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FDP: Christian Lindner hat die Liberalen wieder aufgerichtet und systematisch zurück in Landtage geführt – sein Ziel ist Berlin

Vom „Bambi“ zum Leitwolf

Archiv-Artikel vom Freitag, den 18.03.2016

Von unserem Redaktionsmitglied Steffen Mack

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner dieser Tage bei einer Pressekonferenz in Düsseldorf, wo er seine Pläne für die nächsten großen Wahlen offenlegte.

© dpa

Düsseldorf/Mannheim. Mit 21 ist Christian Lindner in den Düsseldorfer Landtag eingezogen. Jürgen W. Möllemann, seinerzeit der starke Mann der nordrhein-westfälischen FDP und nach eigenem Empfinden auch der Bundespartei, verpasste ihm den Spottnamen "Bambi". Heute, 16 Jahre später, ist Lindner absolut unumstrittener Leitwolf der Liberalen. Ohne ihn hätten sie ihr politisches Koma, in das sie nach dem Debakel bei der Bundestagswahl 2013 gefallen sind, kaum überlebt.

Jetzt ist die FDP locker wieder in die Landtage von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz eingezogen. Sogar in Sachsen-Anhalt hätte es - obwohl sie sich im Osten stets schwertut - fast geklappt. Am Ziel ist Lindner noch lange nicht. Dieser Tage erklärte der Parteichef erstmals öffentlich, was er vorhat: die NRW-Landtagswahl im Mai nächsten Jahres zum Sprungbrett für die im Herbst folgende Bundeswahl machen. In diese will Lindner als Spitzenkandidat ziehen und nach Berlin wechseln. Vielleicht kommt ihm auch dort eine Schlüsselrolle zu.

"Arbeitslabor" in Düsseldorf

Christian Lindner

Geboren wurde Christian Lindner am 7. Januar 1979 in Wuppertal. Aufgewachsen ist er im Bergischen Land (nördlich von Köln). Dort lebt er auch heute mit seiner Frau, der "Zeit"-Journalistin Dagmar Rosenfeld-Lindner.

Schon zu Schulzeiten betrieb er eine Marketingagentur. Während des Studiums (Politik, Öffentliches Recht und Philosophie) war er Mitbegründer eines Internet-Unternehmens, das später aber pleite ging.

2000 wurde Lindner in den Düsseldorfer Landtag gewählt. 2009 wechselte er in den Bundestag, die FDP machte ihn zum Generalsekretär.

Dieses Amt gab er 2011 auf und zog sich nach Nordrhein-Westfalen zurück. Dort führt er die Landespartei wie die Landtagsfraktion.

Nach dem Scheitern der FDP bei der Bundestagswahl 2013 übernahm Lindner den Parteivorsitz. sma

Noch lässt sich der FDP-Chef selten in der Hauptstadt blicken. Ab und an kommt er zu Hintergrundgesprächen, dabei zeigt sich Lindner dem Vernehmen nach eloquent und demütig: Er sei ja nur Parteivorsitzender geworden, weil hierfür kein anderer in Frage kam. In der Tat haben die Westerwelles, Röslers, Niebels und Brüderles - die beim Absturz der Liberalen während der Koalition mit der Union verantwortlich waren - die Politik mehr oder weniger freiwillig verlassen. Patrick Döring etwa, der letzte FDP-Generalsekretär, verkauft heute Tierversicherungen.

Lindner ist auch Partei- wie Fraktionschef in Nordrhein-Westfalen geblieben - eine höchstseltene Ämterfülle. Dort hat er ein "Arbeitslabor für die Bundes-FDP", wie es ein NRW-Reporter ausdrückt. Nicht Christdemokrat Armin Laschet sei der wahre Oppositionsführer, sondern Lindner. Der attackiere ständig Hannelore Krafts rot-grüne Koalition. "Wenn Landtagsdebatten so vor sich hindümpeln, peppt er sie mit seiner überragenden Rhetorik auf."

Für bundesweite Bekanntheit wäre das aber nicht genug. Lindner schaffte einen zweiten Dienstwagen an, damit stets einer bereitsteht, und reist seither quer durch Deutschland von Auftritt zu Auftritt. Neun Kilo hat im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben abgenommen. Dazu soll auch viel Sport beigetragen haben.

Im Januar war Lindner in Mannheim. Seine Rede im vollbesetzten Jüdischen Gemeindezentrum wurde heftig beklatscht. Anschließend standen die Menschen Schlange, um Selfies mit dem 37-Jährigen zu machen. Auf die Frage, ob ihm das überall so gehe, überlegte er einen Moment. Dann entgegnete der FDP-Chef: "Was soll ich jetzt dazu sagen?" Ja oder Nein hätte gereicht. Aber sich so kategorisch festzulegen, ist nicht Lindners Art. Zumal er vorher durchdenkt, wie seine Aussagen verstanden werden könnten. Findet er keine gute Antwort, bleibt die Frage offen.

Vor allem ein Stratege

Noch heftiger als gegen Rot-Grün wettert Lindner über die AfD, aber in der Flüchtlingskrise kritisiert auch er Angela Merkel. Die Kanzlerin habe es sträflich versäumt, ihre Politik frühzeitig europäisch einzubetten. Dieser Befund ist mittlerweile recht unstrittig. Was Lindner aktuell konkret anders machen würde, hat man von ihm noch nicht gehört.

Lindner gilt vor allem als Stratege. Dass er die Abhängigkeit von der Union verringern will, ist bekannt. Weniger, wie gezielt er das anging: Vor geraumer Zeit schlug er Sigmar Gabriel vor, über Mittelsmänner einen Dialog zwischen ihren Parteien aufzubauen. Der SPD-Chef beauftragte seinen Vertrauten Hubertus Heil, Lindner den rheinland-pfälzischen FDP-Chef Volker Wissing - also just jenen Mann, der nun eine Ampelkoalition eingehen könnte.

Dass sich die Parteikollegen in Stuttgart dennoch Grün-Rot verweigern, hält der Mannheimer Politikwissenschaftler Marc Debus für gut nachvollziehbar: "Der FDP kann man dann nicht vorwerfen, ihr gehe es nur um Regierungsbeteiligungen." Vor der Wahl hätten die Liberalen für Baden-Württemberg eine Ampel klar ausgeschlossen, in Rheinland-Pfalz seien sie flexibler geblieben. Nun könne dort die FDP als zweitstärkste Kraft mit der SPD verhandeln, der sie inhaltlich näher stehe als den Grünen. Falls das Lindners Kalkül war, war es raffiniert.

© Mannheimer Morgen, Freitag, 18.03.2016
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