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Südkaukasus: Völkermord vor über 100 Jahren, ewiger Brandherd Berg-Karabach – die ehemalige Sowjetrepublik steht auch 25 Jahre nach der Unabhängigkeit mit dem Rücken zur Wand

Bettelarmes Armenien – ein Land ohne Freunde

Von unserem Redaktionsmitglied Walter Serif

Die armenische Hauptstadt Jerewan mit dem über 5000 Meter hohen Berg Ararat - Nationalsymbol der Armenier - im Hintergrund.

© dpa

Armenien - ein kleiner Staat, abhängig von Russland und der Türkei. Die ehemalige Sowjetrepublik im Südkaukasus kommt einfach nicht zur Ruhe. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - in Armenien hängt alles irgendwie zusammen. Und wenn es besonders schlimm kommt, dann könnte Armenien auch wieder den Stoff für einen neuen Krieg liefern. Der Feind heißt Aserbaidschan. Und die Lunte am Pulverfass ist Berg-Karabach.

Eduard Hakobyan sieht schick aus in seinen Klamotten. Es ist Freitagabend im nordarmenischen Dilidschan, etwa 150 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Eriwan. Dilidschan wurde in der Sowjetzeit zu einem der führenden Kurorte ausgebaut. Hier gibt es Wälder, Berge, einen Nationalpark, Quellen, und auch guten Wein. Die Gegend gilt als die "Kleine Schweiz". Der 19-Jährige wirkt schon leicht erregt, sein jugendliches Temperament geht mit ihm ein wenig durch. "Ich habe viele Freunde, die für Berg-Karabach sterben mussten", sagt er. "Wir werden unseren Kampf niemals aufgeben." Das klingt irreal, denn Hakobyan macht gerade sein Abitur und sieht nicht so aus, als würde er wirklich seinen Hals riskieren wollen. Aber seine Augen funkeln.

Immer wieder geht es hier um Berg-Karabach, das auf aserbaidschanischem Gebiet liegt, mehrheitlich aber von Armeniern bewohnt wird. Es sagte sich bereits 1988 einseitig von Aserbaidschan los. Und nach dem Zerfall der Sowjetunion herrschte von 1992 bis 1994 ein blutiger Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan. Damals starben 20 000 Menschen, eine Million wurden vertrieben. Armenien hat Berg-Karabach allerdings nicht annektiert. Stattdessen wurde in der Hauptstadt Stepanakert die Republik ausgerufen.

Armenien

  • Der Kaukasus-Staat Armenien (Hauptstadt Eriwan) liegt im Bergland zwischen Georgien, Aserbaidschan, dem Iran und der Türkei.
  • In der ehemaligen Sowjetrepublik leben rund drei Millionen Einwohner. Flächenmäßig ist Armenien ungefähr so groß wie das Bundesland Brandenburg.
  • Armenien entspricht dem nordöstlichen Teil des ehemals viel größeren Siedlungsgebiets, das in der Vergangenheit aber nur selten ein vereintes Reich war. Der westliche, weitaus größte Teil des historischen Siedlungsgebiets blieb nach der Unabhängigkeit 1991 unter türkischer Herrschaft.
  • Nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte sich ebenfalls 1991 die Region Berg-Karabach, die zu Aserbaidschan gehört, für unabhängig. Seit 1994 herrscht ein brüchiger Waffenstillstand. (was)

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"Vier-Tage-Krieg"

Diese hat ihre eigene Fahne, eigene Briefmarken und auch eine eigene Armee. Nur: Niemand hat die Republik anerkannt, nicht einmal Armenien. De facto herrscht zwischen Armenien und Aserbaidschan kalter Krieg. Die Diplomatie spricht lieber von einem "eingefrorenen Konflikt". Das klingt weniger gefährlich, dennoch kann das Pulverfass jederzeit wieder hochgehen.

Wie zum Beispiel Anfang April 2016. Damals rückten aserbaidschanische Truppen völlig überraschend auf Berg-Karabach vor. Es gab 90 Tote in diesem "Vier-Tage-Krieg". Die Aserbaidschaner konnten zwar keinen militärischen Erfolg landen, aber auch die Armenier hatten damals wenig Grund zur Freude. Allein die Tatsache, dass der Gegner es überhaupt gewagt hatte, seine Soldaten in Marsch zu setzen, beraubte Armenien der Gewissheit, dass die Schutzmacht Russland schon dafür sorgen würde, dass nichts anbrennt.

Aber das war wohl eine Selbsttäuschung. "Die Russen liefern moderne Waffen an unseren Feind, und wir bekommen nur den Schrott", meint Eduard Hakobyan. Russland, so die bittere Erkenntnis des armenischen Präsidenten Sersch Sargsjan, sei für Armenien nie so etwas wie die Türkei für Aserbaidschan gewesen. Mit anderen Worten: Auf den Bündnispartner ist kein Verlass. Und dennoch wollen die Armenier auf keinen Fall auf Berg-Karabach verzichten. "Vielleicht gehe ich wie mein Bruder nach Berg-Karabach", sagt Hakobyan. Aufgeben kommt für keinen Armenier in diesem Land infrage.

Dumm nur, dass das kleine Armenien bettelarm ist und sich die hohen militärischen Ausgaben gar nicht leisten kann. Aserbaidschan hat ja wenigstens noch Ölfelder. Andererseits kann die Regierung in Eriwan mit dem Feind vor der Haustür viel leichter von den eigenen Problemen ablenken. Hakobyan jedenfalls macht sich keine großen Illusionen über die Zukunft seines Landes. Und redet deshalb lieber wieder über Berg-Karabach. Es ist wie in einer Endlosschleife. "In Wirklichkeit ist der wahre Krieg der zwischen der Türkei und Armenien", versucht sich der Schüler jetzt im Fach Geopolitik.

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