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Zum Tod von Guido Westerwelle - ein Nachruf:

Vom lauten Politiker zum obersten Diplomaten

Archiv-Artikel vom Samstag, den 19.03.2016

Von unserem Korrespondenten Rudi Wais

Guido Westerwelle gehörte zu den prägenden Figuren der bundesdeutschen Politik. Mit nur 54 Jahren ist er nun an den Folgen von Blutkrebs gestorben. Die Bestürzung ist groß.

Polarisierte wie kaum ein anderer deutscher Politiker: Guido Westerwelle.

© dpa (3), Prosswitz

Im Bundestagswahlkampf 2002 macht Westerwelle (neben ihm Parteifreund Walter Döring) mit seinem Guidomobil vor dem Mannheimer Rosengarten Halt.

© Proßwitz

Guido Westerwelle 1984 als Junger Liberaler in Bensheim/Bergstraße.

Es ist Donnerstagabend in Berlin. Ein alter Weggefährte von Guido Westerwelle ist eigentlich schon auf dem Weg nach Hause, als er noch kurz von der Trauerfeier für Hans-Jürgen Beerfeltz erzählt. Dem Mann, der fast 15 Jahre Bundesgeschäftsführer der FDP war und bis zuletzt einer der engsten Mitarbeiter von Westerwelle, ehe er im Januar den Kampf gegen Leukämie verlor. Irgendwann kommt das Gespräch dann fast zwangsläufig auf den früheren Außenminister selbst und die Frage, wie es ihm eigentlich gehe. "Nicht gut", sagt der Mann. "Ich mache mir Sorgen."

Keine 15 Stunden später ist Guido Westerwelle tot. Gestorben, auch er, an den Folgen eines besonders heimtückischen Blutkrebses, von dem er bis vor wenigen Monaten noch gedacht hat, er könne ihn bezwingen, zäh und zuversichtlich, wie man ihn kennt. "Mir geht es eigentlich ganz gut", sagt er noch Anfang November bei der Vorstellung seines neuen Buches in einem Berliner Theater. "Ich hatte bessere Phasen, aber auch sehr viele schlechtere." Wenig später allerdings muss er schon wieder in die Kölner Universitätsklinik, die er seitdem nicht mehr verlassen hat.

"Zwischen zwei Leben"

Guido Westerwelle

  • 27. Dezember 1961: geboren in Bad Honnef bei Bonn.
  • 1980: Abitur und Eintritt in die FDP, anschließend Jurastudium und Promotion.
  • 1983-1988: Vorsitz der Jungen Liberalen.
  • 1994-2001: FDP-Generalsekretär.
  • 1996-2013: Bundestagsabgeordneter.
  • 2001-2011: Bundesvorsitzender der FDP.
  • 2006-2009: Fraktionsvorsitzender der FDP.
  • 2009-2013: Außenminister und bis 2011 Vizekanzler.
  • 2010: Heirat mit seinem Lebensgefährten Michael Mronz.
  • Juni 2014: Bekanntgabe der Leukämie-Erkrankung. dpa

Reaktionen

Der Tod des früheren Außenministers Guido Westerwelle hat Bestürzung ausgelöst.

Eine Auswahl von Reaktionen:

"Mit Guido Westerwelle verliert unser Land einen leidenschaftlichen politischen Menschen, der seine verschiedenen Aufgaben, ob in seiner Partei, im Ministeramt oder zuletzt in der von ihm gegründeten Stiftung, immer mit großem persönlichem Einsatz angegangen ist. Als Vorsitzender der FDP führte er seine Partei zu großen Erfolgen. (...) Er wird uns als ein leidenschaftlicher Demokrat und Europäer in Erinnerung bleiben."

Bundespräsident Joachim Gauck

"Sein Tod erschüttert mich tief."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)

"Guido Westerwelle war Vollblutpolitiker. Jemand, der sich nie wegduckt und auch in schwierigen Zeiten seine Überzeugungen aufrecht vertreten hat."

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD)

"Mir fehlen die Worte. Guido hat so gekämpft. Die Trauer ist groß."

FDP-Chef Christian Lindner

"Ich bin unendlich traurig. Noch im November haben meine Frau und ich mit ihm einige Zeit auf Mallorca verbracht. Da war er noch guten Mutes."

FDP-Vize-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki

"Er war ein Staatsmann, ein leidenschaftlicher Freund Israels und ein Verfechter von Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit. Alle, die ihn kannten, werden ihn vermissen."

Israels Ministerpräsident

Benjamin Netanjahu

"Guido Westerwelle hat in den vergangenen 20 Jahren die politische Landschaft geprägt wie kaum ein anderer. (...) Sein Leitsatz, Deutschland brauche nicht weniger Europa, sondern mehr, gilt heute mehr denn je."

CSU-Landesgruppenchefin

Gerda Hasselfeldt

"Ich bin sehr bestürzt über die Nachricht vom Tod von Guido Westerwelle. Mit ihm ist ein aufrechter Demokrat viel zu früh von uns gegangen."

SPD-Chef Sigmar Gabriel

"Wir sind sehr bestürzt über den Tod von Guido Westerwelle. Wir trauern mit seinem Mann und seiner Familie!"

Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir

"Ein mutiger Kämpfer für Toleranz, humorvoll, stets sachlicher politischer Gegner. Er wird sehr fehlen. Ruhe in Frieden, Guido Westerwelle."

Linke-Chef Bernd Riexinger

"Die Nachricht vom Tode Guido Westerwelles hat uns erschüttert. In seiner Zeit als aktiver Politiker, insbesondere in seiner Position als Bundesaußenminister, aber auch danach stand Guido Westerwelle fest an der Seite der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland."

Der Präsident des Zentralrats

der Juden in Deutschland,

Josef Schuster

[mehr...]

Leukämie

  • Leukämie (Blutkrebs) ist eine bösartige Erkrankung der weißen Blutkörperchen (Leukozyten), die im Körper für die Infektabwehr zuständig sind.
  • Dabei kommt es im Knochenmark zu einer explosionsartigen Vermehrung der weißen Blutkörperchen. Das ruft unter anderem einen Mangel an roten Blutkörperchen (Erythrozyten) hervor, die für den Sauerstofftransport im Blut sorgen.
  • Erste Anzeichen sind eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte, Abgeschlagenheit und eine Neigung zu Blutergüssen.
  • Helfen kann eine Chemo- oder Strahlentherapie. Schlägt auch diese nicht an, ist die Übertragung von gesunden Stammzellen die letzte Chance. dpa

Dünner ist der Westerwelle geworden, der sich da im November zeigt, aber nicht depressiv, das Sprechen fällt ihm noch schwer, er nuschelt stark, aber er kann schon wieder in die Oper gehen und in die Talkshows von Günther Jauch und Markus Lanz. "Zwischen zwei Leben" hat er sein Buch genannt, das er dort bewirbt.

Er habe es geschrieben, erzählt er, um Aufmerksamkeit für Menschen zu gewinnen, denen das Schicksal ähnlich zugesetzt hat. Die länger auf eine passende Knochenmarkspende warten als er oder nach einer Transplantation mit allergischen Schocks kämpfen. "Es ist kein Krankheitsbuch", sagt Westerwelle. "Kein Todesbuch, sondern ein Lebensbuch."

Über die Politik, die sein Leben so geprägt, bestimmt und bereichert hat, redet er bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten nur noch am Rande. "Das ist so weit weg", wehrt er allzu lästige Fragen ab. Eines aber ist ihm wichtig: "Ich bin mit niemandem im Streit." Für einen Menschen wie Guido Westerwelle, der als Generalsekretär und später als Vorsitzender der FDP keine Auseinandersetzung gescheut hat und als Außenminister mehr Kritik einstecken musste als die meisten seiner Vorgänger zusammen, ist das ein bemerkenswert sanfter Satz. Im Nachhinein klingt er so, als habe er unter dem Eindruck der Krankheit vor allem eines gewollt: im Reinen sein - mit sich und anderen.

Die Jungen Liberalen gründet der Sohn eines Bonner Rechtsanwalts und einer Richterin 1980 mit, weil ihm der frühere Jugendverband der FDP, die Jungdemokraten, zu links sind. Es ist der erste Schritt auf einem Weg, den der Berliner Tagesspiegel Jahre später mit der Schlagzeile "Hauptsache Streit" überschreibt. Westerwelle ist jung, er ist angriffslustig - und er ist ehrgeizig. Mit 22 wird er Vorsitzender der Jungen Liberalen, mit 27 Mitglied im Bundesvorstand der FDP, mit 33 Generalsekretär und sechs Jahre später schließlich Vorsitzender seiner Partei: Wer in der Politik so schnell Karriere machen will, darf nicht warten, bis ein Amt zu ihm kommt. Er muss sich nach vorn drängeln, Konkurrenten ausstechen, eigene Skrupel unterdrücken. Den Parteivorsitz, zum Beispiel, entreißt Westerwelle seinem Vorgänger Wolfgang Gerhardt regelrecht. In einem Hamburger Nobelhotel redet er im Januar 2001 stundenlang auf ihn ein, bis der Hesse zermürbt und übermüdet aufgibt.

Vorgefahren im "Guidomobil"

Für die FDP, die bisher noch jede Wahlschlappe dem jeweiligen Vorsitzenden angekreidet hat, ist Westerwelles rasanter Aufstieg Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil der Neue vom Besuch im Container von Big Brother über seine Wahlkampftouren im quietschgelben "Guidomobil" bis zu den antisemitischen Klischees, mit denen sein damaliger Stellvertreter Jürgen Möllemann spielt, keine Peinlichkeit auslässt. Segen, weil die Partei nach einer Serie verlorener Wahlen unter Westerwelle schnell die Wende schafft und nach neun Jahren Opposition mit dem Rekordergebnis von 14,6 Prozent wieder Teil einer Bundesregierung wird - mit ihm als Außenminister. Ein junger Genscher.

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