kreisen der Kommilitonen ist nun sogar zu hören, einige seien über die Kündigung erleichtert. Kallwass habe den Unterricht zuletzt mit seiner fortwährenden Kritik nur noch aufgehalten. Vergeblich hätten einige Mitstudenten versucht, ihn zur Mäßigung zu bewegen.

Von Hartz-IV-Gegnern wird Kallwass dagegen für seinen Widerstand gefeiert. Im Forum seines Blogs liefern sich Unterstützer erbitterte Wortgefechte mit Kommilitonen (die Kallwass teilweise gegen Angriffe in Schutz nimmt). Im Internet wird er bereits in eine Reihe gestellt mit Inge Hannemann. Die hatte sich als - mittlerweile freigestellte - Mitarbeiterin im Hamburger Jobcenter strikt geweigert, Sanktionen gegen Arbeitslose zu verhängen. Seither hat sie eine beeindruckende Medienpräsenz. Schon vor seinem Rauswurf ist der Mannheimer Student mit ihr aufgetreten.

Gestern war Kallwass nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Nach der Abmahnung hatte er auf Anfrage unserer Zeitung, warum er die Ausbildung bei der BA trotz seiner massiven Kritik an ihr fortsetzen wolle, schriftlich geantwortet: "Solange ich ein (interner) Mitarbeiter der Agentur für Arbeit bin, werde ich versuchen, dieses System von innen heraus zu verändern." Danach werde er das von außen versuchen. Man wird wohl noch von ihm hören.

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 30.01.2014
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